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Kultur „Griechische Götter haben auch mal Wutanfälle“
Nachrichten Kultur „Griechische Götter haben auch mal Wutanfälle“
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00:24 30.05.2014
Von Stefan Stosch
„Alle drei lügen“: Chester MacFarland (Viggo Mortensen, links), Rydal (Oscar Isaac) und Colette (Kirsten Dunst).
„Alle drei lügen“: Chester MacFarland (Viggo Mortensen, links), Rydal (Oscar Isaac) und Colette (Kirsten Dunst). Quelle: StudioCanal
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Herr Mortensen, wir wollen hier über Ihren neuen Film „Die zwei Gesichter des Januars“ reden. Und Sie halten ein großformatiges Buch in Händen. Ungewöhnlich für einen Hollywoodstar auf Werbetour. Worum geht’s?
Das Buch habe ich in meinem eigenen Verlag Perceval Press herausgebracht. Es handelt vom Berliner Ethnologen Max Schmidt, der um 1900 im Amazonas unterwegs war, ein Typ ganz nach dem Geschmack von Joseph Conrad. Argentinische Anthropologen haben mich auf Schmidt aufmerksam gemacht. Wir haben seine Aufnahmen auf Glasnegativen gefunden – ein wissenschaftliches, aber auch ein Kunstbuch. Die Fotos sind wunderschön.

Aha, Werbung in eigener Sache. Wie viele Bücher bringen Sie denn bei Perceval pro Jahr heraus?
Zwei oder drei. Wenn ich drehe, ist es schwierig. Ich möchte bei jedem Schritt dabei sein: beim Druck, beim Design, bei der Auswahl des Papiers, bei allem.

Sie sind nicht nur Schauspieler und Herausgeber, sondern auch Autor. In Ihrer aktuellen Highsmith-Verfilmung heißt es über eine Figur, diese schreibe sowohl glückliche als auch depressive Gedichte. Was schreiben Sie?
Ah, beides. Ich gehöre nicht zu denen, die behaupten, nur schreiben zu können, wenn es ihnen schlecht geht. Aber ich finde es wichtig, aus meiner Komfortzone herausgeholt zu werden – das gilt genauso für meine Arbeit als Schauspieler. Um einen guten Job zu machen, muss ich die Welt aus einer anderen Perspektive entdecken – egal, ob es um einen Polizisten oder einen Killer geht.

Der Drehbuchautor Hossein Amini legt mit der Highsmith-Adaption „Die zwei Gesichter des Januars“ sein Regiedebüt vor.

Also auch, wenn es sich um einen richtig unangenehmen Zeitgenossen handelt?
Es gibt niemanden, mit dem man sich nicht identifizieren könnte, egal, wie schlimm der Typ ist. Man muss offen bleiben – genau wie bei jedem Gespräch, das man führt. Selbst mit einem Rassisten kann man reden.

Sie wirken aber wie ein Typ, der lieber draußen in der Natur zugange wäre und gar nicht viel reden möchte.
Interviews wie dieses gehören nun mal zu meinem Job. Ich weiß ja auch nie, was dabei herauskommt. Vielleicht fange ich an, über bestimmte Dinge anders nachzudenken. Aber stimmt, manchmal bin ich einfach müde. Wissen Sie, jeder ist anders: Manche können nicht allein sein, ohne alle fünf Minuten auf ihr Telefon zu schauen. Ich mag nun mal das Alleinsein.

Auch die Einsamkeit?
Wenn ich Zeit für mich habe, kann ich danach besser auf Leute zugehen. Über die Jahre habe ich auch gelernt, dass ich keine Angst vor Journalisten haben muss. Man sollte nicht alles lesen, was sie schreiben. Aber man kann mit ihnen reden.

Kommen wir zu Ihrem Film: Was für ein Typ ist dieser Chester MacFarland, den Sie spielen?
Er scheint der typische amerikanische Tourist aus der gehobenen Mittelklasse zu sein. Und dann stellt sich heraus, dass er nicht ganz so großzügig und nicht ganz so unschuldig ist. Das ist ja das Faszinierende an jedem Film noir. Jeder hat Fehler und Schwächen. Alle drei Charaktere in diesem Film lügen irgendwie. So etwas kann nicht gut enden.

Kannten Sie Griechenland schon vorher?
Nein, nur die griechische Mythologie. Daran habe ich mich beim Drehen immer wieder erinnert: Die Götter sind ja genauso eifersüchtig oder haben Wutanfälle. Sie schienen mir schon immer sehr menschlich.

Haben Sie vor Ort etwas von der aktuellen Krise mitbekommen?
Wir haben mitten in Athen gedreht, auch in einem Café unterhalb des Parthenon-Tempels. In der Innenstadt demonstrierten riesige Menschenmengen. Aber, wissen Sie, ich lebe ja in Spanien: Da ist es nicht so viel besser. Von einem Streik auf Kreta haben wir sogar profitiert: Den Palast von Knossos hatten wir ganz für uns allein.

Teilen Sie Ihre Karriere in die Zeit vor und nach „Herr der Ringe“ ein?
Nur, was meine Freiheit betrifft, die sich mir durch den riesigen Erfolg von Peter Jacksons Trilogie eröffnet hat. Deshalb konnte ich es mir ja auch leisten, meinen eigenen Verlag zu gründen. Vor allem aber kann ein Regisseur wie zum Beispiel David Cronenberg nun Geldgebern sagen, ich möchte mit Viggo arbeiten. Mein Marktwert ist gestiegen. Ich mache ja nicht nur Mainstreamfilme.

Ist Cronenberg Ihr Lieblingsregisseur?
Jedenfalls habe ich ihn immer bewundert. Er bringt Schauspieler in Situationen, in denen sie dazulernen müssen. Cronenberg lässt sich nicht in eine Schublade packen. Die drei Filme, die wir zusammen gemacht haben, sind sehr unterschiedlich („A History of Violence“, „Eastern Promises“, „Eine dunkle Begierde“, d. Red.). Deshalb muss er auch immer so sehr um die Finanzierung seiner Filme kämpfen, anders als ein Woody Allen. Aus Sicht eines Produzenten besteht stets die Gefahr, dass etwas Seltsames herauskommt.

Sie sind ein sehr körperlicher Schauspieler. Wie weit würden Sie für eine Rolle gehen – so weit wie Christian Bale, der sich für „American Hustle“ einen Bauch angefuttert hat? Oder wie Matthew McConaughey, der für „Dallas Buyers Club“ zum Gerippe abgemagert ist?
Hängt vom Film ab. Aber ich würde tun, was ich für notwendig halte. Ich habe da keine Begrenzung im Kopf. Man kann es aber auch übertreiben. Nicht für jeden Film muss man leiden.

Sie sind auch Westernreiter. Was ist eigentlich aus dem Hengst T. J. geworden, den Sie im Pferderennfilm „Hidalgo“ erst geritten und dann gekauft haben?
Er ist bei einem Freund untergebracht, dessen Kinder gerade reiten lernen. T. J. ist ja nicht so groß, hat ein ausgeglichenes Temperament und ist intelligent. Die Tricks, die für den Film nötig waren, hat er damals spielend leicht gelernt.

Interview: Stefan Stosch

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