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Kultur Vor 20 Jahren bekam die DDR die D-Mark
Nachrichten Kultur Vor 20 Jahren bekam die DDR die D-Mark
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09:02 30.06.2010
Rund 620 Millionen Geldscheine - der gesamte eingelagerte Bestand der früheren DDR-Staatsbank - sollten eigentlich Untertage in einem Stollen verrotten. Doch die Scheine zersetzten sich nicht und wurden dann verbrannt. Quelle: dpa
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Nicht oft, aber manchmal doch schaffen es Karikaturen und satirische Bilder in die Geschichtsbücher. Die Schüler können dann über „Der Lotse geht von Bord“ diskutieren, erschienen im „Punch“ zur Entlassung Bismarcks 1890. Oder die Geschichtslehrer präsentieren ihnen Chruschtschow und Kennedy beim Armdrücken, weil das Bild viel aussagt über den Kalten Krieg. Und irgendwann wird auch Zonen-Gaby reif für die Lehrpläne sein. Weil Zonen-Gaby von einer ziemlich deutschen Kontroverse erzählt. Von einem Grundkonflikt, der in verschiedenen Gewändern immer wiederkehrt.

Im November 1989, im Wendemonat, schrieb sich das Satireblatt „Titanic“ mit diesem Titelbild in die Annalen des deutschen Humors ein. Eine junge Frau, billige Ost-Dauerwelle, billige Ost-Jeans­jacke, hält grinsend eine geschälte Gurke in der Hand: „Zonen-Gaby (17) im Glück (BRD): Meine erste Banane!“ In dem Bild, das als Plakat zahllose Studenten-WGs zierte, kumulierten alle Vorurteile westdeutscher Wohlstandsintellektueller gegen die naiven Ossis: Man attestierte ihnen (immerhin mit einem Anflug von Selbstironie), dass ihre Käuflichkeit nur noch durch ihre Dummheit übertroffen werde. Lassen sich übern Tisch ziehen, diese Zonis, und merken’s nicht mal!

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Die Grünen lieferten ein paar Monate später ein ähnliches Plakat nach, das als ihre eigene Version von „Zonen-Gaby“ gelten darf, nur eben seriöser, dröger und moralisierender: „Erst wenn die letzte Datsche geschleift, das letzte Kombinat geschluckt und der letzte kleine Fisch im Netz vertrocknet ist, werdet ihr feststellen, dass Mensch die D-Mark nicht essen kann.“ Das Plakat war ein Kommentar zur „Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion“, die vor 20 Jahren, am 1. Juli 1990, in Kraft trat und in vielem die deutsche Einheit wenig später vorwegnahm.

Als Finanzminister hatten Theo Waigel (West) und Walter Romberg (Ost) einen Staatsvertrag ausgehandelt, der die D-Mark auch in der DDR einführte. Bei den vereinbarten Umtauschkursen kamen die Ostdeutschen gut weg: Kinder bis 14 Jahre durften 2000 DDR-Mark zum Kurs von 1:1 wechseln, Erwachsene 4000 Mark. Der Rest wurde zum Kurs 2:1 umgetauscht. Löhne, Renten und Mieten stellte man im Verhältnis 1:1 um. Im Bundesrat hatten nur das Saarland, regiert von Oskar Lafontaine, und Gerhard Schröders Niedersachsen den Vertrag abgelehnt.

Bei der ersten und letzten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 hatte die „Allianz für Deutschland“ gesiegt, und so waren die Weichen für Währungsunion und Wiedervereinigung gestellt. Intellektuelle in West und Ost argwöhnten, die werktätigen Massen ließen sich ihre gerade gewonnene politische Mündigkeit jetzt für einen gebrauchten Golf, einen Mallorca-Urlaub und ein Bündel Bananen abschwatzen. Bittere Resignation sprach aus dem Schriftsteller Stefan Heym, der konstatierte: „Aus dem Volk, das nach Jahrzehnten Unterwürfigkeit und Flucht sich aufgerafft und sein Schicksal in die eigenen Hände genommen hatte und das soeben noch, edlen Blicks, einer verheißungsvollen Zukunft zuzustreben schien, wurde eine Horde von Wütigen, die, Rücken an Bauch gedrängt, Hertie und Bilka zustrebten auf der Jagd nach glitzerndem Tinnef.“

Günter Grass schlug in dieselbe Kerbe: „Geld muß die fehlende, übergreifende Idee ersetzen. Harte Währung soll mangelnden Geist wettmachen“, monierte er. „Selten ist im Verlauf der oft genug unglücklichen deutschen Geschichte eine tatsächlich historisch zu wertende Möglichkeit aus Mangel an gestaltender Kraft so kleinkrämerisch verrechnet, so dumpf nicht begriffen, so leichtfertig verspielt worden“, schrieb Grass in der „Zeit“.

