Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Am laufenden Band
Nachrichten Kultur Am laufenden Band
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:43 19.06.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Achtung, Aufnahme: Das Tonbandgerät im Hintergrund von „Unsere Geheimnisse“ dient nicht nur zur Aufzeichnung von Volksmusik. Foto: Puskel Zsolt Quelle: Puskel Zsolt
Anzeige
Hannover

Das ist eher selten im zeitgenössischen deutschsprachigen Theater: dass man gebannt das Spiel verfolgt, dass man sofort wissen will, wie es weitergeht, und dass das, was auf der Bühne dargestellt wird, kaum zu ertragen ist. Natürlich haben die Regisseure des zeitgenössischen deutschsprachigen Theaters nichts dagegen, ihr Publikum zu fesseln. Aber es hat sich hier (mit dem Aufkommen des Begriffs „postdramatisches Theater“) die Meinung durchgesetzt, dass das Vorführen einer Handlung, dass dieses alte Als-ob des Theaters, nicht der richtige Weg dazu ist. Man misstraut dem Spiel, der Verstellung und auch den starken Geschichten.

Figuren, die vor unlösbaren Konflikten stehen, Geschichten, in denen die Handlung immer wieder neue Wendungen annimmt, Leidenschaften, die das Publikum überwältigen, das alles passt nicht in ein Theater, das am liebsten durch seine Existenz und eben nicht durch Spiel und Verstellung wirken will. So etwas überlässt man lieber Fernsehen, Kino oder Unterhaltungsliteratur.

Anzeige

Anderswo ist das allerdings nicht so.

Das hannoversch-braunschweigische Festival Theaterformen, das noch bis zum 22. Juni in Braunschweig läuft, hat es sich zur Aufgabe gemacht, andere Spielweisen, andere Theaterformen zu zeigen. Jetzt war im Kleinen Haus des Braunschweiger Staatstheaters bemerkenswert spannendes Theater aus Ungarn zu sehen. Béla Pintér, Regisseur, Autor und eine der wichtigsten Figuren der freien Theaterszene seines Landes, hat mit seiner Compagnie ein Stück entwickelt, das voll ist von Konflikt, Leidenschaft, Liebe, Verachtung und Schuld. „Titkaink - Unsere Geheimnisse“ spielt in den frühen achtziger Jahren in ungarischen Dissidentenkreisen. Wir lernen die Mitglieder einer Volkstanzgruppe kennen. Einer von ihnen, Istvan Balla Ban, ein ziemlich sympathischer Zwei-Meter-Mann, sammelt untergehende Volkslieder. In der zweiten Szene aber sitzt er bei einer Ärztin im Behandlungszimmer und berichtet von seinem Problem. Er fühlt sich nicht mehr zu seiner Frau hingezogen, sondern zu seiner siebenjährigen Stieftochter. „Ihre Krankheit hat einen Namen“, sagt die Ärztin: „Pädophilie“. Und dann erklärt sie ihm, dass es beim gegenwärtigen Stand der Wissenschaft nur eine wirksame Behandlung dagegen gäbe: das Gefängnis.

Doch dorthin geht Istvan nicht.

Er geht ins Kinderzimmer. Er geht mit dem Mädchen ins Bad. Er ist verzweifelt, er kämpft gegen sein Verlangen, und er vergeht sich doch an dem Kind. Das Theater zeigt die Tragödie eines Mannes, der erfolglos versucht, sich gegen seine Leidenschaft zur Wehr zu setzen.Der Schauspieler Zoltan Friedenthal spielt das sehr zurückhaltend, er setzt seine Mittel ganz sparsam ein - und erzielt sehr starke Wirkung.

Im Hintergrund drehen sich fast fortwährend die riesigen Spulen eines überdimensionalen Tonbandgeräts. Viel Musik ist an diesem Abend zu hören: ungarische Volksmusik, aber auch Baccaras Hit „Yes Sir I Can Boogie“, bei dessen Wiedergabe das Tonband wunderbar ins Leiern gerät. Regisseur Pintér gelingt es immer wieder, das Publikum zum Lachen zu bringen - und dann doch wieder zu schockieren. Die Geschichte hat auch eine politische Dimension, das Tonband im Hintergrund ist nicht nur zum Konservieren alter Volkslieder da. Das Gespräch des Pädophilen bei der Ärztin wurde aufgezeichnet, Istvan ist jetzt erpressbar. Er verlässt seine Frau, bespitzelt seine Freunde und verzweifelt. Am Ende fließt Blut - wie es sich für eine Tragödie gehört.

Es ist, als hätte die Gruppe um Béla Pintér mit diesem intensiven Verstellungs- und Mitfühltheater eine ganz alte Theaterform wieder ausgegraben. Und als müssten die Gäste aus Ungarn uns daran erinnern, was hier im Theater so alles in Vergessenheit geraten kann.

Das Festival „Theaterformen“ läuft noch bis Sonntag auf verschiedenen Bühnen in Braunschweig. Im Großen Haus des Staatstheaters ist heute um 19.30 Uhr Lola Arias’ „Das Jahr, in dem ich geboren wurde“ zu sehen.

Kultur „David’s Formidable Speech on Europe“ - Reden über eine Rede
19.06.2014
Uwe Janssen 18.06.2014
Kultur Rezepte gegen nervige Melodien - So wird man Ohrwürmer wieder los
18.06.2014