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Kultur „Up and Coming“ begeistert Filmfreunde
Nachrichten Kultur „Up and Coming“ begeistert Filmfreunde
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19:41 22.11.2009
Festivalleiter Burkard Inhuelsen und Pia Genz. Die 11-Jährige spielt im Film Die Arktis mit. Quelle: Martin Steiner
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Warum drehen junge Leute Filme? Beim 16-jährigen Richard Lamprecht und seinen beiden Geschwistern war es so: „Wir wussten nicht, was wir unseren Eltern zu Ostern schenken sollten.“ Da kam dem Dresdener Trio die Idee, mit Beamer, Computer und Leinwand einen ganz normalen Tagesablauf im Familienleben nachzustellen. Und so sieht man jetzt die Schatten der Lamprecht-Kinder – mit Laptop, Trompete oder Zahnbürste bewaffnet – als Schatten hin und her geistern. Am Bildrand läuft eine Digitaluhr mit. So verläuft also bei den Lamprechts ein ganz normaler „Dienstag“.

Der Kurzfilm „Dienstag“ hat es in den Wettbewerb des Festivals „Up and Coming“ geschafft – als einer von gut 200 Filmen unter knapp 3000 Einsendungen aus mehr als 60 Ländern. Was schon darauf hindeutet, dass Richard Lamprecht ein echtes Talent und sein Film nur bedingt ein Zufallsprodukt ist.

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Schon vor zwei Jahren, bei der vorigen Ausgabe des internationalen Nachwuchsfestivals, gehörte der Schüler zu den Siegern – und gewann neben 2000 Euro eine Patenschaft bei der Erfolgsproduzentin Regina Ziegler. Sie hat den jungen Mann zwischenzeitlich unter ihre Fittiche genommen. Lamprecht hat sogar eine eigene Produktionsfirma gegründet.

Auch die Festivalteilnehmer dieses Jahres können darauf hoffen, dass sich ihnen Karrieretüren öffnen: In der Jury des deutschen Wettbewerbs zum Beispiel sitzt die Fernsehredakteurin Cornelia Ackers. Sie betreut das „Debüt im Ersten“, in dieser Reihe laufen oftmals die erfrischendsten ARD-Filme. Die Arbeitsproben von mehr als 100 Talenten hat Ackers bis Sonntag gesichtet.

Auf so viel Nachhaltigkeit können nur wenige Filmfestivals verweisen. „Up and Coming“, 1982 als Schülerfilmfestival gegründet, hat seinen Platz als Scharnier zwischen Hobby- und Profifilmern gefunden. Die Grenze ist fließend. Logischerweise: Die Teilnehmer in Hannover sind zwischen sieben und 27 Jahren alt.

Wer sich in die Polstersessel im Obergeschoss des Cinemaxx sinken lässt und in die in zweistündige Filmblöcke unterteilten Vorführungen eintaucht, bekommt eine ungefähre Ahnung, was in Deutschland (und überall sonst auf der Welt) in Familien, Schulen und vor allem an Universitäten gefilmt wird – egal, ob mit Schauspielern, als Zeichentrick oder im Stop-Motion-Verfahren, egal, ob Spielfilm, Dokumentation, Essay oder böse Satire, egal, ob per Computer oder auf Zelluloid.

Erstaunlich allerdings: Die Zahl der reinen Computeranimationen, so die Festivalveranstalter Karin, Harald und Burkhard Inhülsen, hat abgenommen. Die Filmemacher beobachten lieber das wahre Leben. Dieses Jahr sind viele Dokumentationen im Angebot, die sich mit Umweltfragen beschäftigen. Der Nachwuchs tritt mit einem Furor zur Rettung der Welt an, wie ihn ältere Kollegen kaum mehr aufbringen.

Spezialeffekte gehören wie selbstverständlich dazu, wenn etwa Elisa Klement in „Brei Brumm Bumm“ die Kommunikation zwischen einem Mädchen und einem ausgesprochen lebendigen Teller Kartoffelbrei inszeniert, den die Kleine partout nicht aufessen mag. Der Film der 24-jährigen Klement ist ihre Abschlussarbeit an der selbst verwalteten Berliner Filmschule „filmArchive e. V.“. Nun will sich die Regisseurin an einer staatlichen Schule bewerben.

Gerade die Arbeiten aus deutschen Hochschulen können sich qualitativ mit dem messen, was Kinogänger heute zu sehen bekommen. Schließlich räumen deutsche Studenten beinahe im Jahresrhythmus in Hollywood Oscars ab.

Gewiss, viele andere „Up and Coming“-Filme sind technisch und künstlerisch unausgereift, um so mehr beeindruckt ihr Ideenreichtum. Es scheint eingetreten zu sein, was die dänischen Dogma-Filmer um Lars von Trier bereits im Jahr 1995 in ihrem „Manifest“ prophezeiten: „Uns umtost ein technologischer Sturm, dessen Ergebnis die Demokratisierung des Kinos sein wird. Zum ersten Mal kann jeder Filme machen.“

Offensichtlich macht inzwischen beinahe jeder Filme. Manchmal reizt Hollywoodregisseure und junge Talente sogar die gleiche Idee: Unten im Cinemaxx läuft im aktuellen Programm Robert Zemeckis’ mächtig aufgemotzte 3-D-Version der „Weihnachtsgeschichte“ mit einem nicht wiedererkennbaren Jim Carrey in der Hauptrolle, oben zeigt der 13-jährige Orlando Boeck eine in die Gegenwart übertragene Version der Charles-Dickens-Geschichte. Ein bisschen Schminke, angeklebte Koteletten und ein Krückstock reichen, um Geizhals Ebenezer Scrooge zu charakterisieren.

Warum also filmen junge Regisseure? Weil sie gegen Ungerechtigkeiten anrennen, etwa gegen die Abschiebung eines Immigranten wegen „51 Euro“ (von Enkelejd Luka und Marco Eisenbarth, beide 1985 geboren), weil sie Solidarität einfordern (im iranischen Beitrag „Father Gave Water“ von Mahdi Jafari, 1982 geboren), weil sie von gerade entdeckten erotischen Versuchungen erzählen (wie im israelischen Film „Grown up“ von Dana Neuberg, 1981 geboren). Oder sie filmen ganz einfach, weil sie Lust dazu haben.

Dank YouTube und anderen Videoportalen stehen jungen Filmemachern heute viele Vertriebswege offen, aber beim hannoverschen „Up and Coming“-Festival bekommen sie etwas ganz Besonderes geboten: einen Auftritt auf der großen Leinwand.

Noch bis Sonntag läuft im hannoverschen Cinemaxx in der Nikolaistraße das „Up and Coming“-Festival. Die Preise werden am Sonntag um 11.30 Uhr vergeben. Infos unter www.up-and-coming.de im Internet.

Johanna Di Blasi 21.11.2009
Stefan Stosch 20.11.2009