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18:30 29.12.2013
Von Stefan Arndt
Kann auch mal’n Witz erzählen: Ulrich Tukur im Funkhaus. Quelle: Behrens
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Hannover

Am besten ist der Mann, wenn man ihn nicht fassen kann. Ulrich Tukur ist nicht nur als Schauspieler besonders stark, wenn er rätselhafte, abgründige Figuren spielt. Gefährlich unberechenbare Menschen, in deren Worten Wahrheit und Lüge untrennbar verflochten sind. Sobald Tukur auf einer Bühne steht, scheint er eine selbst erdachte Welt aufzubauen, in der die Realität vorkommen kann, aber nicht muss. So braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn er nun wieder als Tanzmusiker mit seinen Rhythmus Boys im Funkhaus Hannover gastiert und plötzlich erklärt, alle vier Männer auf dem Podium hätten am selben Tag, und zwar gerade heute, Geburtstag. Es gehört einfach zur Moderation, ist Sprungbrett für einen Scherz. Und dass Tukur seine Mitspieler allesamt als promovierte Akademiker vorstellt, kannte man vom ihm schon, bevor die Jagd auf Plagiate in Doktorarbeiten zum Volkssport wurde.

Wenn er nun aber in einem kleinen Nebensatz etwas richtigstellt, wirkt es, als falle Tukur aus der Rolle. „Eigentlich ist es ja Hiroschima, aber na ja …“, sagt er nach der üblichen Ankündigung eines Liedes, das er seit Jahren bei seinen Auftritten in der Stadt spielt: einen „flotten Foxtrott aus Hannovers Partnerstadt Nagasaki“. So wird aus dem sinisteren Chansonier, der düstere Balladen singt und die Schlager aus dunklen Zeiten, plötzlich ein ganz normaler Entertainer. Das ist ein bisschen schade, aber nicht furchtbar schlimm: Auch als normaler Entertainer ist Tukur sehr gut.

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Der Nagasaki-Foxtrott ist schmissig wie immer mit seiner Mischung aus musikalischer Raffinesse und Nonsens. Relativ neu im Programm sind italienische Chansons aus den fünfziger und sechziger Jahren etwa von dem „Volare“-Komponisten Domenico Modugno. Der Wahl-Venezianer Tukur schüttelt sie zwar elegant und lässig aus dem Ärmel, auch wenn die Lieder mit ihrem vollblütigen Pathos nicht recht zu den übrigen, ironisch-leichten Stücken passen. Groß sind Tukur und seine Band im Repertoire von einst: Die Schlager von Ralph Maria Siegel (dem Vater des bis vor wenigen Jahren allgegenwärtigen Ralph Siegel) oder Walter und Willy Kollo (Vorfahren des Tenors Rene Kollo) klingen unter ihren Händen wie ganz hohe Kunst. „Das Großstadt-Lied“ von Friedrich Schröder, den Tukur wieder wunderbar unklar (und unwahr) als entfernten Onkel von Gerhard Schröder vorstellt, wird so eine Hymne auf das Leben, und Siegels „Von acht bis um acht“ tatsächlich so federleicht, dass die Musik zu schweben scheint wie die Besenstöcke von Schlagzeuger Karl Mewes.

Der sorgt als kleinstes Mitglied der Rhythmus Boys für die Comedy neben der Kunst und ist auch beim zehnten Mal als krächzende Bauchrednerpuppe ernsthaft lustig. Bassist Günter Märtens macht mit seiner Körpergröße von zwei Meter acht wieder eine gute Figur als Bauchtänzer. Das allerdings wohl zum letzten Mal: Tukur will den Siegel-Klassiker „Im Harem sitzen heulend die Eunuchen“ künftig aus dem Programm streichen. Rhythmus-Gitarrist Ulrich Meyer dagegen wird sicher weiterhin mit „250 Gramm Haargel“ auf dem Kopf und „künstlerisch wertvollen“ und doch haarsträubend unvirtuosen Gitarrensoli in den Fingern für Furore sorgen.

Und Tukur? Der erzählt inzwischen Witze. Natürlich tut er auch das mit Geschmack und großem Können, aber er ist dabei auch nicht mehr weit entfernt von Unterhaltungsphänomenen wie Fips Asmussen. Nicht wenige Scherze sind Rentnerwitze, die mit der Vergesslichkeit kokettieren, was sicher auch ein Hinweis darauf ist, dass das Rhythmus-Boys-Programm etwas in die Jahre gekommen ist und Extravaganz und Experimentierlust an vielen Stellen durch Routine ersetzt sind. Dabei stehen Tukur und die Rhythmus Boys, die jüngst sogar gemeinsam im „Tatort“ zu sehen waren, auf der Höhe des Erfolgs: Wegen der großen Nachfrage wurde in Hannover ein Zusatzkonzert am Nachmittag anberaumt.

Natürlich ist das Publikum im ausverkauften Saal wie immer begeistert und bezaubert, wenn die Musiker schließlich mit ihrer wunderbar poetischen „La Paloma“-Version die Möwen über das Funkhaus ziehen lassen. Etwas mehr Gerhard Schröder und etwas weniger Hiroschima hätten dem Abend aber doch gutgetan. Sonst weiß man am Ende womöglich noch, woran man bei Ulrich Tukur eigentlich ist.

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