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Kultur Ulla Lenze stellt Buch über das Sterben vor
Nachrichten Kultur Ulla Lenze stellt Buch über das Sterben vor
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19:00 20.03.2012
Von Martina Sulner
Am Mittwoch in Hannover: Autorin Ulla Lenze
Am Mittwoch in Hannover: Autorin Ulla Lenze Quelle: Gerlach
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Hannover

Sie findet kein Maß. "Es ist alles zu wenig. Was immer einem einfällt, es ist zu wenig", denkt Ariane. Vor wenigen Tagen ist der Vater der 33-Jährigen tödlich verunglückt - und jetzt weiß sie nicht, wie sie die Mutter trösten könnte. Was sie sagen und tun könnte, spürt Ariane, wäre niemals genug.

Maßlos ist auch die eigene Trauer der jungen Frau. Sie kann den Verlust des Vaters nicht akzeptieren: "Ja, wenn alles sich umstülpt im Leben, und ich finde der Tod tut das, nur dass man ihn einfügt ins Leben wie einen Satzteil, als gehört er zur ganzen Geschichte, aber das tut er nicht", sagt sie zu einem Freund.

Ariane ist die Icherzählerin in Ulla Lenzes neuem Buch "Der kleine Rest des Todes". In ihrem dritten Roman erzählt die 1973 geborene Autorin von einer Frau, die den Halt im Leben verliert. Gerade ist sie aus einem indischen Kloster zurückgekehrt. Dort hat sie mehrere Monate gelebt, vordergründig aus wissenschaftlichem Interesse, denn Ariane arbeitet an ihrer Philosophie-Dissertation über die Negation bei Hegel, Adorno und im Zen-Buddhismus. Doch schnell ist dem Leser klar, dass die Frau dort wohl irgendetwas anderes als wissenschaftliche Erkenntnis gesucht hat, innere Ruhe womöglich, wenn nicht gar Sinn.

Manchmal zitiert Ariane Sätze, die sie im Kloster gehört hat - etwa, dass es zwei Arten des Leidens gebe: "Leiden. Und Leiden am Leiden. Das erste Leiden ist unvermeidbar, aber geht vorüber, das zweite hört nie auf. Wähle!" Dass die sensible, manchmal überspannte Frau sich für die zweite Variante entscheidet, hat wohl auch mit ihrer Lebenssituation zu tun. Mit ihrer Dissertation kommt sie nicht voran, ihr Liebesleben ist ziemlich desaströs - der Exfreund Arndt hat gerade eine neue Frau kennengelernt, der Geliebte Leander ist anderweitig gebunden -, und das Geld ist so knapp, dass Ariane die Stromrechnung nicht bezahlen kann und irgendwann im Dunkeln sitzt.

In ihrem schmalen, dichten Roman erzählt Ulla Lenze eine eindringliche Trauergeschichte. Die Autorin schreibt in einer klaren, unaufgeregten Sprache. In manchen Passagen hat "Der kleine Rest des Todes" einen poetischen Klang, wenn Lenze ganz genau beschreibt: "regenwurmschwere Erde, eine schwarze Erde mit Fettglanz, eine Erde, in die wir unsere Blicke versenkt haben und uns selbst..."

Lenzes Mischung aus Distanz und extremer Nahsicht hat etwas Betörendes und prägte auch ihre früheren Bücher. 2003 debütiert die gebürtige Mönchengladbacherin mit dem Roman "Bruder und Schwester", für den sie mehrfach ausgezeichnet wurde. Vor vier Jahren erschien "Archanu". Beide Bücher spielen teils in Deutschland, teils in Asien; in beiden Romanen geht es um Figuren, die unter schweren Krankheiten leiden oder diese gerade überwunden haben. In "Bruder und Schwester" reist die weibliche Hauptfigur von Köln nach Indien, weil sie sich dort Heilung für ihren kranken Bruder erhofft.

Indien kennt Ulla Lenze gut. Mehrmals hat sie dort Zeit verbracht, ein Dreivierteljahr etwa hat sie 2010 in Bombay gelebt. Im Mai verlässt Lenze wieder ihre Berliner Wohnung für längere Zeit - dann nicht Richtung Bombay, sondern nach Lüneburg: Dort wird sie drei Monate lang als Heinrich-Heine-Stipendiatin leben.

Ulla Lenze: "Der kleine Rest des Todes". Frankfurter Verlagsanstalt. 156 Seiten, 18,90 Euro. Mittwoch, 19.30 Uhr, liest die Autorin im Literaturhaus Hannover, Sophienstraße 2, und spricht mit der Soziologin und Trauerbegleiterin Annelie Keil über das Thema "Sterben lernen". HAZ-Redakteurin Jutta Rinas moderiert.

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