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21:08 12.10.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Die Produktion läuft und läuft und läuft: Das Schauspiel Hannover zeigt, dass es auch Fabrik spielen kann. Quelle: Ribbe
Hannover

China ist sehr groß. Auf dem eisernen Vorhang, der das Bühnenportal verschließt, kann man das ganz gut zeigen: Wenn rechts unten Bejing liegt, dann befindet sich hier - der Schauspieler Hagen Oechel hat die Bühnenmitte erreicht - Chengdu. Und dahinter - er weist raumgreifend gestikulierend weiter nach links - kommt noch viel mehr China.

So ist es wohl. Hat das Schauspiel Hannover zur Erdkundestunde geladen? Irgendwie schon. Stefan Kaegi, einer der Gründer und Leiter der renommierten Theatergruppe Rimini Protokoll, der immer auch gern in Soloprojekten unterwegs ist, erklärt die Welt. Nach seinem Projekt „Bodenprobe Kasachstan“, das vor drei Jahren im hannoverschen Ballhof Premiere hatte, orientiert er sich nun noch weiter östlich und macht China zum Thema eines Theaterabends. Aber nicht nur. Ihn interessiert nicht allein das Land, sondern auch die besondere Beziehung der Volksrepublik zum niedersächsischen Autokonzern Volkswagen.

Der niedersächsische Autobauer VW kommt in China bestens zurecht. Die deutschen Manager haben sich mit der allgegenwärtigen kommunistischen Partei arrangiert - so sieht es das Theaterprojekt Rimini Protokoll.

Der Text des etwa anderthalbstündigen Projekts stammt aus Interviews, die Kaegi und Kollegen mit deutschen VW-Mitarbeitern geführt haben, die in China tätig sind. Es werden aber auch viele Mails vorgelesen, die die Befragten an ihre Verwandten und Freunde in Deutschland geschickt haben. Mails, in denen sie versuchen, ein fremdes Land zu erklären.

Eine Geschichte erzählt Stefan Kaegi nicht, Dramatik oder eine Handlung gibt es auch nicht, das würde auch nicht dem Arbeitsstil von Rimini Protokoll entsprechen. Erfolgreich wurde die Gruppe mit dokumentarischem Theater, mit „Experten des Alltags“, die von ihrer Arbeit, ihrem Leben, ihren Träumen berichteten und auch selber auf der Bühne standen. Auf der großen Bühne des Schauspielhauses aber stehen Schauspieler. Sie spielen VW-Mitarbeiter, und sie spielen sie auch wieder nicht. Sie tragen ihre Mails vor, sprechen ihre Gedanken aus, aber sie agieren nicht miteinander. Es gibt keine Zuspitzung. In dieser sehr offenen Theaterform könnte die Szenenfolge genauso gut auch ganz anders sein.

Die Frage, ob Schauspieler ihre Sache gut oder schlecht machen, stellt sich in solchen Arbeiten eigentlich nicht. Trotzdem: Den Darstellern Hagen Oechel, Mathias Max Herrmann, Janko Kahle, Julia Schmalbrock und Susana Fernandes Genebra schaut man gern zu. Sie formen witzige, erkennbare Typen - und jeder scheint auf eine merkwürdige Art verletzt zu sein.

Aber das ist im Grunde nicht weiter wichtig, und anders wäre es wohl auch ganz in Ordnung. Denn dieses Theater will ja kein Spiel sein und keine Geschichte erzählen. Es will - tja was? Informieren vielleicht. Das tut es. Man erfährt allerhand über den Autobau in China und über die Fremdheitsgefühle deutscher „Expats“, die dort tätig sind. Nur hätte man das vielleicht auch alles in einschlägigen Sachbüchern nachlesen können.

Diesen Eindruck jedoch will Kaegi nicht aufkommen lassen. Deshalb versucht er mit großer Anstrengung sein Projekt als Theaterprojekt zu behaupten. Das Bühnenbild von Eva-Maria Bauer zeigt eine Autofabrik. Die geradezu entfesselt agierende Bühnentechnik leistet Erstaunliches. Karosserieteile werden herangefahren, ein Styropor-Golf in Originalgröße wird ferngelenkt über die Spielfläche manövriert, stets befindet man sich in irgendwelchen Produktionszusammenhängen. Die Theatermaschinerie ist in vollem Einsatz. Sie unterhält das Publikum. Und dafür ist auch die Gruppe von zwölf Kindern da. Die Kinder, das jüngste vielleicht sieben Jahre alt, tanzen und singen chinesische Lieder. Und sie machen das sehr charmant. Aber das ist natürlich ein alter Theatertrick. Kinder auf der Bühne funktionieren immer. Und retten fast alles.

In dieser Rimini-Protokoll-Produktion aber, die den Kern des Theaters eigentlich überwinden will, wirkt das theatralische Drumherum besonders verlogen.

Wieder am 12., 16. und 25. Oktober.

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