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Nachrichten Kultur Verlieren wir den Kontakt zur Wissenschaft?
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08:25 24.10.2017
Von Daniel Alexander Schacht
Soziologe Harald Welzer. Quelle: Tim Schaarschmidt

„Wissenschaft braucht Gesellschaft“ – unter diesem Titel startet die Volkswagenstiftung eine Tagung zum Verhältnis von Forschung und Öffentlichkeit. Herr Welzer, weiß auch die Gesellschaft, dass sie Wissenschaft braucht? Oder schlägt dieser im postfaktischen Zeitalter zunehmend Ignoranz entgegen?

Wo es eine klare Anwendungsdimension der Forschung gibt, besteht kein gesellschaftliches Legitimationsdefizit. Aber bei den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften ist es damit traditionell schlechter bestellt, und vielleicht ist die Legitimation da inzwischen noch schwächer als früher.

Die Tagung soll also auf solche Defizite reagieren?

Der Ausgangspunkt ist das Fake-News-Phänomen, die drohende Entwertung von Wissen. Denn dahinter stecken ja Angriffe auf Wissenschaft und Forschung. Diese Attacken richten sich in den USA überdies noch einmal stärker auch auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Speziell der Klimaforschung werden da gern „alternative Fakten“ entgegengestellt. Deshalb ist ja auch Naomi Oreskes eingeladen, die Wissenschaftlerin, die gegen Donald Trumps Fakes im Dienst der Wissenschaftsfreiheit den March for Science in Boston initiiert hat.

Diese Fake-Behauptungen gibt es ja nicht nur in den USA.

In der Tat kann man sich fragen, wie faktenorientiert etwa Jarosaw Kaczynski oder Viktor Orban sind.

Reicht es nicht, wenn Forscher Fakten sprechen lassen? Müssen sie auch noch die Folgerungen daraus für die Gesellschaft vortragen?

Nein, das reicht nie. Das ist ja auch der große Irrtum der Digitalszene, die glaubt, einfach nur Information, Fakten, Fakten, Fakten zu bieten zu haben. Dabei ist ein Faktum nichts, wenn es nicht gedeutet wird. Das ist traditionell die Domäne der Geistes- und Kulturwissenschaften. Wer Information mit Bedeutung verwechselt, hat ein Problem, und das fällt auch auf die Wissenschaft zurück. Nehmen wir den Satz: Verona Pooth hat Zahnschmerzen. Das ist eine Faktenbehauptung. Aber wofür steht sie? Sie kann ein popkulturelles Phänomen sein, eine Meldung des Zahnärzteverbandes, der damit auf die Wichtigkeit seiner Arbeit hinweist, oder einfach Opium fürs Volk, zur Verblödung. Je nach Deutung bekommt das Faktenstatement eine verschiedene Bedeutung, das Faktum an sich spricht nicht zu uns. Oder nehmen wir die Klimaforschung, deren Erkenntnisse Trump leugnet. Da sind die Fakten unumstößlich und werden doch unterschiedlich gedeutet, weil damit eben verschiedene Interessen verknüpft sind. Auch naturwissenschaftliche Themen unterliegen also einer Deutungsarbeit.

Es gibt also eine Kluft zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Welches sind denn Vermittlungsinstanzen?

Der Kulturbetrieb, die Medien- und Bildungsinstitutionen sind es, die da vermitteln. An den Hochschulen ist es die Öffentlichkeitsarbeit, es gibt die Unimagazine, „Science in Public“, aber auch die Wissenschaftsressorts der Medien. 

Zur Person

Harald Welzer, Jahrgang 1958, hat nach dem Studium in Hannover, der Promotion in Soziologie und der Habilitation in Sozialpsychologie die wissenschaftlichen Zukunftsentwürfen gewidmete Stiftung Futur Zwei gegründet und ist nach akademischen Stationen in Deutschland und den USA jetzt Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. Der Forscher und Wissenschaftsautor ist Teilnehmer des Kongresses „Wissenschaft braucht Gesellschaft“, zu dem die Volkswagenstiftung von Mittwoch an Vertreter aus Wissenschaft und Gesellschaft aus den USA und Europa ins Schloss Herrenhausen einlädt.

Wirkt sich der Wandel des Journalismus nicht auch auf die Wissenschaftskommunikation aus?