DDR-Dichter verfassten einen Aufruf „Für unser Land“ – und malten als Horrorszenario an die Wand, dass die antifaschistischen und humanen Ideale der DDR gemeinsam mit dieser untergehen würden. Als potenziell „besseres Deutschland“ hätten viele Intellektuelle die DDR gerne behalten, als Experimentierfeld für einen „dritten Weg“ zwischen Kommunismus und Kapitalismus, als Spielwiese ihrer eigenen Ideale.

Diese Intellektuellen wirkten plötzlich wie Zauberlehrlinge, die die selbst gerufenen Geister nicht mehr loswurden. Denn wie im Westdeutschland der Nachkriegszeit wiederholte sich jetzt im Osten eine Konzentration aufs Materielle, auf Leistungsdenken, schnellen Wohlstand und Konsum. Reisefreiheit und Reisekasse hatten in den Augen des bodenständigen Wahlvolkes eben mehr miteinander zu tun, als manche Schöngeister wahrhaben wollten, die zwar die Volksmacht feierten, aber dem eigenen Volk im Grunde misstrauten.

Drang nach Wohlstand ist ungeduldig, und die D-Mark-Scheine, für die DDR-Bürger am 1. Juli vor den Banken Schlange standen, waren das Symbol für Wirtschaftskraft schlechthin. So gesehen war die Währungsunion keineswegs der entscheidende Etappensieg westlicher Kapitalisten beim Zerschlagen der DDR. Eine Mehrheit in der DDR hatte West­politiker zur Eile getrieben: „Kommt die D-Mark, bleiben wir / kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr“ war ein Slogan jener Tage. Die Währungsunion war auch keineswegs der Triumph des Banalen über das Erhabene, sondern der Sieg des gesunden Menschenverstandes über utopische Verheißungen.
Utopische Verheißungen waren das Lebenselixier der DDR gewesen. Idealistische Opferbereitschaft hatte die Führung über Jahre eingefordert. Sie hatte als Gegenleistung für die Entbehrungen der Gegenwart das sozialistische Paradies der Zukunft in Aussicht gestellt. Sogar gegenwärtige Verbrechen lassen sich rechtfertigen, wenn man für die Zukunft eine umfassende Gerechtigkeit verspricht, für die eben Opfer in Kauf genommen werden müssen. Als publik wurde, dass die DDR-Granden sich in der „Waldsiedlung Wandlitz“ bescheidenen Wohlstand genehmigt hatten, traf dies viele DDR-Bürger ins Mark, weil sie spürten, dass die Bonzen Idealismus gepredigt, diesen aber selbst verraten hatten.

Vielen linken Idealisten, die DDR und Ostmark gerne erhalten hätten, ging es im Grunde um Gut und Böse. Um quasireligiöse Kategorien also, um allerletzte Dinge, die in der Politik oft ins Unheil führen. Sie kämpften um den Erhalt einer Utopie. Das wäre nicht weiter schlimm, schrieb ihnen damals die Autorin Monika Maron ins Stammbuch, „würde die Utopie das bessere Leben der anderen nicht bewusst opfern und 16 Millionen Menschen auch für die Zukunft zum Objekt einer Idee degradieren“. Stefan Heyms idealistisches Anspruchsdenken sei im Grunde „die Arroganz des Satten, der sich vor den Tischmanieren eines Ausgehungerten ekelt“, erklärte Maron.

Die Revolution, die schließlich zur Währungsunion führte, war das Gegenteil all jener Revolutionen, die mit einem Heilsversprechen beginnen und in einem Heilsverbrechen enden. Zu ihr gehörte ein sehr pragmatischer Zug. Die Revolutionäre suchten Wohlstand statt Abenteuer, sie kalkulierten ihre Interessen nüchtern und setzten sie demokratisch durch. Sie spürten, dass politische Freiheit und materielle Sicherheit viel mit­einander zu tun haben. Und damit bewiesen „Zonen-Gaby“ und ihre Landsleute eine politische Reife, auf die sie heute noch stolz sein können.

Simon Benne