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Kultur Überraschende Ergebnisse bei Museumsstudie
Nachrichten Kultur Überraschende Ergebnisse bei Museumsstudie
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06:15 25.04.2012
Von Johanna Di Blasi
Mit Datenhandschuh vorm Datumsbild: Schlägt das Herz vor On Kawara höher? Quelle: Museum
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St. Gallen

Heftige Ergriffenheit oder stille Andacht: Zwischen diesen beiden Polen bewegte sich die traditionelle Kunstbetrachtung seit Johann Joachim Winckelmann (1717-1768), dem wir die schöne Formel „edle Einfalt und stille Größe“ verdanken. Noch im 19. Jahrhundert ließen sich Kunstfreunde zu heftigen Gefühlswallungen hinreißen. Der Anblick lediglich einer Reproduktion der Sixtinischen Madonna Raffaels habe bei einer Gruppe junger Leute „eine plötzliche Stockung der Gedanken“ verursacht, einige seien „in Thränen ausgebrochen“, heißt es in einer zeitgenössischen Quelle.

Heute sind wir nüchterner - und flüchtiger. Nur elf Sekunden oder drei Atemzüge verweilt der durchschnittliche Museumsbesucher vor durchschnittlichen Bildern, hat eine vom Schweizer Nationalfonds unterstützte Museumsstudie ergeben. „eMotion - maping museum experience“ lautet der Titel der von Martin Tröndle, Kulturwissenschaftler der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen, geleiteten Studie.

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Knapp 600 Besucher des Kunstmuseums St. Gallen wurden mit Datenhandschuhen durch eine eigens für das Experiment eingerichtete Ausstellung mit 76 Werken von Claude Monet über Andy Warhol bis Imi Knoebel geschickt. Über den Datenhandschuh erhielt das Forscherteam Informationen über Herzfrequenzen und Hautleitfähigkeit. Drei Monate lang wurden Daten erhoben, drei Jahre lang dauerte die Auswertung der Daten und der Fragebögen zu Vorbildung und Erwartungen der Besucher.

Am geringsten waren die messbaren Reaktionen bei einem intensivfarbigen Pop-Art-Kunstwerk von Andy Warhol: den berühmten Campbell’s Suppendosen. Ein „Antibild“ von Günther Uecker, aus dem Nagelspitzen ragen, ließ hingegen die Herzen am höchsten schlagen. Durchschnittlich verweilten die Besucher 34,5 Sekunden vor dem Nagelbild.

„Zum ersten Mal können wir die körperliche Wirkung von Kunstrezeption nachweisen“, sagt Tröndle. Die Ergebnisse könnten einige sicher geglaubte Annahmen über die Wirkung von Kunstwerken und die Aufnahmefähigkeit der Besucher über den Haufen werfen.

Museen sollen Stätten der Kontemplation sein und zugleich soziale Orte. Seit rund 30 Jahren aber entwickeln sich Ausstellungen zu Massenevents. Weltweit steigen die Museumsbesuche, in Deutschland gehen jährlich mehr als 100 Millionen Menschen in Museen. Das British Museum oder der Pariser Louvre zählen an manchen Tagen um die 9000 Besucher.„Wenn etwas zu einem ,Kulturinfarkt’ beitrage, so Tröndle, dann die von Politikern beharrlich geforderten Besucherzahlsteigerungen. Glaubt man der Studie, sind Museen heute Orte der systematischen Überforderung und des oberflächlichen Sehens. Gerade die typische Konstellation - Skulpturen im Verbund mit Bildern an der Wand - verwirre und hemme das Sehen. Und wer etwa in Begleitung durchs Museen schlendere, und das trifft für die Hälfte der Besucher zu, könne sich am Museumsausgang an fast nichts mehr erinnern.

Am aufmerksamsten schauen Besucher mit mittlerer Kunstbildung die Werke an, und nur sie interessieren sich in der Regel für die Beschilderung. „Besucher mit großem Vorwissen laufen hingegen mitten in den Raum, gucken sich einmal um, scannen nach dem Motto ,Was kenne ich?’, schauen ein, zwei Werke näher an, oder auch keins, und laufen in den nächsten Raum.“ Dieses Verhalten sei überraschenderweise „typisch für Kunstprofis und ganz extreme Laien“, sagt Tröndle.

Dass Experten Kunstwerke nicht intensiver betrachten widerlegt nach Tröndle den französischen Soziologen Pierre Bourdieu. Dieser hatte in den sechziger Jahren in seiner Studie „Die Liebe zur Kunst“ nachzuweisen versucht, dass Kunstliebe und „guter Geschmack“ Resultat der Sozialisierung in höheren gesellschaftlichen Schichten seien. Laut der Studie hat Wissen einen deutlich geringeren Einfluss auf die Kunstrezeption als bisher geglaubt. Auch die Wirkung von Kunstpädagogik ist nach Tröndle „viel geringer als angenommen“.

Tröndle zieht aus der Studie, die Folgen für die Museumsarbeit haben dürfte, das Fazit: „Museen sind weniger Orte der intellektuellen Auseinandersetzung als vielmehr Orte der körperlichen Erfahrung.“

Kürzlich untersuchten auch Studierende der Fachhochschule Hannover das Besucherverhalten im Sprengel Museum Hannover. Die wesentlich einfachere Studie ergab, dass schon eine geringfügige Änderung wie farbige Wände die Bereitschaft der Besucher verändert, sich auf Kunst einzulassen.

Näheres zu Tröndles Studie unter www.mapping-museum-experience.com.

Ronald Meyer-Arlt 22.04.2012
21.04.2012