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00:15 16.05.2015
Von Stefan Stosch
Tom Hardy als Max Rockatansky in Mad Max: Fury Road. Quelle: Jasin Boland
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Aber keine Angst: Erstens wird in postapokalyptischen Zeiten noch jeder Schrotthaufen wieder geflickt, und zweitens hält Regisseur George Miller in „Mad Max – Fury Road“ jede Menge Alternativen für Freunde spezieller Gebrauchtfahrzeuge parat.

Durch den vierten Teil seines barbarischen Spektakels lässt er einen Fuhrpark donnern, von dem jeder Hobbyschrauber mit Hang zum Martialischen begeistert sein dürfte. Die absurdesten Fortbewegungsmittel röhren und dröhnen um die Wette. Der Kinokonvoi sieht aus, als wären die Kreativen des Kölner Karnevalsumzugs, benebelt von Benzindämpfen, in den Krieg gezogen.

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Autos im stacheligen Igel-Outfit und Kettenfahrzeuge mit aufgesetzter Limousinenoptik donnern hin und her. Manche Krieger schwingen sich an aufmontierten Stabhochsprungstangen durch die Lüfte, andere schleudern explosive Speere aus Ausguckkörbchen – und vorneweg rast ein Kampfsattelschlepper, in dem die Guten auf der Flucht versammelt sind. Der neue Mad Max ist eher widerwillig in das stählerne Ungetüm geraten. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, warum Tom Hardy als Mel Gibsons Nachfolger erst noch sein Rollenprofil sucht: Wir lernen ihn kennen als Eidechsen naschenden Robinson Crusoe, dann verwandelt er sich in einen Gefangenen mit Hannibal-Lecter-Maske und schließlich in einen unkaputtbaren Allround-Helden mit altruistischer Arbeitsauffassung.

Man muss halt flexibel sein, wenn die Welt untergeht

Für die Davongekommenen geht’s ja trotzdem irgendwie weiter. Und die Ressourcen sind begrenzt. Einen ganzen Film lang bewegen wir uns durch Sand, Staub und Schlamm. Der ersehnte „Green Place“, wo Bäume grünen und Blumen blühen, bleibt ein Sehnsuchtsort der Erinnerung.

Regisseur Miller hat bei diesem gnadenlosen und gewaltfixierten Überlebenskampf schon vor dreieinhalb Jahrzehnten reichlich Fantasie bewiesen. Seine Trilogie mit dem jungen Gibson in der Titelrolle, der als Ex-Cop in Leder-kluft den Tod von Frau und Kind rächt, war stilbildend fürs Weltenende im Kino. Und auch die aktuelle Fortsetzung hebt sich von handelsüblichen Apokalypsen ab. Während andere Regisseure sich im Zeitalter des digitalen Wettrüstens in immer futuristischere Designs versteigen, setzt der Australier auf Recycling.

Das belegt der riesige Mechanikerstab, der im Abspann genannt wird. Hier wurde noch Wert auf Handarbeit gelegt (rund 150 fahrbare Untersätze wurden zusammengebastelt). Ebenso stand eine eigene „Prothesen“-Abteilung bereit und hatte auch reichlich zu tun: Unversehrt sind nur wenige. Miller setzt sich politisch ganz unkorrekt dem Verdacht aus, eine Freakshow zusammenzustellen – Kleinwüchsige, Albinos, Gezeichnete aller Art bevölkern seinen Film und scheinen eine nimmer endende SM-Party zu feiern.

Vom B-Movie zum 100-Millionen-Dollar-Film

Es war ein langer Weg bis zur Rückkehr von „Mad Max“: Die Idee für den vierten Film hatte Regisseur George Miller angeblich schon in den Achtzigern, kurz nachdem „Mad Max III – Jenseits der Donnerkuppel“ fertig war. Das Projekt kam aber nicht recht in Schwung, auch weil echte Kriegsbilder etwa aus dem Irak den Produzenten vom Warner Studio zu bedrängend erschienen. Miller vertrieb sich die Jahrzehnte mit „Die Hexen von Eastwick“, „Ein Schweinchen namens Babe“ oder „Happy Feet“. Dann endlich wurde in Namibia gedreht. Nun will Warner abwarten, ob Tom Hardy („The Dark Knight Rises“) als Wüstenkämpfer Mad Max an der Kinokasse noch zieht. Schließlich geht es um viel Geld: Mel Gibson trat in einem 400 000 Dollar billigen B-Movie aufs Gaspedal, jetzt liegen die Produktionskosten jenseits der 100-Millionen-Dollar-Grenze. Hardy soll schon für drei Filme unterschrieben haben.
Das Kino am Raschplatz zeigt den Originalfilm aus dem Jahr 1979 ab Donnerstag in digitalisierter Form.

Gerne zitiert der Regisseur auch die Fantasykonkurrenz: Die bleichen Gesellen, die durch dunkle Katakomben wuseln, sehen aus wie Gollums beste Freunde. Der Oberbösewicht mit Wolfsgebiss und Blasebalg im Genick, Warlord Immortan Joe, röchelt wie ein entfernter Verwandter von Darth Vader.

Theron als Kämpferin mit praktischer Kurzhaarfrisur

Auch die Heldin Furiosa (Charlize Theron) ist körperlich nicht ganz intakt, was die Kämpferin mit praktischer Kurzhaarfrisur aber nicht daran hindert, die Geschichte ins Rollen zu bringen: Furiosa raubt dem Warlord aus der Wüstenzitadelle seinen kostbarsten Besitz – noch kostbarer als Wasser und Sprit. Wir bekommen Furiosas menschliche Beute erst nach etwa der Hälfte des Films zu Gesicht – und reiben uns verdutzt die Augen.

Denn dann entsteigt dem dreck- und ölverkrusteten Lkw eine Handvoll Girlies, so weiß und rein wie Schneewittchens Schwestern, gewandet im bauchnabelfreien Schleier-Look. Viel sexistischer geht es nicht. Hier können auch die Macher von „Fast & Furious“ noch etwas lernen.
Man könnte die jungen Damen ungewaschen sogleich auf den roten Teppich des Filmfestivals von Cannes entlassen – wo die Darstellerinnenriege rund um Rosie Huntington-Whiteley morgen Abend ja wohl auch auftauchen wird.

Vor 30 Jahren hatte sich in Millers Filmen die Angst vor der nächsten Ölkrise und vor dem Nuklearschlag eingeschrieben. Jetzt erweckt er, ob beabsichtigt oder nicht, unweigerlich Assoziationen an die Verschleppung von Frauen durch Boko Haram. Entlaufene Sexsklavinnen – eine davon ist auch noch schwanger – als hübsche Covergirls: Spätestens da hätte irgendjemand Millers Ambitionen stoppen müssen. Aber klar ist auch: Dieser Mann hat immer noch Lust auf Weltuntergang.

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