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Kultur „Voll 1890er!“
Nachrichten Kultur „Voll 1890er!“
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17:42 07.01.2014
Von Daniel Alexander Schacht
„Ich fühlte, wie ein lauter, unbeschreiblicher Schrei durch die Natur hallte“, notiert Edvard Munch auf seinem Weg zum Bild „Der Schrei“, den Kverneland  hier nachzeichnet. Quelle: Avant-Verlag
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„Loderndes Feuer und rinnendes Blut, flammendes Schwert und brandrote Flut“: In solchen Gedichtzeilen findet die Malleidenschaft von Edvard Munch (1863–1944) poetischen Niederschlag – zu einer Zeit, da dieser Wegbereiter des Expressionismus auf sein bekanntestes Werk zusteuert. „Ich fühlte, wie ein lauter, unbeschreiblicher Schrei durch die Natur hallte“, schreibt Munch 1892, ein Jahr bevor er „Der Schrei“ malt. Die Krise, die zu Munchs berühmtem Bild führt, der Ort in Oslo, der den Bildhintergrund liefert, selbst der Raub des Werkes im Jahr 2006: All das wird in einem Buch geschildert, das so radikal subjektiv und zugleich so kunstvoll reflektiert ist wie der Maler selbst – und das doch nicht als akademisches Wortungetüm daherkommt, sondern als Graphic Novel: „Munch“ von Steffen Kverneland.

Darin allein liegt schon eine kleine Sensation. Denn auch diese Edelvariante des Comic tendiert nicht selten ins Banale. Oder wird zeigefingrig-lehrbuchhaft,  zumal, wenn es sich dabei um ein Sachbuch wie „Munch“ handelt. Doch der norwegische Zeichner entgeht dieser Falle – mit viel Selbstironie und mancher Distanzierung von Edvard Munch. Der bleibt gleichwohl Kvernelands obskures Objekt künstlerischer Begierde. „Radikal! Hardcore Symbolismus! Voll 1890er!“ jubelt er selbst in einer Art künstlerischem (und selbstverständlich gezeichneten) Prolog zu dem opulenten 270-Seiten-Werk. Darin grenzt er sich auch von aktuellen Künstlerbiografien „à la Im-Kopf-von-Munch“ ab. „Ein richtiger Scheiß – Nerds, die Munch nie getroffen haben, sitzen hundert Jahre später da und schustern sich was zusammen.“

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Und wie weicht Kverneland dieser Falle aus? Er hat sich nach eigenem (wiederum zeichnerischem) Bekunden über sieben Jahre hinweg durch wahre Materialberge zu Munch gepflügt, lässt diesen und seine Zeitgenossen, also die Quellen selbst sprechen. Eine mühselige Prozedur? Vielleicht für ihn, aber nicht für seine Leser. Kverneland belässt es bei kurzen Fußnoten, die man wahrnehmen oder übergehen kann, er bietet den seltenen Glücksfall von Leichtigkeit und Tiefe zugleich. Dazu gehört auch, dass diese Künstlerbiografie nicht einfach chronologisch erzählt wird. „Munch“ startet mit der Skandalschau im Berliner Kunstverein, dessen Honoratioren 1892 gegen Munchs visuellen „Anarchismus“ aufbegehrten, so dass die Ausstellung schon nach einer Woche wieder geschlossen wurde.

Genau das hat den Künstler erst richtig bekannt gemacht, hat seiner subjektiven Weltsicht und später dem Expressionismus Bahn gebrochen. Später erst widmet sich das Buch der Kindheit des Malers – eher als an einem Zeitstrang orientiert an den Objekten von Munchs Werken. Zu denen gehören neben den wilden Himmelsszenen, die nicht reale Außenwelten, sondern inneres Chaos visualisieren, immer wieder Frauenakte. Für die hat Munch in Berlin wie zuvor in Paris und später noch in Oslo Prostituierte zu sich geholt. Sie liefern Vorlagen für das Bild „Madonna“ (1894), auf dem die Frauengestalt provozierend zwischen Heiliger und Hure changiert.

Oder auch für „Vampir“ (1917), das mit gleitenden Übergängen zwischen dem Kuss und dem Biss einer Frau spielt. Damit demonstriert der unstete Liebhaber den Mann (und sich selbst) überdies in der Opferrolle – als Opfer eigener Sehnsüchte, der Gier,der Ängste und der Abgründe, die sein eigentliches Thema sind. „Der Fotoapparat ist keine Konkurrenz für Pinsel und Palette – zumindest nicht, solange man ihn nicht in Himmel und Hölle benutzen kann“, notiert Munch 1903 zu seinem „Selbstporträt in der Hölle“. In dem Maße, wie seine Hölle auch die seiner Mitmenschen ist, bleibt die Welt dieses großen Egomanen bis heute spannend und aktuell.

Sprunghaft wie Munch ist auch sein Biograf. Doch Kvernelands Sprünge sind wohlüberlegt und durch eingeschobene Reflexionsphasen verständlich, in denen er selbst auftritt, oft im Zwiegespräch mit seinem Künstlerfreund Lars Fiske. Mal montiert Kverneland Zeichnung und Fotografie, mal zeichnet und koloriert er fast fotorealistisch genau, meist aber mit kantigem Strich, der an George Grosz geschult zu sein scheint und für das ganze Buch prägend ist. Dazwischen schiebt er noch Zeichnungen im braveren Stil des 19. Jahrhunderts – wie um Abwechslung und Ruhepausen zu schaffen, für sich selbst und seine Leser.

Die honorieren Kvernelands Leistung: In Deutschland ist sein Buch erst seit kurzem auf dem Markt, aber schon ein Bestseller. In Norwegen ist „Munch“  „Buch des Jahres“ in der Kategorie Sachbuch geworden – als erste Graphic Novel in der Geschichte dieses Preises.

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