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Kultur Violinistin Anne-Sophie Mutter überzeugt in Hannover
Nachrichten Kultur Violinistin Anne-Sophie Mutter überzeugt in Hannover
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00:15 24.04.2013
Von Rainer Wagner
Hinter dem Dirigenten, und doch ganz im Vordergrund: Anne-Sophie Mutter im Kuppelsaal. Quelle: Droese
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Hannover

Anne-Sophie Superstar. Wenn die Geigerin Anne-Sophie Mutter kommt (und mit Tschaikowskis D-Dur-Konzert op. 35 auch noch eines der populärsten Violinkonzerte spielt), dann ist der hannoversche Kuppelsaal gefüllt wie selten. Eigentlich nur hinter den Säulen, wo man die Künstlerin nicht sieht (und das Sehen gehört hier unbedingt dazu), bleiben bei diesem Pro-Musica-Konzert Plätze leer. Und dieser Andrang hatte wenig zu tun mit dem begleitenden London Philharmonic Orchestra und seinem Gastdirigenten Yannick Nézet-Séguin, der zwar ein junger Star, aber noch kein Publikumsmagnet ist.

Es gibt nicht mehr viele Musiker, die im großen Kuppelsaal ein so volles Haus schaffen: Die Berliner Philharmoniker mit ihrem Chef Simon Rattle und die Wiener Philharmoniker, wenn deren Programm nicht zu sperrig ausfällt. Lang Lang wohl auch noch, so lange der Hype um den smarten Chinesen andauert; und danach wird die Luft dünn. Zu solchen Stars kommen auch Zuhörer, denen der Klassikbetrieb nicht ganz geläufig ist. Und das ist gut so, weil gute Musik jedes offene Ohr verdient. Dass die Fans dann auch schon mal nach den einzelnen Sätzen klatschen, wie’s lange nicht mehr der Brauch ist, macht gar nichts. In klassischen Zeiten wurden nach bejubelten Premieren auch einzelne Sätze wiederholt. Und obendrein legt es Anne-Sophie Mutter mit dem dramatisch zugespitzten Finale des ersten Tschaikowskij-Satzes geradezu darauf an, dass sich die angestaute Spannung der Zuschauer entlädt.

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Anne-Sophie Mutter gilt als die teuerste Klassik-Solistin der Gegenwart, aber in diesem Zusammenhang ist unbedingt zu erwähnen, dass die Geigerin sich immer wieder in Wohltätigkeitskonzerten (die neudeutsch „Charity Events“ heißen) engagiert, dass sie viel und vieles fördert und unterstützt. Ob sie auch die weltbeste Geigerin ist, wie mancher Mutter-Verehrer vermutet, ist eine müßige Frage. In der Kunst gibt es keine Weltmeister, sondern nur Künstler, die an einem bestimmten Tag in einer besonderen Konstellation diesem Titel doch sehr nahe kommen.

Wenn es um große Geiger und Geigerinnen geht, fallen einem schon noch ein paar Namen ein, aber wenn es um die Attitüde, die Atmosphäre, die Ausstrahlung und die Klangsinnlichkeit geht, dann ist Anne-Sophie Mutter Spitze. Dass sie obendrein eine Stilikone ist, unterstreicht das nur: In zwei Monaten feiert sie ihren 50. Geburtstag - und lässt so manche jüngere Kollegin alt aussehen.

Wenn der Eindruck ihrer verwegenen Tschaikowski-Interpretation nicht täuscht, dann erfindet sich Anne-Sophie Mutter gerade für ihre zweite Lebenshälfte als Geigerin (fast) neu. An dieser Stelle ist eine persönliche Anmerkung gestattet: Vor 35 Jahren traf ich die damals jungmädchenhafte Geigerin das erste Mal, in den Jahren danach hörte und beschrieb ich sie immer wieder: beeindruckt von der Ausstrahlung, berührt von der Ernsthaftigkeit ihres Musizierens, manchmal auch irritiert von einer Neigung zur kühlen Perfektion, die in den letzten Jahren durch leichte Manierismen aufgebrochen wurde. Die Anne-Sophie Mutter von heute ist nicht erfahren abgeklärt, sondern risikofreudig, sie ist zu Extremen bereit, sie wirkt, als wolle sie nach all den Kooperationen nun endlich in jedem Takt den Ton angeben.

