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Kultur Überzeugendes Pubertätsdrama: "Die Schneekönigin" im Ballhof
Nachrichten Kultur Überzeugendes Pubertätsdrama: "Die Schneekönigin" im Ballhof
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09:38 28.01.2011
Von Jutta Rinas
Eiskalt: Schneekönigin Tiina Lönnmark Quelle: Daniel Marcus Kunzfeld
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„Schlagen“ ist ein Akt in der Premiere der „Schneekönigin“ in der hannoverschen Jungen Oper ganz schlicht überschrieben. Der Junge Kay hat in der deutschen Erstaufführung der Kinderoper des holländischen Komponisten Daan Manneke für zwei Schauspieler, acht Sänger und vier Instrumentalisten eine Scherbe aus dem Zauberspiegel des Teufels ins Auge bekommen – und sieht die Welt plötzlich mit verzerrtem, mit bösem Blick. „Verpiss dich“ fordert er seine Freundin Gerda unflätig auf. Dabei hat er sie kurz zuvor noch zum ersten Mal in seinem Leben geküsst. Jetzt bedrängt er sie, brüllt, schimpft, faselt sogar etwas von einem Verhör: Es wirkt, als lebe der Junge pubertäre Gewaltphantasien aus.

Es ist diese Szene, die am deutlichsten zeigt, in welche Richtung die niederländische Librettistin Sophie Kassies und die deutsche Regisseurin Dorothea Schroeder mit ihrer Interpretation des Märchens von Hans Christian Andersen gehen. Sie haben dem Kunstmärchen nicht nur – zumindest in Teilen – einen modernen Anstrich verpasst. Die Heimat der bösen Dämonen aus Andersens Märchenwelt beispielsweise ist in die Ionosphäre verlegt. Die Dämonen selbst wirken in ihren schwarzen Anzügen (Kostüme: Jorine van Beek) eher wie Außerirdische als wie Bösewichte aus der Hölle – und die Krähen, denen Gerda später auf der Suche nach dem entführten Kay begegnet, legen musikalisch einen waschechten „Krähenrap“ hin.

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Viel einschneidender ist jedoch, dass Kassies und Schroeder aus dem Märchen eine überzeugende Pubertätsgeschichte gemacht haben. Die Hauptfiguren Gerda und Kay sind in Andersens Original „ein kleiner Knabe und ein kleines Mädchen“. Sie lassen sich von der Großmutter Bilderbücher vorlesen; Kay wird vor allem für seine Künste im Kopfrechnen gerühmt. Zwar spielt später auch so etwas wie Liebe eine Rolle, aber bei Andersen ist es eine kindliche, naive Liebe, die die beiden im Kampf gegen die Schneekönigin und damit letztlich gegen eine grausame, kalte Welt bestehen lässt.

Im Ballhof 1 steht die erste Liebe im Zentrum. Ganz gleich, ob sich Gerda und Kay küssen, ob Kay die in ein aus (Kunststoff-)Scherben gewebtes Traum-Gewand gekleidete Schneekönigin (überragend als Sängerin: Tiina Lönnmark) anschwärmt oder ob Gerda überlegt, ob Prinz Salvatore nicht doch der richtige Mann für sie sei – immer wieder bestimmt das Gefühlschaos der Pubertät die hannoversche Version der Geschichte.

Die Verkürzung des viel komplexeren Originals gelingt – auch weil die Schauspieler Anjorka Strechel und Peter Sikorski die Hauptfiguren Kay und Gerda so anrührend in der Balance zwischen kindlichem Trotz, Liebessehnsucht und jugendlicher Verzweiflung halten. Die Altersangabe „ab 8 Jahre“ ist dennoch etwas gewagt. Und das auch, weil der 1939 geborene Komponist Daan Manneke (der noch bei Ton de Leeuw und Oliver Messiaen studierte) für seine acht Sänger (Chor, Nebenrollen und Schneekönigin) und sein mit Bajan, Saxofon, Posaune und Schlagzeug ungewöhnlich instrumentiertes Kammerensemble (Leitung: Siegmund Weinmeister) eine zwar feinsinnige, aber auch spröde, avantgardistische Tonsprache gefunden hat. Es gehört allerdings zu den Stärken des neu interpretierten Kunstmärchens, dass sich in der Premiere auch kleine Zuschauer mit den anfangs so fremden Klängen anfreunden konnten. Großer Applaus.

Für „Die Schneekönigin“ gibt es im März wieder Karten unter (05 11) 99 99 11 11.

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