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Kultur Verschollenes Johnny Cash Album aufgetaucht
Nachrichten Kultur Verschollenes Johnny Cash Album aufgetaucht
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00:15 27.03.2014
Foto: Ein Album mit bisher unveröffentlichten Songs des Country-Sängers Johnny Cash, das sie 30 Jahre nach der Aufnahme erreicht.
Ein Album mit bisher unveröffentlichten Songs des Country-Sängers Johnny Cash, das sie 30 Jahre nach der Aufnahme erreicht. Quelle: dpa
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Johnny Cash? Das ist doch der verwitterte Baumstumpf, dessen Lieder bis heute in Kneipen gespielt werden, der Mann, der die Fans mit seinem Spätwerk, den „American Recordings“, noch einmal überrascht hat. Ja, der ist das. Den Cash der achtziger Jahre präsentiert jetzt das verschollen geglaubte Album „Out Among The Stars“, das den 2003 gestorbenen Jahrhundertsänger umspült vom ziemlich beliebigen Nashville-Sound, aber keineswegs ohne Energie zeigt.

Ein bisschen hinkt der Vergleich schon, den der Sohn der Legende, John Carter Cash, kürzlich in einem Interview bemühte: „Wenn ich auf meinem Dachboden einen unbekannten Van Gogh finden würde, würden Sie mich wohl nicht fragen, ob die Welt den braucht.“ Denn während der Maler nur selten neben dem Strich war, hat Cash so manchen Ausrutscher hinterlassen, der der Welt heute nicht fehlen würde. „Out Among The Stars“ gehört nicht dazu, „das verschollene Meisterwerk“, als das es der „Rolling Stone“ ausrief, ist es aber auch nicht.

2012 hatte Carter Cash die Aufnahmen beim Aufräumen in den Archiven seiner Eltern entdeckt. 1981 und 1984 waren sie in Nashville entstanden, landeten im Tresor und wurden vergessen. Carter Cash ließ die Bänder digitalisieren, Gitarrist Marty Stuart füllte musikalische Leerstellen. Jetzt bringt ausgerechnet Columbia die Platte heraus, jene Firma, die Cash 1986 rausgeworfen hatte.

„Out Among The Stars“ ist eine archäologische Entdeckung aus dem Raum zwischen nicht mehr und noch nicht. Das ist nicht mehr der Cash der fünfziger und sechziger Jahre, der einen Song wie eine Herde Mustangs vor sich hertreiben konnte, der „Walk The Line“ sang, in Gefängnissen spielte und als Mann in Schwarz beeindruckte. Und es ist noch nicht der alte Meister, der in den von Rick Rubin produzierten „American Recordings“ aus tiefster Seele schöpft.

Sein Bariton zieht aber bereits Alkohol- und Tablettensucht hinter sich her. Leider trifft er nur auf mäßige Songs und jene etwas austauschbaren Arrangements einer Phase, die man nach Rubins Reduktionen fast vergessen hatte. Im Titelsong, der auch die Platte eröffnet, befinden wir uns standesgemäß in einem Schnapsladen in Texas um Mitternacht – und einer Verliererballade um einen Arbeitslosen, der zur Waffe greift und dessen Tod am Ende in jedem Wohnzimmer der Stadt über die TV-Schirme flimmert.

Weiter geht es mit seiner Frau June Carter und dem treibenden Duett „Baby Ride Easy“, das es bisher nur als Live-Version auf LP gab. Weil June beim Refrain zu weit entfernt vom Mikro stand, hat ihre Tochter Carlene hier dezent nachgeholfen. „She Used To Love Me A Lot“ ist eine melancholische, von Mandolinen umspielte Ballade über eine große Liebe und eine verpasste Gelegenheit. Etwas schmalzig geht es auf „After All“ zu, doch der kleine Hänger ist sofort vergessen, wenn sich mit Johnny Cash und Waylon Jennings zwei begnadete Stimmen des Country durch den damals schon über 30 Jahre alten Klassiker „I’m Movin’ On“ von Hank Snow rocken.

Die Duette – wie „Don’t You Think It’s Come Our Time“ mit seiner Frau – sind der eine Pluspunkt des Albums, der andere: „Out Among The Stars“ ist keine aus Bootlegschnipseln, C-Seiten und verworfenen Versionen zusammengefegte Resteverwertung, sondern aus einem Guss. Mit „Call Your Mother“ und „I Came To Believe“ enthält es nur zwei von Cash selbst geschriebene Songs. Was kein Manko ist, denn ein großer Songwriter war der begnadete Interpret nie. Auch diese Titel sind nur Durchschnitt, da kann die Steel Guitar noch so im Hintergrund wimmern.
Johnny Cash: „Out Among The Stars“ (Columbia)

Jürgen Kleindienst

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