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Nachrichten Kultur Volksschauspielerin Heidi Kabel gestorben
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21:27 15.06.2010
Von Hendrik Brandt
Heidi Kabel ist im Alter von 95 Jahren gestorben. Quelle: dpa
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Sie gehörte zur gemeinsamen Grundausstattung der Republik. Damals, im alten, analogen Westen, als es so etwas noch gab. Als die mächtige Klammer des „Deutschen Fernsehens“ immer mal wieder für ein paar Stunden zusammenbog, was schon damals nicht immer zusammenpasste: Alte und Junge, Oben und Unten, Nord- und Südlichter. Und das über Jahrzehnte hinweg.

Von Heidi Kabel hatte jeder ein Bild. Die Vorlage lieferten ihre Rollen. Seit 1954 war Heidi Kabel im Wohnzimmer zu erleben; erst in der Schwarz-Weiß-Truhe mit dem winzigen Bildschirm, später dann in der klobigen weißen Kiste mit der Bunt-Röhre. Aus dem Hamburger Ohnsorg-Theater kamen sie nach Hause: die Bauersfrauen mit dem leichten Hau, die Kopftuch-Schlampen mit der großen Klappe, die späten Frolleins mit dem komischen Zug. Die typischen Kabel-Rollen. Nicht im Orginal-Platt, aber immer platt genug, um Hamburg nicht an den Süden zu verraten. Nie große Literatur, aber meist ein großer Spaß.

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Heidi Kabel spielte im Kreis von Großen des Volkstheaters – das Ohnsorg-Ensemble der sechziger und siebziger Jahre hatte mit Karl-Heinz Kreienbaum, Hilde Sicks, Ernst Grabbe, Ursula Hinrichs, Werner Riepel, Hanno Thurau oder dem schon zu Lebzeiten legendären Henry Vahl eine Vielzahl gestandener und ernsthaft-komischer Akteure beisammen. Doch am Ende blieb vor allem ihr Name haften. Die oft dankbaren Rollen haben dazu beigetragen; mehr noch aber Heidi Kabels überragendes Handwerk, das in guten Momenten mehr war als ein Verbund von Techniken und Kniffen. Sauber gesetzte Pointen, clevere Pausen und ein Gefühl für Tempi – das ist Boulevard-Standard. Sie setzte zuweilen noch einen drauf: Wenn etwa die Putzfrau Meta Bold durchs Treppenhaus zeterte („Tratsch op de Trepp“), dann lag bei aller Komik auch der hinterhältig-böse Kern der Figur offen. Ihre Wilhelmine Lührs aus „De Kortenleggersch“ war in ihrer Bauernschläue kräftig komisch – aber man spürte auch einen Hauch ihrer Angst. Es gab Momente, in denen Kabels Frauenbilder aus den zuweilen wahrhaft ranzigen „Volksstücken“ auf diese Weise seltsam gegenwärtig wurden.

So etwas spürt und spielt man nicht mit zwanzig. Lebensklugheit und ein paar Narben gehören schon dazu. Sie fügen sich in das nicht ganz so öffentliche Heidi-Kabel-Bild. Es zeigt eine hamburgische Bürgerstochter aus den Großen Bleichen, die sich durchgekämpft hat – gegen die Eltern zum Theater, gegen den Frust und die Scham einer Nationalsozialistin in ein neues Nachkriegsleben, gegen üble Theaterintrigen, die sie als Muter von drei kleinen Kindern in den vierziger Jahren auf Tingeltour mit dem Schifferklavier zwangen. Und nicht zuletzt gegen den Verlust ihrer Familie, als ihr kranker Mann (und Ohnsorg-Intendant) Hans Mahler 1970 starb. Sie erfuhr es in der Pause einer Vorstellung von „Suuregurkentied“ – und spielte weiter. Später, als die private Betonfrisur längst weiß geworden war, sagte sie in einer Talkshow, von Selbstverwirklichung halte sie nichts. „Dafür hatte ich nie Zeit.“

Das alles ist lange her. An unserem Heidi-Kabel-Bild hat sich längst nichts mehr verändert. Nicht einmal die nächtliche Wiederholung mancher himmelschreiend schlechter Kabel-Filme („Klein Erna auf dem Jungfernstieg“) im Fernsehen schadet ihm noch. Aber langsam, ganz langsam ist das Bild in den letzten Jahren, die sie in einem Pflegeheim verlebt hat, verblasst. Nun ist sie tot. Eine gute Gelegenheit, noch einmal auf das Bild zu sehen. So viele aus dieser Zeit haben wir nicht mehr.

Kultur Konzertreihe „Schlossakkord" - Jeremy Donovan im Landesmuseum Hannover
Stefan Arndt 15.06.2010