Da mag Dirigent Yannick Nézet-Séguin die Orchestereinleitung des Tschaikowski-Konzerts noch so markant in den Raum stellen, Anne-Sophie Mutter verschiebt mit dem ersten Ton diese Klangräume nach Belieben. Sie steht nicht an der Rampe, sondern fast seitlich hinter dem Dirigenten, doch sie hat das Sagen. Sie beginnt das Hauptthema schmerzvoll und legt in den virtuosen Spielfiguren dann los. Das schwärmerische zweite Thema intoniert sie, als träume da Lenski vor seinem tödlichen Duell mit Eugen Onegin noch einmal von glücklicheren Stunden. Die langsamen Tempi in den bedächtigen Passagen demonstrierte sie schon vor einem Vierteljahrhundert in einem auf CD dokumentierten Konzert bei den Salzburger Festspielen, aber dass sie zwischen den Inseln der Seligkeit immer wieder rasante Zwischenspurts einlegt, das hatte ihr damals Maestro Herbert von Karajan nicht gestattet. Den Weg zur dramatisch ausgeformten Kadenz gestaltet sie jetzt absichtsvoll widerborstig, aber sie liefert auch Triller am Rande der Hörbarkeitsgrenze.

Mutter weiß, welchen Zauber sie ihrer Stradivari abgewinnen kann. Und sie reizt das aus. Die Canzonetta klingt wie ein gehauchtes, traumverlorenes Selbstgespräch. Das hat edle Süße, aber auch kalten Kitsch, ist verführerisch wie eine Träumerei am Kamin - die man aber nur durch eine Milchglasscheibe ahnt. Im Finale spielt sie den Kontrast noch weiter aus. Das ist mal gespreizt und mal gehetzt. Stellenweise wirkt sie wie eine Seiltänzerin ohne Seil, die ihren Zuschauern signalisiert, dass man um sie keine Sorge haben muss (um den Gesamtzusammenhang des Konzerts allerdings schon). Sie kommt gut an. Und das Orchester, das sich immer wieder um Geistesgegenwart bemüht, auch. Riesenbeifall, dann lässt sich Anne-Sophie Mutter zu einer Zugabe ein bisschen bitten: Bei ihrem Bach-Spiel (e-Moll-Partita) dürften Puristen blass werden, aber viele Zuhörer im Kuppelsaal würden wohl in die Knie gehen, wenn sie nicht Angst hätten, dass das Knacken der Gelenke die andächtige Stille stören könnte. Ein singuläres Ereignis.

Was man von Nézet-Séguins Wiedergabe von Prokofjews Fünfter nicht unbedingt sagen kann. Dabei hatten er und das London Philharmonic Orchstra das Konzert mit einem stimmungsstark ausgemalten Vorspiel zu Mussorgskijs Oper „Chowanschtschina“ begonnen, bei der hinter der Idylle das Drama durchaus zu ahnen war. Prokofjews 5. Sinfonie aber geriet doch etwas diffus im Klangbild, wenig durchhörbar in der Struktur. Warum sich alle Dirigenten nur auf die fünfte von den sieben Prokofjew-Sinfonien stürzen (in der nächsten Saison auch beim Niedersächsischen Staatsorchester zu hören) bleibt weiterhin unklar. Dabei gäbe es jenseits der ironisch verspielten Ersten doch einiges auszuprobieren. Sind die Sinfonien Nr.2 bis 4 wirklich zu kantig? Sind die Sechste und die Siebte wirklich so kunstgewerblich, wie das Vorurteil das will? Nein, es kommt immer die lärmende (fünf Schlagzeuger, eine Pauke und ein Klavier, das man aber selten auch hört) Fünfte. Dabei wäre Prokofjews „Romeo und Julia“-Ballettmusik viel pointierter.

Yannick Nézet-Séguin dirigierte, als wolle er mit einem Degen den Stier angreifen. Immerhin ließ er sich vom gut aufgelegten Orchester nicht auf die Hörner nehmen.

Großer Beifall, keine Zugabe.