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Kultur Geht’s auch oben ohne?
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22:33 15.12.2013
Von Daniel Alexander Schacht
Wirrhaar und Weitblick? Urban Priol im Aegi. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

„Die Frau, die Schlecker-Entlassene in Kitas und Hartz-IV-Empfänger zur Pflege einsetzen wollte, wird Verteidigungsministerin – da kann ich doch gleich gehen.“

Aber Priol bleibt. Er teilt bei seinem Jahresrückblick im Theater am Aegi in alle Richtungen aus, vor allem gegen die alte schwarz-gelbe und auch schon gegen die neue schwarz-rote Koalition. Und er lobt, ganz unironisch, die Zeit dazwischen. „Der Dax klettert, die Wirtschaft floriert, es gibt keine neuen Skandale – vielleicht sollten wir’s dabei belassen, oben ohne Regierung zu sein …“

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Hat der Mann mit dem wirren Haar vielleicht sogar den nötigen Weitblick für solche Sätze? Immerhin hat er schon den 177  Seiten langen Koalitionsvertrag durchforstet. „Von Zusammenhalt ist erst auf Seite 86 die Rede, von Bürgerbeteiligung auf Seite 146 – Willy Brandt hat unter ,mehr Demokratie wagen‘ was anderes verstanden.“ Dabei lässt Priol das „R“ rollen wie einst der SPD-Übervater –  und auch sonst bevölkert der 52-Jährige die Bühne im Alleingang mit einem Prominenten-Panoptikum, gibt Joschka Fischers kehlig krächzend, Helmut Kohls  nuschelnd,  Gerhard Schröders hackendes Lachen oder das sonore Brummen Joachim Gaucks.

Den nennt er „pastoralen Oberschwurbler“ – und man merkt: Zwischen Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung finden bei Priol auch Kalauer Platz. Etwa wenn er Rainer Brüderle einen „wandernden Herrenwitz“ nennt. Oder, schon besser, Barack Obama „unsere Friedensnobelpreisdrohne“. Überhaupt, das transatlantische Verhältnis: In der NSA-Affäre seien Angela Merkels Mannen als Trupp treuherzig Ahnungsloser umhergetappt – vom für Geheimdienste zuständigen Kanzleramtsminister Ronald Pofalla bis zu Innenminister Peter Friedrich. Der sei von einer US-Reise mit der Botschaft heimgekehrt, alles sei wieder in Ordnung. „Das war die größte Irrfahrt seit der Odyssee.“ Und die Kanzlerin selbst? Bei der könne man sicher allenfalls darauf rechnen, dass das Gegenteil des Gesagten eintrete, sagt Priol und weist nicht nur auf Merkels Maut-Rochade hin.  „Sie hat auch höhere Steuern ausgeschlossen – jetzt steigen Gebühren und Abgaben.“

Widersprüchlich wie die Kanzlerin sei auch das Vertrauen, das sie genieße. „In Umfragen sagen 65 Prozent, Merkel habe sie gut durch die Krise geführt –  und 75 Prozent glauben, der Krisenhöhepunkt komme erst noch.“ Dabei werde umgekehrt ein Schuh draus: „Die Deutschen haben Merkel sicher durch die Krise geführt.“ Sicher habe sie dabei auf Journalisten rechnen können, die sie  und ihren Herausforderer Peer Steinbrück mit zweierlei Maß gemessen hätten. „Wenn die auf ihrer Datsche Erdbeeren gepflanzt hätte, gäb’s im Boulevard Kochrezepte dazu – bei Steinbrück gäbe es Schlagzeilen wie ,Wirbel  um Erd-Peer: Nebeneinkünfte nicht deklariert?‘“

Immerhin: Solche Szenarien zeigen, dass selbst die Realsatire noch Spielraum fürs Kabarett lässt. Und für Urban Priol sogar so viel, dass er im ausverkauften Theater am Aegi auch nach einen Auftritt, der mit mehr als drei Stunden geradezuwagnereske Dimensionen hat, begeisterten Applaus erntet.

Priols Jahresrückblick „Tilt!“ zeigt das ZDF am 19. Dezember um 22.15 Uhr.

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