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Kultur Aufstand der Zimmerpflanzen
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19:53 05.12.2013
Brüllen für Europa: Ukrainische Demonstranten in Kiew. Quelle: Alexey Furman
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Berlin

Dieser Tage kommt sich Andrei Kurkow bisweilen so vor, als lebe er in seiner eigenen Romanwelt. In „Die letzte Liebe des Präsidenten“ entwirft der ukrainische Schriftsteller eine Zukunftsvision, in der ein schwacher Präsident sich auf Staatsbesuch begibt, während in seinem Land alles aus den Fugen gerät. „Mein fiktionaler Präsident fliegt in die Mongolei, Janukowitsch nach China“, kommentiert Kurkow. Der Autor ist bekannt dafür, surrealistische Elemente - wie zum Beispiel einen Pinguin als Protagonisten - in seine Erzählungen einzuflechten. „Die Ukraine ist ein sehr groteskes Land, ich brauche meine Fantasie gar nicht so sehr anzustrengen. Es reicht völlig, Parlamentsdebatten oder Talkshows zu verfolgen“, sagt der 52-Jährige.

Nachdem ukrainische Sondereinheiten am Wochenende eine proeuropäische Demonstration gewaltsam aufgelöst hatten, demonstrieren mehr als eine Million Menschen auf den Straßen. Einerseits unterstützt Kurkow den Protest gegen die Regierung, andererseits kritisiert er die zersplitterte Opposition. „Es gibt kein gemeinsames Ziel, das alle Demonstranten vereint.“ Das sei auch ein Grund, weshalb sich die Intellektuellen des Landes weniger engagierten als während der orangen Revolution 2004. Ausgerechnet den Profiboxer Vitali Klitschko sieht der Schriftsteller als Figur des Friedens. „Er kommt aus einer Welt mit Verhaltens- und Ethikregeln, das unterscheidet ihn von anderen Oppositionsführern. Aber auch für ihn ist es nicht einfach, durch die Spinnweben politischer Intrigen zu schauen.“

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Oksana Sabuschko, die Vize-Präsidentin des ukrainischen PEN-Zentrums, hat sich selbst mitten hinein ins Demonstrationsgewühl gestürzt. Sie erzählt, wie sie und ihr Mann in Kiew eine Konfrontation zwischen Provokateuren und der Sondereinheit „Berkut“ verhindern wollten. „Die aggressiven, sportlichen, nach Alkohol stinkenden Jugendlichen versuchten die Menge zum Sturm des Regierungsgebäudes anzuheizen. Die Miliz ließ die Knüppel tanzen, Alte und Kinder gingen zu Boden.“ Weil kein Parlamentarier vor Ort war, griff Sabuschkos Mann kurzerhand nach einem Mikrofon und besänftigte die Menge. „Diese Geschichte zeugt von den Problemen dieses Protestes: Wenn wir nicht so gut darin wären, uns selbst zu organisieren, wäre an diesem Tag die Gewalt eskaliert. Und das ist genau das, was sich die Strippenzieher hinter den Provokateuren erhoffen.“

Auf ihrer Facebook-Seite schreibt Sabuschko gar von einem Krieg der Regierung gegen ihr eigenes Volk. „Janukowitsch und seine Männer verstehen das Land zuvörderst als profitables Unternehmen. Sie haben die Ukraine an Putin verkauft, und genau das kaufen die Menschen ihnen nicht ab.“ Die Autorin, die in ihrem Band „Planet Wermut“ nationale Mythen wie Tschernobyl oder Fußball entzaubert, sagt euphorisch: „Die Jugendlichen, die auf den Marktplätzen quer übers Land verteilt EU-Flaggen schwenken und dabei die ukrainische Hymne nach der Melodie der ,Ode an die Freude‘ singen, kreieren gerade einen neuen Nationalmythos.“

Die diesjährige Preisträgerin des Ingeborg-Bachmann-Preises, Katja Petrowskaja, verfolgt die Proteste in ihrem Heimatland von Berlin aus. In den Straßen, in denen heute die Menschen für eine bessere Zukunft einstehen, ist sie zur Schule gegangen. Die 43-Jährige fühlt sich hin- und hergerissen zwischen dem Drang, zu ihren Eltern und Freunden nach Kiew zu fahren, und ihrer Abscheu gegen Massenveranstaltungen. „Wer wie ich in den siebziger und achtziger Jahren in der Sowjetunion aufgewachsen ist, wurde durch kollektive Maßnahmen vergewaltigt. Wir mussten immer strömen. In dieser Hinsicht sind wir tausendmal individualistischer als alle Westler zusammen.“ Und doch sammeln sich jetzt auch viele ihrer Freunde auf dem Unabhängigkeitsplatz Maidan in Kiew. „Für mich kam das unerwartet. Es sind Künstler und Musiker, Zimmerpflanzen, doch selbst sie gehen jetzt auf die Straße. Es ist die einzige Option, die menschliche Ehre zu behalten“, kommentiert die Schriftstellerin. Im Sommer hatte sie die Klagenfurter Jury mit einem Text über ihre Urgroßmutter überzeugt, die 1941 auf den Straßen Kiews getötet worden war.

Ihr Vater, ein Kulturwissenschaftler, hat ihr früher immer gesagt: „Der Maidan-Platz hat so viele Stufen und Brunnen, damit sich dort nicht so viele Menschen sammeln können.“ Es sei ein Wunder, dass sich bei den aktuellen Tumulten noch niemand beim Stolpern den Hals gebrochen habe.

Es gebe im Russischen ein Wort, Bespredel, das heiße so viel wie Grenzenlosigkeit, Unverschämtheit, Willkür. Das zeichne die Machtinhaber der Ukraine aus. Das Gerichtssystem funktioniere nicht, die Korruption sei grenzenlos, die Miliz handele willkürlich und oft ohne Strafverfolgung. „Bei den Protesten geht es um europäische Werte, nicht um europäische Strukturen. Man wirft uns vor, dass wir Europa durch die rosarote Brille betrachten und nicht ahnen, dass uns Ähnliches blüht wie den Menschen in Griechenland oder Bulgarien. Doch das stimmt nicht. Wir wissen, dass es hart wird. Aber die Alternative - in die Hände von Putin zu kommen - ist zu schrecklich.“

Obwohl das Misstrauensvotum gegen die Regierung gescheitert ist, versucht Petrowskaja zuversichtlich zu bleiben, dass es doch noch zu Neuwahlen kommt. „Die Menschen sind so fantastisch auf Trab, sie organisieren medizinische Hilfe und Essensversorgung. Aber die Demonstranten haben ein enormes Vertrauen in die oppositionellen Führer gesetzt, und diese zeigten sich unfähig. Das ist eine enorme Niederlage“, sagt sie. Doch das ganze Volk sei zu Partisanen geworden. Das gibt ihr Hoffnung.

Von Nina May

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