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Kultur VGH-Fotopreis für hannoverschen Studenten
Nachrichten Kultur VGH-Fotopreis für hannoverschen Studenten
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22:03 18.11.2015
Von Uwe Janssen
Garten mit Aussicht: Urban Farming neben dem Giants Baseball Stadium in San Francisco - festgehalten von Mario Wezel. Quelle: Mario Wezel
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Hannover

Herr Wezel, Sie haben in den USA Stadtgärtner besucht, die auf Dächern Bienen züchten oder Nutzgemüse anbauen. Ist das eher eine Show, um Aufmerksamkeit zu erregen, oder steckt mehr dahinter?

Die Amerikaner haben die Tendenz, jeden neuen Trend nicht einfach nur gut zu finden, sondern ihn über alle Maßen zu vergöttern. Aber als ich in New Orleans, dem ersten Ziel meiner Reise, ankam, wurde mir ziemlich schnell bewusst, dass es gar nicht so sehr darum geht, Gemüse anzubauen. Die urbane Landwirtschaft ist oftmals ein Mittel, um soziale Missstände zu bekämpfen. Nehmen wir die beiden Farmen „Our school at blairs grocery“ und „Capstone“ aus New Orleans. Beide liegen im ärmsten Viertel der Stadt und übernehmen dort Aufgaben, die eigentlich die Stadt oder der Staat übernehmen sollten. Sie kümmern sich um Bildung für junge Leute aus der Nachbarschaft und bauen frisches Gemüse an, um es an die Bewohner zu verschenken, die es sich nicht leisten können, frisch einzukaufen.

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Mario Wezel, der Fotografie an der Hochschule Hannover studiert, hat mit seiner Reportage „Urban Farming – Wo Wissen auf den Bäumen wächst“ den VGH Fotopreis 2015 gewonnen. Die Reportage zeigt urbane Farmer, die in Großstädten jeden freien Quadratmeter nutzen, um Obst und Gemüse anzubauen oder Tiere zu halten.

Sie haben sich die USA ausgesucht, um „Urban Gardening“ zu dokumentieren. Viele Amerikaner ernähren sich schlecht oder sind fett oder beides. Geht es hier auch darum, dass Stadtkinder mal echtes, wachsendes Gemüse zu Gesicht bekommen?

Klar. 80 Prozent aller Amerikaner leben heute in Städten. Gut situierte Amerikaner können ihren Kindern eine gute Erziehung und Wissensvermittlung bieten. Wenn es aber darum geht, dass eine Familie gerade so über die Runden kommt, gibt es einfach wenig Platz für die Weitergabe des Wissens über frische Lebensmittel. Stadtteile mit hoher Arbeitslosigkeit und Kriminalität sind in den USA von Grund auf benachteiligt: Supermärkte wie Wal Mart oder Whole Foods bauen dort schon gar keine Filialen mehr, weil sie wissen, dass der Gewinn niedrig sein wird. Daraus ergibt sich natürlich ein Paradies für Fastfood- Ketten, die in solchen Gegenden billiges, ungesundes Essen verkaufen können. Offiziell werden solche Gegenden in den USA „Food Deserts“ genannt, also Essenswüsten, weil es schwer ist, an frische Lebensmittel zu kommen. Dort kann eine urbane Farm viel ausrichten.

Die Stadtfarmer - sind das alles unverbesserliche Idealisten und Ökos?

Keinesfalls. Viele von Ihnen sehen das Farmen vielmehr als Mittel zum Zweck. Es ist ein Hilfsmittel, um soziale Probleme anzugehen und um Menschen, die wenig haben, zu helfen. Aber sicherlich gibt’s auch viele urbane Farmer, die das Ganze aus Überzeugung machen. Oftmals sind das Menschen aus der Mittelklasse. Für viele ist das ein Hobby. Manche leben natürlich auch ökologisch bewusst, aber diese Leute würde ich gar nicht so sehr zur modernen Form des urbanen Farmens dazuzählen. Ich denke, dass sie bereits vor 20 oder 30 Jahren ihre Tomaten angebaut haben und nicht auf den fahrenden Zug aufgesprungen sind.

Gibt es denn eine Art Bio-Trend auch in der Burgernation USA?

Den gibt es dort auch, ja. Allerdings sind Bio-Lebensmittel dort sehr teuer. Leisten können sich das nur die Besserverdiener. Was ich faszinierend fand: In den USA kann nichts einfach nur gut oder schlecht sein. Man ist entweder für Bio oder man ist dagegen, und zwar so richtig. Argumente werden da in Diskussionen zwar ausgetauscht, aber jeder beharrt schon sehr auf seinem Standpunkt. Supermärkte wie Whole Foods haben das Bio-Segment für sich entdeckt und geben da so richtig Gas.

Was ist der Unterschied des Urban Farming zum hiesigen Schrebergarten?

Bei Urban Farming geht es darum, gemeinsam etwas zu schaffen. Man hat nicht ein Stück Land und bepflanzt und bebaut es, wie man gerade lustig ist, sondern es steht eine größere Idee der Gemeinschaft dahinter. Schrebergärten sind für mich eher private Refugien von Menschen, in die zwar eingeladen wird, aber es trotzdem klar ist, dass es ein privater Rückzugsraum ist. Beim urbanen Farmen geht es außerdem nicht darum, die Hecken besonders gerade oder auf eine bestimmte Höhe zu schneiden. Das Gärtnern und Farmen wird genutzt, um eine gewisse Idee und ein Ziel zu verfolgen. Wie die Farmen dabei aussehen, ist den meisten völlig egal.

Der VGH-Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Legen Sie sich nun einen Stadtgarten an?

Den gibt es schon! Ich bin dort zwar immer nur Gast, aber meine Freundin hat gemeinsam mit ihrer alten WG einen Garten in der Kolonie Dornröschen. Im Sommer gibt es keinen besseren Ort, um abends zusammenzukommen. Vielleicht gibt es ein bisschen neue Farbe für das Gartenhäuschen, aber ansonsten werde ich das Geld in meinen Abschluss und hoffentlich viele weitere Projekte investieren. Natürlich erst, nachdem ich meinem Bruder und meinen Eltern alle Auslagen zurück gezahlt habe.

Zur Person: Mario Wezel

Mario Wezel ist 1988 in Nürtingen geboren und studiert seit 2008 an der Hochschule Hannover Fotografie. 2014 wurde er zum internationalen Fotostudenten des Jahres gekürt. Den VGH-Fotopreis bekommt er heute Abend um 18 Uhr in der VGH-Galerie, Schiffgraben 4, verliehen.

Interview: Uwe Janssen

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