Ein ganz zentraler Punkt. Es ist ja eine riesige Konkurrenz und damit auch eine Deutungskonkurrenz entstanden. Durch die Direktmedien im Internet sind Antworten auf die Frage, was ein Faktum ist und wer es deutet, noch vager geworden. Damit wird unklar, wer das Interpretationsmandat hat – in den Medien wie in der Wissenschaft. Nicht nur in den Medien, auch an den Hochschulen schwindet damit der eigentliche Wettbewerbsvorteil wissenschaftlich gesicherten Wissens dahin.

Können Schulen diese Vermittlungsarbeit leisten?

Die Schule ist ohnehin schon total überfrachtet. Schulen befassen sich allenfalls in den letzten Schuljahren mit Wissenschaft. Und im Grunde wird ja schon an Hochschulen, in wissenschaftlichen Studiengängen, nicht mehr Wissenschaftlichkeit vermittelt. Früher konnte man über mehrere Semester mit derselben Studierendengruppe arbeiten und dabei wissenschaftliche Methoden vermitteln. Heute, seit den Bologna-Reformen, geht es nur noch um Credit Points, was auf bloßes Abfragen älterer Wissensbestände hinausläuft. Da entfernt man sich selbst im Studium von dem, was Wissenschaft ausmacht. Der Wissenschaftsbetrieb selbst ist also nicht unschuldig daran, dass niemand mehr weiß, wie Wissenschaft funktioniert. Längst sind Generalisten, die Überblicke gewähren könnten, auf dem Rückzug. Und wir haben auch kaum noch die Figur des Public Intellectuals wie Jürgen Habermas. Das ist auch die Kehrseite des Umstandes, dass es mehr und mehr nur noch die hochspezialisierten Teildisziplinen mit oft auch noch eigener Sprache gibt. Die Wissenschaft ist also durch Direktmedien, Fake News und überdies durch hochschulimmanente Hindernisse unter Druck.

Muss die Wissenschaft sich stärker selbst der Kommunikation über Wissenschaft annehmen, sollte sie sozusagen ihre eigene PR-Arbeit leisten?

Ich glaube, das ist echt total witzlos. Man könnte sicher ohne Verlust diese Unimagazine alle aufgeben, es ist ein Irrglaube, dass die für die Welt prinzipiell interessant sind. Etwas ganz anderes ist, was Leute wie Ranga Yogeshwar oder Harald Lesch leisten. Mit gut gemachten Features lässt sich Interesse an Wissenschaft wecken und diese auch vermitteln. Da gibt es ja eine riesige Nachfrage. Dasselbe gilt für populäre Wissenschaftsmagazine wie „Geo“ oder „P.M.“. Aber das ist ja auch ein ganz anderer Typus von Vermittlung.

Das sind ja Zeugnisse dafür, dass es in der Gesellschaft ungestillten Wissenschaftshunger gibt.

Genau. Das würde ich auch so sehen.

Ist es überhaupt der richtige Ansatz, Fragen der Wissenschaft der Gesellschaft nahebringen zu wollen? Müsste die Wissenschaft sich nicht, genau umgekehrt, stärker die Fragen der Gesellschaft stellen, sich nach gesellschaftlicher Relevanz der eigenen Arbeit fragen? Oder versteht sie sich heute – wieder – als unpolitisch?

In gewisser Weise ja. Wissenschaftler ziehen sich da traditionell immer noch recht gern zurück, legen Wert auf die eigene Neutralität, so nach dem Motto: Wir stellen nur bestimmte Wissensbestände und Fakten zur Verfügung, das ist unser Dienst an der Gesellschaft. Aber wenn man sieht, dass der Handlungsradius von Forschern in demokratischen Rechtsstaaten viel größer ist als etwa in Diktaturen, dann muss es auch eine Pflicht geben dafür einzutreten, dass diese Form von Staatlichkeit und Gesellschaftlichkeit erhalten bleibt. An diesem Engagement mangelt es meines Erachtens. Bei Demokratiegefährdungen und sonstigem sozialem Stress herrscht leider meist Schweigen im akademischen Wald. Ich finde, das müsste auch ein wichtiges Thema bei dieser Tagung sein.

Was erwarten Sie sonst davon?

Ich finde es wichtig, dass man gerade in Deutschland die Wissenschaftsfreiheit nutzt, um Stellung zu beziehen für die Relevanz von Fakten. Wenn erst das Ressentiment Regierungsmacht erlangt hat wie in den USA, lassen sich solche Angriffe wesentlich schlechter abwehren. Deshalb ist es ganz hervorragend, dass die Volkswagenstiftung hier jetzt klare Akzente setzen will.

Interview: Daniel A. Schacht

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