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Kultur Umjubelte Premiere der Kinderoper
Nachrichten Kultur Umjubelte Premiere der Kinderoper
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22:33 13.05.2012
Von Jutta Rinas
Flammendes Plädoyer für gutes Musiktheater: Die Premiere einer Kinderoper von Stefan Johannes Hanke mit dem Teufel (Michael Chacewicz) am glühenden Kessel.
Flammendes Plädoyer für gutes Musiktheater: Die Premiere einer Kinderoper von Stefan Johannes Hanke mit dem Teufel (Michael Chacewicz) am glühenden Kessel.Kunzfeld Quelle: Kunzfeld
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Für einen Moment wirkt es so, als würde das Glückskind selbst in Stücke gerissen. Als würde all das, was es ausmacht - seine kindliche Selbstsicherheit, sein naives, unumstößliches Vertrauen in sein Glück - förmlich zerpflückt. Dabei sind es nur Wortfetzen, die dem Publikum in der Uraufführung von Stefan Johannes Hankes Kinderoper „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ unter der Regie von Tobias Ribitzki im Ballhof Eins plötzlich um die Ohren fliegen. Aber wie der 27 Jahre alte Komponist hier Worte und Töne arrangiert, das ist mit viel Gefühl für dramatische Effekte und musikalisch bemerkenswert präzise gemacht.

Aus Wortteilen wie „Glück“ oder „Kind“, Sprachsplittern wie dem höhnisch gezischten „s“ oder dem in ein irres Lachen übergehenden „ühühühü“, entwickelt der Schüler Manfred Trojahns eine Schlüsselszene: eine Schreckensvision seines Glückskindes für Tenor, Bariton, Bass, Sprecher und Kammerensemble. An keiner anderen Stelle wird es so deutlich: In dieser Oper, einem Auftragswerk der Staatsoper mit Unterstützung der Gesellschaft der Freunde des Opernhauses, sind die Märchenfiguren vielschichtiger, menschlicher, gezeichnet als in der Vorlage. Das Glückskind (schön natürlich: Neele Kramer) beispielsweise ist mit Selbstzweifeln behaftet. Einmal gesteht es sogar: „Ich habe Angst.“ Das klug und behutsam aktualisierende Libretto von Dorothea Hartmann weicht an dieser Stelle am deutlichsten vom grimmschen Märchen ab.

Die Szene, in der das Glückskind mit dem Fährmann zum Eingang der Hölle übersetzt, ist zudem die unheimlichste in dieser Premiere (Bühne: Pablo Mendizábal). Die Trauer des Fährmanns (Hyun-Bong Kil) über eine Welt, in der das Glück der Menschen einer lähmenden Starre gewichen ist, ist mit Händen zu greifen. Man fragt sich einen Moment lang sogar, ob das Stück tatsächlich geeignet für Kinder ab sieben Jahren ist.

Die neue Kinderoper enthält aber auch viele komische Momente mit großartigen theatralischen Effekten. Als des Teufels Großmutter (herausragend: Daniel Eggert) auftritt, kommt auch der Posaunist des Kammerensembles der Staatsoper (Dirigent: Benjamin Reiners) auf die Bühne und entwickelt aus etüdenartigen Melodiefetzen eine schräge Tanzmusik im Dreivierteltakt. Oma Teufel wiegt ihren eher ungezogen als böse wirkenden Enkel (Michael Chacewicz) mit einem Wiegenlied in den Schlaf und lädt das Publikum zum Mitsingen ein, bevor es dem Teufel die goldenen Haare ausrupft. Hankes moderat neu tönende Musik zeichnet dabei der unbefangene Umgang mit Musikstilen (von Arien-Schlüssen in Dur, über dissonante Intervallsprünge bis zu Folkloreeinsprengseln) aus, vor allem aber auch ein das Libretto sensibel und wirkungsvoll unterstreichender Zugriff. Der Prinzessin (Tiina Lönnmark) schreibt der derzeitige „young composer in residence“ der Staatsoper poetische Arien, dem geldgierigen König (Claus Koschinski) gönnt er keinen musikalischen Ausdruck: Er setzt ihn lediglich als Sprecher ein.

Die hannoversche Staatsoper zeigt mit dieser Uraufführung einmal mehr, dass es möglich ist, Musiktheater für Kinder auf musikalisch und inhaltlich höchstem Niveau zu machen. Großer Applaus.

Wieder am: 15., 24. Mai, 3., und 23. Juni.

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