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Kultur „Verdammnis“: Das Böse ist immer und überall
Nachrichten Kultur „Verdammnis“: Das Böse ist immer und überall
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19:19 03.02.2010
Von Heinrich Thies
Gutes Mädchen, böse Tat: Noomi Rapace als Lisbeth Salander.
Gutes Mädchen, böse Tat: Noomi Rapace als Lisbeth Salander. Quelle: Warner Bros.
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Der Höllenritt durch Schweden geht in eine neue Runde. Nach dem Erfolg von „Verblendung“ läuft jetzt mit „Verdammnis“ der zweite Teil der „Millen­nium-Trilogie“ von Stieg Larsson in den deutschen Kinos an. Wie im ersten Teil steht auch im zweiten neben dem investigativen Journalisten Mikael Blomkvist wieder Lisbeth Salander im Mittelpunkt. Die 1,50 Meter kleine Dame mit dem Ring in der Nase und der Tätowierung auf dem Rücken ist nicht nur eine phänomenale Hackerin, sondern behauptet sich auch im Zweikampf.

Diesmal schlägt sich die eigenwillige Punkerin nicht nur mit den Ganoven der ehrenwerten Gesellschaft herum, sondern auch mit den Gespenstern ihrer eigenen Vergangenheit. Sie muss erkennen, dass der Herr der Unterwelt, lange Zeit der große Unbekannte, ihr eigener Vater ist. Der einstige Doppelagent aus der Sowjetunion verdient sein Geld mit Mädchenhandel und tut alles, um seine verhasste Tochter aus dem Weg zu räumen. An Gründen dafür fehlt es ihm nicht. Zum einen kommt ihm seine kluge Tochter auf die Schliche, zum anderen nährt sich sein Hass auch aus einem weit zurückliegenden Erlebnis: Im Alter von zwölf Jahren warf Lisbeth ihrem Vater eine Brandbombe ins Auto und fügte ihm bleibende, entstellende Verletzungen zu – er hatte Lisbeths Mutter geschlagen und vergewaltigt. Lisbeth wurde damals in die Psychiatrie eingewiesen, mit Elektroschocks gequält und unter die Vormundschaft eines Rechtsanwalts gestellt, der die junge Frau sadistisch missbrauchte.

Nun schlägt Lisbeth zurück. Zuerst rächt sie sich an ihrem Vormund, dann geht sie mit der Axt auf ihren Vater los. Zuvor hat sie einiges über sich ergehen lassen müssen. Ihr Vater, der seit seinen Gesichtsverbrennungen nicht nur wie ein Monster aussieht, sondern sich auch so benimmt, hat auf sie geschossen und sie lebendig begraben lassen.

Die Leser des schwedischen Krimiautors Larsson, der 2004 im Alter von 50 Jahren starb, wissen um die Grausamkeit des Stoffes. Regisseur Daniel Alfredson hat das noch auf die Spitze getrieben. Manche Filmszenen sind so brutal, dass man die Augen zukneift. Das Böse ist ins Monströse gesteigert und allgegenwärtig.

Trotzdem ist „Verdammnis“ kein billiger Actionfilm, sondern spannend, bewegend und glaubwürdig. Dies hat vor allem mit der hervorragenden Besetzung zu tun. Noomi Rapace verkörpert auf vielschichtige Weise Lisbeth Salander – nicht nur als wütender Racheengel und introvertierte Intelligenzbestie, sondern auch als verletzliche junge Frau mit stillen ­Momenten. Michael Nyqvist erreicht als Mikael Blomkvist ein so hohes Maß an Authentizität, dass man zu keinem Zeitpunkt das Klischeebild des heldenhaften Privatermittlers vor Augen hat.

Ein Abgleiten ins Triviale verhindert die Dramaturgie. Die Schocksequenzen sind eingebettet in Alltagszenen. Die Gewalt ereignet sich zwischen einer Tischgesellschaft und einem Verkehrsstau, und Großaufnahmen von Gesichtern tragen ebenso zur psychologischen Vertiefung bei wie poetische Landschafts- oder Städtebilder.

Aus der Welt des Verbrechens kristallisiert sich so eine Familientragödie heraus, die auch die Abgründe der menschlichen Seele beleuchtet.

Brutal und tiefgründig:
 Gelungene
 Romanverfilmung.
 Cinemaxx Nikolaistraße, CineStar.

Martina Sulner 03.02.2010