Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Wie originell werben die Parteien für die Wahl?
Nachrichten Kultur Wie originell werben die Parteien für die Wahl?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 20.08.2017
Von Ronald Meyer-Arlt
Neues von den Sprüchemachern: Plakatwerbung in Hannover.Foto: Thomas
Neues von den Sprüchemachern: Plakatwerbung in Hannover. Quelle: Michael Thomas
Anzeige

CDU: Höchstens eine Drei minus

Angela Merkel strahlt. Sie scheint sich zu freuen. Neben ihrem Bild steht der Satz „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Auf ihren Plakaten macht die CDU ausgesprochen positiven Wahlkampf. Fast jeder Satz beginnt mit „für“. „Für mehr Respekt vor Familien“. „Für Sicherheit und Ordnung“, „Für eine starke Wirtschaft und sichere Arbeit“.

„Keine Experimente“ war der Slogan der CDU im Jahr 1957. Das scheint auch für die Plakatkampagne der Partei im aktuellen Bundestagswahlkampf zu gelten. Die renommierte Agentur Jung von Matt hat die Kampagne entworfen. Erstaunlich, dass Plakate so viel gepflegte Langeweile ausstrahlen können. Die Formulierung „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ scheint wohl Absicht gewesen zu sein, sie klingt aber merkwürdig falsch. „Gut und gerne“ benutzt man schließlich auch, wenn man etwas eigentlich besser machen könnte. Aber gut und gerne kann man das eben auch so machen. Und das ist dann höchstens eine Drei minus.

"Keine Lust auf Weiterso", "Denken wir neu", "Trau dich Deutschland": Die Straßen hängen wieder voll mit Wahlplakaten. Agenturen versuchen, den Parteien mit coolen Sätzen mehr Profil zu verleihen. Das ist dabei rausgekommen.

SPD: Kopflos und lärmend

Die SPD setzt auf Bilder. Zwei offenbar kreischende Kinder, dazu der Satz: „Unsere Familienpolitik ist genauso: laut und fordernd“. Bei Betrachtung des Bildes (dem Jungen wurde der Kopf über den Ohren abgeschnitten) kann man nur hoffen, dass die Politik so gerade nicht ist: kopflos und lärmend. Auf einem weiteren Bild der Kampagne (für die die Agentur KNSK verantwortlich ist) ist eine Frau in Latzhose zu sehen, die an einer Turbine hantiert. Dazu der Satz: „Wer 100 % leistet, darf nicht 21 % weniger verdienen.“ Aber 18 oder 25 Prozent wären in Ordnung? Merkwürdig.

Nichts auszusetzen gibt’s dagegen an dem Satz „Damit die Rente nicht klein ist, wenn die Kinder groß sind“, der zu dem Bild von einer alten Frau, die lacht, und einer jungen Frau (ihrer Tochter?), die traurig guckt, zu sehen ist. Agenturen arbeiten gern mit Widersprüchen wie groß und klein. Das ist griffig, einfach und einprägsam.

Die Grünen: Leicht verquer

Aber man muss es eben auch können. Die Grünen probieren auf einem ihrer Wahlplakate ebenfalls das Groß-und-klein-Spiel - und scheitern. Vor einem Tor aus rosa Bauklötzen (welches Kind baut so etwas?) steht in hammerharten Versalien der Satz „Kinderarmut kann man kleinreden. Oder gross bekämpfen“. Mal davon abgesehen, dass das ß jetzt auch als Großbuchstabe zulässig ist und man also statt gross ruhig auch groß hätte schreiben können, funktioniert das Wort groß hier einfach nicht. Man kann etwas mit Nachdruck oder auch intensiv bekämpfen. Aber groß bekämpfen? Da schwingt dann ungewollt das Gegenteil mit: Was soll man sich schon groß drum kümmern? Da sich die Agentur, die dafür verantwortlich ist, „Ziemlich beste Antworten“ nennt, ist davon auszugehen, dass man sich ganz bewusst für das leicht Verquere der Formulierung entschieden hat.

In Aussagen zur Gendergerechtigkeit sind die Grünen dann aber besser als die SPD. Statt Prozenthuberei steht hier der klare Satz: „Wenn man gleich viel leistet, sollte frau auch gleich viel verdienen“. Hier sind die sperrigen Großbuchstaben auch von Nutzen: Man muss sich nicht entscheiden, Frau groß oder klein zu schreiben. Ansonsten bollern die Versalworte ganz schön. Wenn Katrin Göring-Eckardt auf dem Plakat fast ganz hinter dem Satz „Unser Klimaziel: endlich handeln“ verschwindet, wirkt das aufdringlich. Und man fragt sich, warum die Grünen in dieser Angelegenheit eigentlich noch nicht gehandelt haben.

FDP: Cool in Schwarz-Weiß

Sehr zurückhaltend, ziemlich cool in Schwarz-Weiß, präsentiert sich die FDP mit ihren Lindner-Plakaten. „Manchmal muss ein ganzes Land vom 10er springen“ oder „Digital first. Bedenken second“ lauten die Sätze auf den Plakaten. Das geht ziemlich frisch nach vorn. Auch der Claim „Denken wir neu“ ist nicht schlecht. Drei Worte, die genauso viel bedeuten wie Opels „Umdenken im Kopf“, aber viel staatstragender klingen.

Die Linke: Fast besonders

Auch die Linke propagiert neues Denken. Allerdings ist beim Claim „Keine Lust auf Weiterso“ jedes zweite Wort durchgestrichen, sodass nur „Lust auf“ bleibt. Ein recht schmaler Witz. Ansonsten wirbt die Partei mit Köpfen und Zitaten. Bernd Riexinger etwa sagt „Gute Arbeit, höhere Löhne. Befristungen und Leiharbeit stoppen“. Wortwitz? Originalität? Überraschungseffekt? Nicht vorhanden. Die Kampagne der Berliner Agenturgemeinschaft Dig/Trialon ist so langweilig, dass sie schon fast wieder etwas Besonderes ist. Aber nur fast.

AfD: Spiel mit der Angst

Im Übrigen ist Originalität auch nicht alles. Die AfD etwa wirbt mit knalligen Bildern und heftigen Sprüchen: „Burkas? Wir steh’n auf Bikinis“ ist auf einem Bild von drei Bikinidamen am Strand zu lesen; „Der Islam? Passt nicht zu unserer Küche“ steht über einem Bild von einem Ferkel. Solchen Bild-Text-Kombinationen gelingt das, was gute Werbung erreichen muss: Sie erzielen Aufmerksamkeit. In ihrer direkten Art passt die Plakatwerbung gut zum Claim der Partei: „Trau Dich Deutschland!“

In der Tat: Die AfD traut sich in ihrer Kommunikation (gestaltet vom Büro Kunkelbakker aus Bern) eine Menge. Aber ist das mutig? Tatsächlich hat solch eine Ausgrenzungskampagne mit Mut nichts, mit Angst aber sehr viel zu tun.