Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Vor 200 Jahren wurde der Komponist Franz Liszt geboren
Nachrichten Kultur Vor 200 Jahren wurde der Komponist Franz Liszt geboren
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:09 21.10.2011
Von Rainer Wagner
Anzeige

Wer war dieser Liszt Ferencz – und was? Geboren wurde er am 22. Oktober 1811 in Raiding, das damals ungarisches Kronland war (und erst 1921 dem österreichischen Burgenland zugeschlagen wurde). Der Vater stammte aus der Gegend, die Mutter aus Krems an der Donau. Zu Hause wurde Deutsch gesprochen. Als die Eltern eine internationale Karriere ihres Klavierwunderkinds ahnten und planten, lernte die Familie Französisch. Erst im hohen Alter mühte sich Liszt mit dem Ungarischen. Trotzdem bezeichnete er sich, meist, als Ungar. Er war noch keine 30 Jahre alt, da wurde er schon Ehrenbürger von Pest und erhielt den ­Ehrensäbel des ungarischen Adels. Aber später beantragte er auch die Aufnahme in den österreichischen Ritterstand und durfte den Namen Franz Ritter von Liszt führen. Als er 1871 auch noch Königlich Ungarischer Rat wurde, war er längst schon Abbé, hatte sich der Tonsur unterzogen (was seine silhouettenprägende Langhaarfrisur aber nicht beeinträchtigte), hatte die vier niederen Priesterweihen erhalten und war fortan Abbé Liszt.

Keine schlechte Karriere für einen Mann, dessen Familiengeschichten die Öffentlichkeit bewegten und die jeweiligen Lebenspartnerinnen beschäftigten. Denn ob Marie d’Agoult, mit der er drei Kinder hatte, oder die Fürstin zu Sayn-Wittgenstein: Dass diese Frauen sein Leben bestimmten, hieß noch lange nicht, dass er ihnen treu war.

Wer heute eine Umfrage starten würde, was einem zu Liszt einfällt, der würde jenseits der Pianisten (und der Organisten) wahrscheinlich hören: Die „Ungarischen Rhapsodien“, der „Liebestraum“ und „Les Préludes“ – und die Älteren dürften sich erinnern, dass mit einem Fanfarenthema dieser sinfonischen Dichtung einst die Wehrmachtsmeldungen im Zweiten Weltkrieg eingeleitet wurden. Wofür Liszt nichts kann.

Dass Liszt mit seinen späten Klavierwerken das Tor zur Moderne aufstieß, dass er im Meinungsstreit der Zeitgenossen Partei ergriff und die „Neudeutsche Schule“ förderte, dass er im Alter einlöste, was er schon als 17-Jähriger in seinem Essay „Über zukünftige Kirchenmusik“ forderte, das ist eher etwas für Insider.

Der Name Liszt steht eben vor allem für Virtuosenshow, für pianistische Herausforderungen und für Starkult. Dabei war trotz aller „Lisztomania“ Sigismund Thalberg der viel erfolgreichere Pianist, der zu Liszts Leidwesen auch noch viel mehr verdiente. Obendrein hatte der junge Liszt mit Mendelssohn (Jahrgang 1809) und Chopin (1810) Zeitgenossen, die wenig vom Kollegen hielten. Für den einen war er der dilettantischste der Dilettanten, für den anderen eine pianistische Null. Am Ende seiner Pianistenkarriere konnte Liszt verbuchen, dass er das moderne Klavierspiel neu erfunden hatte – und den Klavierabend heutiger Prägung. Liszt hatte da das Reich des Virtuosenhandwerks längst verlassen und schrieb sparsame, verrätselte, unaufgeregte Klavierstücke.

So wechselhaft seine Lebensstationen, so gegensätzlich waren seine musikalischen Positionen. Erste Wunderkindauftritte in Wien (der angebliche „Weihekuss“ Beethovens ist eine Legende), Unterricht beim Klavierdressurmeister Czerny und bei Salieri in Sachen Komposition. Erste Erfolge in Paris als „Petit Litz“ und eine erste Sinnkrise als Siebzehnjähriger. Dann die langjährige Beziehung zur Gräfin d’Agoult, Lehr- und Wanderjahre, denen wir später auch die „Années de Pèlerinage“ verdanken, diese pianistischen Reisetagebücher.

Als er 1842 in Weimar zum „Großherzoglichen Kapellmeister in außerordentlichen Diensten“ ernannt wurde, ahnte er kaum, welche Rolle diese kulturträchtige Kleinstadt im Leben des Kosmopoliten noch spielen sollte. Denn Fürstin zu Sayn-Wittgenstein (auch sie noch mit einem anderen verheiratet) zog nach Weimar und bot ihrem „klavierspielenden Lebemann“ den Ruhepunkt, an dem er die wichtigsten Kompositionen schreiben konnte: die Klaviersonate h-Moll, die „Ungarischen Rhapsodien“, die „Faust-Sinfonie“ und die „Dante-Sinfonie“. Als Operndirektor brachte er die Uraufführung von Wagners „Lohengrin“ heraus, er setzte sich für Berlioz, Mendelssohn und Schumann ein und war ein wichtiger Wortführer im Streit um die „Zukunftsmusik“ (hier Wagner, dort Brahms).

Die Beziehung zu Richard Wagner kühlte sich dann ab, als Wagner Liszts Tochter Cosima dem (Liszt-Freund) Hans von Bülow ausspannte, aber später fand der Utopist Liszt zurück zum Weltenträumer Wagner. Er war bei der Richtfestfeier in Bayreuth dabei, bei den ersten Festspielen 1876 und bei der „Parsifal“-Uraufführung 1882. 1886 reiste Liszt, bereits schwer erkrankt, nach Bayreuth, wo nun seine Tochter Cosima Herrin des Hügels war. Am 31. Juli starb Liszt – wohl an einer Lungenentzündung, aber sein Tod wurde in den Hintergrund gedrängt, um den Festspielbetrieb nicht zu stören. Angeblich hat Cosima sogar ihrem Vater die Sterbesakramente verweigert. Bei der Totenmesse erklang nichts von Liszts reichhaltigem Kirchenmusikschaffen. Stattdessen improvisierte Anton Bruckner an der Orgel über Motive aus „Par­sifal“. Ob das Liszt gefreut hätte, der seinen eigenen, kommerziell erfolgreichen Opernparaphrasen immer skeptisch gegenüberstand?

Ein anderer Richard-Wagner-Freund äußerte den Wunsch „Ein Rätsel will ich bleiben mir und anderen“. Was Ludwig II. anstrebte, hat Franz Liszt erreicht.

21.10.2011
Kultur Neue Coldplay-Album „Mylo Xyloto“ - Die Drei-Minuten-Glücklichmacher
20.10.2011