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Kultur „Up in the air“: George Clooney unterwegs zur nächsten Kündigung
Nachrichten Kultur „Up in the air“: George Clooney unterwegs zur nächsten Kündigung
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19:01 03.02.2010
Von Stefan Stosch
Unterwegs zur nächsten Kündigung: Ryan Bingham (George Clooney) weiß genau, wo’s langgeht.
Unterwegs zur nächsten Kündigung: Ryan Bingham (George Clooney) weiß genau, wo’s langgeht. Quelle: Paramount Pictures
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Jeder Mensch hat Ziele. Manche wünschen sich, dass abends beim Öffnen der Wohnungstür die Kinder freudestrahlend dahinter warten – oder wenigstens der Golden Retriever mit dem Schwanz wedelt. Andere wollen auf keinen Fall morgens allein aufwachen oder, noch schlimmer, irgendwann allein sterben.

Ryan Bingham (George Clooney) hat Pläne, für die er niemand anderen braucht. Ja, Beziehungen zu anderen Menschen stören ihn nur. Bingham sammelt Flugmeilen – an mehr als 300 Tagen im Jahr ist er dienstlich in der Luft. Zehn Millionen Meilen braucht er zum Glück. Dann bekommt er von seiner Lieblings­airline den lebenslangen Vielfliegerstatus und eine edel designte Karte, die er zu den anderen Bonuskarten in sein Portemonnaie stecken kann. Bingham ist schon ziemlich nahe dran am Ziel.

„Mich zu kennen heißt, mit mir zu fliegen“, spricht er zum Kinozuschauer, während er mit seinem Trolley an den Economy-Kunden vorbeizieht und dann sein Sakko lässig-elegant beim Sicherheitscheck drapiert. Die Eleganz, mit der er diesen für andere nur lästigen Parcours absolviert, kommt der eines Künstlers gleich.

Man muss allerdings Regeln beachten: Stell dich nie in die Schlange von arabisch aussehenden Fluggästen – die werden besonders hartnäckig kontrolliert. Auch nicht in die von Senioren – die haben zu viel Metall für die Detektoren im Körper. Asiaten sind gut: „Wenig Gepäck, Slipperträger, hohe Effizienz.“

Am 4. Februar startet die Komödie „Up in the Air“ mit George Clooney und Vera Farmiga in den Hauptrollen in den deutschen Kinos.

Ist der Vielflieger mal nicht „Up in the Air“, wie Jason Reitmans bösartig-kluge Komödie heißt, dann entlässt er Mitarbeiter im Auftrag von Firmenbossen, die ihrerseits zu feige dafür sind. Bingham ist Spezialist für formvollendete – und vor allem: juristisch unanfechtbare – Kündigungen. In seinem Geschäft herrscht gerade Goldgräberstimmung: Autoindustrie, Einzelhandel und Wohnungsmarkt liegen am Boden. Wenn Bingham fliegt, fliegen andere auch.

Bevor wir ihn überhaupt zu Gesicht bekommen, sehen wir Menschen in Großaufnahme. Es ist eine Galerie der Unglücklichen in einer auf beruflichen Erfolg fixierten Gesellschaft. Sekundenschnell ziehen die Gesichter an uns vorüber. All diesen Menschen hat Bingham soeben eröffnet, dass sie ihre Stelle verlieren. Sie wüten und weinen. Sie betteln darum, verschont zu werden. Sie verweisen auf ihre Kinder, auf ihre Schulden, auf ihre jahrelange Loyalität zur Firma. Manche drohen mit Selbstmord, bei manch anderen ist ein Amoklauf nicht ausgeschlossen. Die Leute wirken authentisch. Sie sind es auch: Der Regisseur hat Laiendarsteller für diese Auftritte gecastet, die kurz zuvor entlassen worden waren.

Gerne sagt Bingham in den Gesprächen: „Versuchen Sie, es nicht persönlich zu nehmen“, und dann hat er (Hohl-)Formeln von neuen Herausforderungen parat, die klingen, als würde sich für die Entlassenen gerade der amerikanische Traum erfüllen und kein persönliches Trauma anbahnen.

Man müsste Bingham für diese Vorstellung hassen. Aber weil Clooney ihn so brillant spielt, ist das gar nicht so einfach. Und zuckt da nicht doch so etwas wie Mitgefühl in seinem Mundwinkel? Außerdem könnte ja alles noch schlimmer kommen für seine Opfer: Es könnte jemand anders sein, der ihnen kündigt.

Am Ende bittet Bingham seine Gegenüber, den Schreibtisch zu räumen. Dann taucht er wieder ein in seine abgeschottete Businessclass-Welt aus klimatisierten Lounges, Flughäfengängen und King­size-Hotelbetten. Hier ist er zufrieden, vielleicht sogar glücklich.

Man kann das aus seinen Vorträgen heraushören, die er als Motivationstrainer hält und in denen er seinen Zuhörern empfiehlt, ihre „schweren (Lebens-)Rucksäcke“ zu leeren. Beziehungen sind für Bingham überflüssiges Gepäck. Wenn jemand den perfekten Einzelkämpfer im globalisierten Nomaden-Kapitalismus personifiziert, dann dieser Mann.

Bis dahin ist „Up in the Air“ – frei nach Walter Kirns Roman „Mr. Bingham sammelt Meilen“ – der Film zur Wirtschaftskrise, angereichert mit deftigem Zynismus. Doch geht es Regisseur Reitman darum, den Überflieger Bingham zu erden. Er will ihn aus seiner Isoliertheit herausholen. Reitman, erst 32 Jahre alt, ist Spezialist für grausame Komödien: In „Juno“ erzählte er mit bissigem Witz von einer jugendlichen Schwangeren.

Hier lernt Bingham die Vielreisende Alex (Vera Farmiga) kennen – ein Typ wie er, „nur mit Vagina“, wie sie sich ihm vorstellt – und beginnt mit ihr eine eng nach Flugplänen getaktete Affäre. Und dann wird ihm die junge Kollegin Natalie (Anna Kendrick) vor die Nase gesetzt, die die antiquierten, weil auf menschlichem Kontakt beruhenden Entlassungstechniken in Binghams Firma dem neuen Jahrtausend anpassen will: Künftig soll per Videokonferenz gekündigt werden.

Mit der Vielfliegerei scheint es für Bingham vorbei zu sein – und damit auch mit seiner Lebensphilosophie von der Freiheit über den Wolken. Doch wird die Freiheit sowieso schon von einem Gefühl von Einsamkeit infiltriert. Könnte es sein, dass Bingham auf Dauer bei Alex landen will? Sieht er womöglich in einer festen Bindung keine Fessel mehr?

Es muss niemand befürchten, dass „Up in the Air“ einen Absturz als rührselige Hollywodschnulze hinlegt. Der Regisseur und seine drei wichtigsten Darsteller sind dafür viel zu klug – und alle vier wurden soeben für den Oscar nominiert. Zudem mag innere Läuterung wie in Binghams Fall ja gut und schön sein, aber Bonusmeilen gibt es dafür nicht.

Sein Lebensziel sind Meilen:
 Herrlich bösartige Tragikomödie.
 Cinemaxx Raschplatz, Cinemaxx
 Nikolaistraße, CineStar.

Martina Sulner 03.02.2010
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