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Kultur Verbrechen lohnt sich wieder
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08:12 04.06.2012
Ausverkauf der Werte und alle schauen zu: Stefan Adam als Gianni Schicchi (rechts, stehend) diktiert ein falsches Testament. Quelle: Jauk
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Hannover

Wenn dieses Operntriptychon ein Flügelaltar ist, dann dient er der Verherrlichung des Gottes Mammon. Das hat sich jedenfalls Regisseur Sebastian Baumgarten gedacht, der jetzt an der hannoverschen Staatsoper Puccinis Dreiteiler „Il trittico“ in Szene gesetzt hat. Der Lohn dafür war großer Applaus (samt einsamem Buh für das Regieteam), doch am meisten gefeiert wurde Chefdirigentin Karen Kamensek, deren Klangfarbenpracht die Bilderflut der Inszenierung noch übertraf.

Die zweite szenische Klammer, die Baumgarten findet, um die drei höchst unterschiedlichen Einakter zusammenzuzwängen, ist der allgegenwärtige Tod. Der allerdings spielt in geschätzt 80 Prozent aller Opern eine Hauptrolle. Immerhin passt der Totenkopf gut zu Baumgartens Idee, den Fluch der Karibik bis nach Paris reichen zu lassen, wo der erste Einakter, die Binnenschiffer-Tragödie „Il tabarro“ als Piratenstück erzählt wird.

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Damit zusammengehört, was nicht immer zusammen aufgeführt wird, hat sich Baumgarten von Alexander Wolf ein Einheitsbühnenbild bauen lassen. Was zu Beginn von „Il tabarro“ aussieht wie das Schiff des Fliegenden Holländers, taugt nämlich auch als Klosterkulisse und als florentinischer Palazzo. Dieser im Grundriss kreuzförmige Bau ist dreh- und wandelbar, und notfalls sorgen schon die bei Baumgarten unvermeidlichen Videoprojektionen (wieder einmal von Philipp Bußmann) für neue Perspektiven. Manches Bildsignal kennen hiesige Theaterfreunde schon aus Baumgartens „Faust“-Paraphrase am Schauspielhaus: den Videoflächenbrand etwa oder das Bildzitat aus Liliana Cavanis „Nachtportier“ – hier ist es die Principessa (angemessen herrisch: Khatuna Mikaberidze), die als Nazisse auftritt.

Man muss übrigens nicht jedes Bild dechiffrieren, vieles ist so gebrochen, dass man es kaum lesen kann. Nur die Zitate des italienischen Futurismus im letzten Teil sind (wenn auch verkürzt) zu erkennen.

Baumgarten hat den Dreiteiler als Zeitreise angelegt. Weht „Der Mantel“ in der Zeit der Freibeuter, darf man das Kloster-Drama rund um „Schwester Angelica“ etwa um 1900 ansiedeln (soweit die von Marysol del Castillo entworfene Nonnenkluft nicht zeitlos ist). Und die Erbschleicherfarce „Gianni Schicchi“ spielt nachweislich in der Ära des italienischen Fascismo.

Das Amulett, das die Gier nach Gold belegen soll, wandert durch die Zeiten und die drei Opernteile. Ebenso wie die Zuordnung eines Aktenzeichens (als Videoprojektion) für jeden Fall, der für Baumgarten immer auch ein Kriminalfall ist.

Am Ende dieses letzten (und seit der Uraufführung 1918 erfolgreichsten) Einakters ersetzt Baumgarten die originale Ansprache des Titelhelden an das Publikum durch eine aufklärerische, kapitalismuskritische Anklage, die aber akustisch nur schwer zu verstehen ist. So ganz kann es der Regisseur eben nicht lassen, den Volks(bühnen)aufklärer zu geben.

Durchkomponiertes Musiktheater erlaubt es dem De- und Rekonstrukteur nur sehr begrenzt, seine Lieblingsbausteine auf die Bühne zu wuchten. Bei seinem Bayreuther „Tannhäuser“ im vergangenen Sommer hat er sich aus der Affäre gezogen, indem er die Videozuspielungen mit Beiträgen populärer Philosophen in die Pause verlegte.

Immerhin wirft er auch in Hannover gern mit Einfällen um sich. Dabei geht es im „Tabarro“ doch letztlich um das Drama der unmöglichen Liebe, eine Dreiertragödie mit hier angeschärft tödlichem Finale. Und „Suor Angelica“ (von Miriam Gordon-Stewart nicht ätherisch, sondern anrührend verzweifelt intoniert) erzählt vor allem von der Verzweiflungstat einer ins Kloster Verbannten, die die Todsünde des Selbstmordes riskiert, um schneller mit ihrem toten Sohn vereint zu werden – und die, per Videobeweis belegt, himmlischen Mutterfrieden
findet.

„Gianni Schicchi“ ist hier ein Opernslapstick, mit virtuoser Stummfilmattitüde. Bei aller Bilderflut zeigt Regisseur Baumgarten auch, wie er Sänger führen kann. Und die lassen sich auf Spiel und Musik hinreißend ein. „Il trittico“ ist eine Herausforderung für jedes Ensemble und für Chöre und Orchester – und die wird in Hannover respektheischend gemeistert. Brian Davis als Binnenschiffer Michele ist tongewordene mörderische Verzweiflung, Kelly God seine lebenssehnsüchtige, stimmglühende Giorgetta und Vincent Wolfsteiner der verführerische Dritte im Bunde (aber glänzend auch die anderen Rollen). Das Nonnendrama „Suor Angelica“ demonstriert, wie stark die Damenriege des Ensembles besetzt ist: von Julie-Marie Sundals Äbtissin bis Mareike Morrs Lehrmeisterin.

Nicht nur hier setzt Dirigentin Karen Kamensek auf Zielstrebigkeit, auf Wirkung. Gefühl ja, aber keine Sentimentalität: etwa im Vorspiel zu Angelicas Selbstmord, das klingt wie eine Vorlage für Andrew Lloyd Webber (der sich für sein „Phantom“ tatsächlich bei Puccini bediente).
„Gianni Schicchi“ ist auch musikalisch eine virtuose Burleske. Vom vitalen Stefan Adam in der Titelrolle bis zur Ania Vegry, deren Lauretta kein braves Töchterchen, sondern ein selbstbewusstes Gör ist. Sung-Keun Park als Rinuccio ist ein stimmstark Liebender, die ganze Bagage der betrogenen Betrüger zieht alle Register.

Am Ende zeigt sich: Verbrechen lohnt sich doch. Das Premierenpublikum jedenfalls verkündete jubelnd Freispruch für alle.

Die nächsten Aufführungen morgen, am 7. , 10. und 16. Juni. Achtung: Wechselnde Anfangszeiten! Karten: (05 11) 99 99 11 11.

Rainer Wagner

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