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18:45 25.06.2014
Als alles begann: Aufzug von deutschen Soldaten mit Pferdegespannen und Kanonen zu Anfang des Ersten Weltkriegs in Berlin.
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Hannover

"Kriege haben die unschöne Tendenz, immer in Ferienzeiten auszubrechen.“ Dieser Satz stammt von Gertrude Stein. Marcel Proust stellte sich vor, wie „bald Millionen von Menschen in einem Krieg der Welten hingemetzelt werden“, und J. R. R. Tolkien entwarf angesichts der realen Gräuel um ihn herum das fantastische Reich Mittelerde, in dem die Helden noch wissen, wofür sie kämpfen.

Kaum ein Krieg ist literarisch so häufig bearbeitet worden wie der Erste Weltkrieg, der am 28. Juni vor hundert Jahren durch das Attentat auf den Thronfolger Österreich-Ungarns ausgelöst wurde. Klassiker sind darunter, Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“, Jaroslav Hašeks „Der brave Soldat Schwejk“, Ernest Hemingways Roman „In einem anderen Land“ oder Karl Kraus’ Drama „Die letzten Tage der Menschheit“.

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100 Jahre nach Ausbruch der Katastrophe, die den Untergang der alten Weltordnung markierte, arbeiten sich Autoren noch immer am „Großen Krieg“ ab. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels verzeichnet 225 neue gedruckte Titel sowie 109 E-Books zum Thema, das sind mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Der Belletristikanteil macht etwa ein Viertel aus.

Im Manesse-Verlag ist die Sammlung „Über den Feldern“ mit Erzählungen von Bertolt Brecht bis Katherine Mansfield erschienen. Tania Blixen schreibt über eine afrikanische Safari in Kriegszeiten, Thomas Mann ahnt, „welcher Wahnsinn Europa ergreifen kann, wenn es einmal hingerissen ist“.

Während die Romane der Zeitgenossen geprägt sind von den eigenen traumatischen Erfahrungen in den Schützengräben, setzen die Nachgeborenen aus der Distanz von 100 Jahren andere Schwerpunkte. Jürgen Seidel konzentriert sich in „Der Krieg und das Mädchen“ (cbj) auf eine unmögliche Liebesgeschichte, John Boyne erzählt in seinem Kinderbuch „So fern wie nah“ (Fischer) von einem Jungen, der seinen Vater aus einer Klinik für traumatisierte Soldaten holen will.

Burkhard Spinnens Roman „Zacharias Katz“ betrachtet den Krieg zunächst aus der Entfernung: Auf einem Reisedampfer in der Karibik lauscht der Journalist Zacharias den sorgenvollen Geschichten europäischer Exilanten. Doch schon bald erreicht der Krieg das Schiff, das zunächst Flüchtlinge transportieren soll, dann vom Kapitän als Kaperboot gebraucht wird. Spinnens Geschichte ist eine Parabel auf die Brüchigkeit geordneter Verhältnisse.

Jean Echenoz’ Roman trägt den Titel „14“. Ähnlich wie Florian Illies in seinem Buch „1913“ über das letzte Jahr vor Kriegsausbruch fängt Echenoz den Zeitgeist von damals pointiert ein. In Frankreich verdrängte der Roman selbst Harry Potter von der Spitze der Charts. Der Autor, der 1999 mit dem „Prix Goncourt“ ausgezeichnet wurde, erzählt in lakonischem, fast teilnahmslosem Tonfall von den Schrecken des Krieges. Angesichts der Mobilmachung heißt es über den Protagonisten, der dieselbe Frau wie sein Bruder Charles liebt: „Wie alle anderen, obgleich ohne wirklich damit zu rechnen, war Anthime mehr oder weniger darauf gefasst, hätte aber nie gedacht, dass sie auf einen Samstag fallen würde.“

Das Leben der fünf Kameraden, die im Bombenfeuer getötet, wegen Fahnenflucht hingerichtet oder zum Krüppel gemacht werden, zählt anscheinend nicht mehr als das Leben der herrenlos herumirrenden Gänse, Ochsen und Schafe, über die sich Echenoz ausgiebig auslässt. Der Autor ist für derlei sanfte Verunsicherungen bekannt. Ein reizvoller Kontrast tut sich zwischen den poetischen Soldatennamen Anthime, Padioleau und Arcenel und dem traurigen Schicksal ihrer Träger auf. Der Schriftsteller bedient sich bei historischen Briefen und Tagebüchern, entwickelt jedoch einen ganz eigenen Duktus. Er verhandelt vier Kriegsjahre im Zeitraffer auf nur 125 Seiten und konterkariert somit die allgemeine Vorstellung vom „Großen Krieg“.

Echenoz zieht während des ganzen Romans das Partizip II dem Präteritum vor und erzeugt so eine unheimliche Gegenwärtigkeit. Christoph Poschenrieder schreibt sogar im Präsens - was ein weiteres Indiz für die Ungewöhnlichkeit seines Romans „Das Sandkorn“ ist. Nicht wie eine historische Abhandlung, sondern eher wie ein märchenhafter Krimi kommt diese Geschichte daher. Sie beginnt mit einem Rätsel: Der Kunsthistoriker Jacob Tolmeyn verstreut im Jahr 1915 Sand auf den Straßen Berlins, der aus dem Grab einer Kaiserin stammen soll. In Kriegszeiten ist das Unbekannte schnell verdächtig, Tolmeyn wird zum Verhör geladen. Über 400 Seiten erstrecken sich die Schilderungen des Kunsthistorikers, der gegen Ende der Kaiserzeit nach Italien floh, um der Verfolgung als Homosexueller zu entgehen. Die Erzählung schwankt zwischen preußischer Prüderie und italienischer Sinneslust; der Autor zeichnet ein prägnantes Bild dieser Epoche.

Christoph Poschenrieder, der in Boston geboren wurde und heute in München lebt, wurde mit seinem Debüt „Die Welt ist im Kopf“ über Schopenhauer bekannt. Sein Schreibstil gleicht in der romantischen Überhöhung der Wirklichkeit dem E. T. A. Hoffmanns, auf dessen „Sandmann“ Poschenrieder mit seinem Sandverstreuer offensichtlich anspielt.

„Geschichte braucht Fantasie, und ist die Fantasie nicht die mehr oder weniger gespannte, mehr oder weniger rosige Haut über einem mehr oder weniger klapprigen Faktengerippe?“, heißt es im Roman. Vielleicht braucht es diese Membran der Fiktion, um mit der Katastrophe umzugehen.

Burkhard Spinnen: „Zacharias Katz“. Schöffling & Co. 344 Seiten, 21,95 Euro (erscheint Ende Juli).

Jean Echenoz: „14“, Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser Berlin. 128 Seiten, 14,90 Euro.

Christoph Poschenrieder: „Das Sandkorn“. Diogenes. 416 Seiten; 22,90 Euro.

Von Nina May

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