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Kultur Urheberrechts-Debatte um Brechts „Baal“
Nachrichten Kultur Urheberrechts-Debatte um Brechts „Baal“
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00:25 17.04.2015
Eine Szene aus Frank Castorfs „Baal“-Inszenierung. Sie darf nur noch einmal, beim Berliner Theatertreffen im Mai, gespielt werden.
Eine Szene aus Frank Castorfs „Baal“-Inszenierung. Sie darf nur noch einmal, beim Berliner Theatertreffen im Mai, gespielt werden. Quelle: Matthias Horn
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Soll man den Willen des Autoren achten / Oder genussvoll die alten Meister schlachten? / Was die Nachgebor’nen sehen und hören / Die Entscheidung liegt bei den Regisseuren / Am 1. 1. 27 ist der Brecht endlich frei / Dann ist Schluss mit der ewigen Brechthaberei“. Mit diesem Spottgedicht fasst der Kabarettist Thomas Pigor den Rechtsstreit rund um eine Inszenierung von Brechts Stück „Baal“ zusammen.

Der Deutsche Bühnenverein fordert anlässlich der „Baal“-Misere eine Reform des Urheberrechts. „Seit Jahren weigert sich der Gesetzgeber, die für die Theater drängenden Fragen des geltenden Urheberrechts anzugehen. Das kann so nicht weitergehen“, sagt Rolf Bolwin, Chef des Bühnenvereins. Ein in Stein gemeißeltes Urheberrecht entspräche der heutigen Aufführungspraxis in keiner Weise und ließe sich nicht mit der Freiheit der Kunst vereinbaren.

Der Verband Deutscher Bühnen- und Medienverlage und der Deutsche Bühnenverein haben in den Siebzigern mit der „Regelsammlung Bühne“ eine verbindliche Richtlinie für Aufführungsverträge vereinbart. Sie sieht vor, dass die Verwendung werkfremder Texte und die nicht geschlechtsspezifische Rollenbesetzung vom Urheber grundsätzlich genehmigt werden müssen. Zusätzlich kann der Rechteinhaber es zum Beispiel auch verbieten, Nebenfiguren zu streichen. In Nachkriegszeiten galt der Regisseur als Diener am hehren Dichterwort. Regisseure wie Peter Stein und Peter Zadek brachen mit dieser Tradition, mit dem postdramatischen Theater etwa eines René Polleschs hat sich das Machtgefüge ins Gegenteil verkehrt: Der Autor ist der Lieferant des Textes, aus dem sich der Regisseurgott Versatzstücke herauspickt. Der Werkzertrümmerer Frank Castorf ist heutzutage alles andere als avantgardistisch.

Hält die erneute Befragung eines Textes einen Autoren wie Brecht nicht lebendig? Oder ist jedes Komma heilig? Die Debatte beschränkt sich nicht auf verstorbene Autoren: Die Dramatikerin Dea Loher setzte 2013 durch, dass das Theater Bremen die Streichung einer Figur aus ihrem Stück „Unschuld“ rückgängig machte. Regisseure, Autoren, Dramaturgen und Verlage diskutieren das Zusammenspiel von Text und Inszenierung kontrovers. Der Regisseur Sascha Hawemann, der in dieser Spielzeit in Hannover unter anderem Tolstois „Anna Karenina“ inszenierte, sieht sich gar in die DDR zurückversetzt, das geltende Urheberrecht führe dazu, dass eine „Geschmackspolizei“ aus Einzelpersonen der Kreativität kleinbürgerliche Grenzen setzen könne.  Hawemann inszeniert wegen der reglementierfreudigen Erbin aus Prinzip keine Brecht-Stücke. Vor rigiden Textverfechtern schützte ihn das nicht: Als er 2014 Tennessee Williams’ Stück „Endstation Sehnsucht“ in Magdeburg inszenierte, schickte ihm der Rechteinhaber einen Vertrag mit 15 Verbotsseiten. „Selbst unwichtige Mini-Rollen durften nicht gestrichen werden, und die Liveband musste einmal in der Woche die Musik absegnen lassen. Das fühlte sich an wie Theatermachen im Stasi-Knast.“

„Brecht hätte nichts gegen Castorf“

Ein letztes Mal darf Frank Castorfs „Baal“-Inszenierung aufgeführt werden – das Stück ist zum Berliner Theatertreffen im Mai eingeladen. Darauf haben sich der Suhrkamp-Verlag als Vertreter von Brechts Erben und das Residenztheater vor dem Münchner Landgericht geeinigt. Der Regisseur hatte zahlreiche Fremdtexte hinzugefügt, etwa Heiner Müllers „Auftrag“ und Texte von Frantz Fanon. Der Literaturwissenschaftler Axel Schnell aus Hannover, der über Brechts „Baal“ promovierte, sagt: „Brecht hätte nichts gegen Castorf gehabt. Er selbst ist sehr locker mit dem Urstoff umgegangen, in einer Fassung macht er Baal zum Beispiel zum Automonteur.“ Die Fassung aus dem Jahr 1954 ende mit der Notiz: „Ich gebe zu (und warne), dem Stück fehlt Weisheit.“ Damit habe Brecht sein Werk zur weiteren Bearbeitung freigegeben. Die Figur Baal, der für die Revolte des Anarchisten steht, hätte sich wohl über die ganze Debatte amüsiert.

Claus Peymann, der Intendant des Berliner Ensembles, das aus Tradition das Erbe des Theatergründers Brecht bewahrt, meint: „Wenn eine Aufführung gelingt, dann ist mir das Urheberrecht vollständig schnuppe. Jede Erweiterung oder Veränderung der Dichtung ist erlaubt, wenn sie das Herz des Stückes trifft.“ Der Dramatiker Dirk Laucke, der mit seinem für den diesjährigen Mülheimer Theaterpreis nominierten Stück „Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute“ auf Brechts Stück „Furcht und Elend des Dritten Reichs“ anspielt, sagt hingegen: „Es liegt mir als Autor fern, das Urheberrecht zurechtzustutzen. Niemand sollte ein Stück von mir nehmen können und seinen Namen draufsetzen. Ich wäre mit Kürzungen und Vermischungen meiner Stücke auch nicht immer einverstanden.“ Im Hinblick auf die zu erwartende Inszenierungswelle nach Brechts 70. Todestag sagt er: „Manchmal wird mir schlecht, wenn ich sehe, wie wenig man dieses Datum abwarten kann.“

Der Dramatiker Wolfram Lotz, dessen Stück „Die lächerliche Finsternis“ in dieser Spielzeit gleich achtmal inszeniert wurde, sieht das anders: „So, wie ich mir Gesellschaft vorstelle, so soll auch am Theater gearbeitet werden. Ich bin für eine möglichst hierarchiefreie Gesellschaft und also möglichst hierarchiefreie Arbeit am Theater. Deshalb betrachte ich eine Inszenierung als ein Kunstwerk aller Beteiligten, nicht als ein Werk von mir.“

Anita Augustin, die am Schauspiel Frankfurt und der Neuköllner Oper Berlin als Dramaturgin arbeitet, würde eine Reform des Urheberrechts begrüßen. Sie sagt: „Theater ist bekanntlich keine museale Veranstaltung, sondern ein höchst viriles Gewerbe. Theatertexte sind Partituren. Sie sind dazu da, konzertant dargeboten zu werden.“ Ihre eigenen Texte, darunter das oft aufgeführte Stück „Der Zwerg reinigt den Kittel“, pflegt sie mit folgenden Worten ans Regieteam weiterzugeben: „Wehe, ihr macht damit nicht, was ihr wollt!“

Für ihren Berliner Kollegen John von Düffel ist die Frage hingegen nicht prinzipiell zu beantworten. Er sagt: „Kunst ist nicht per Grundsatzentscheidung herzustellen. Aber wenn man grundsätzlich werden wollte, ist die Freiheit immer tendenziell richtiger als die Festlegung.“

Von Nina May

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