Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Vor 30 Jahren starb Rainer Werner Fassbinder
Nachrichten Kultur Vor 30 Jahren starb Rainer Werner Fassbinder
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:09 07.06.2012
Von Stefan Stosch
Foto: Rainer Werner Fassbinder (l.) gibt Hanna Schygulla (r.) Regieanweisungen für den Film „Die Ehe der Maria Braun“. Quelle: Archiv
Anzeige
Hannover

Alle, die dabei waren, melden sich jetzt noch mal zu Wort, so wie Kriegsveteranen am Gedenktag - oder wie Überlebende einer Naturkatastrophe. Oder sagen wir lieber: Zeugen eines Naturereignisses. Und das war Rainer Werner Fassbinder ja auch, ein Phänomen, wie es kein zweites in der deutschen Kinolandschaft nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat.

Es war nicht ungefährlich, ihm zu nahezukommen. Er kannte keine Grenzen. Er beutete die anderen aus, genauso wie sich selbst. Er manipulierte. Er wollte die volle Aufmerksamkeit seiner Filmfamilie, mit der er in diversen Wohngemeinschaften zusammenlebte, dabei gerne nackt durch die Zimmer lief und seinen Kokainkonsum kontinuierlich in die Höhe schraubte.

Anzeige

„Ich will doch nur, dass ihr mich liebt“, heißt sein Fernsehfilm von 1975 über einen Mann, der verzweifelt um Zuneigung kämpft. In gewisser Weise traf das auch auf ihn selbst zu. Immer wieder beschrieb er in seinen Werken die Ausbeutbarkeit von Gefühlen und das, was die Gesellschaft mit dem Menschen anstellt.

Die meisten aus dem Team versuchten, irgendwann auf Distanz zu diesem Berserker zu gehen. Kameramann Michael Ballhaus drehte 17 Filme mit ihm, vom Western „Whity“ (1970) bis zum Wirtschaftswunder-Drama „Die Ehe der Maria Braun“ (1979), bevor er nach Hollywood aufbrach – und wurde für seine Unabhängigkeit mit Liebesentzug bestraft. Hanna Schygulla suchte nach „Effi Briest“ das Weite, weil sie sich wie ein „dressiertes Wesen“ unter Fassbinders Regie vorkam, kehrte jedoch ein paar Jahre später zurück und wurde international als Star gefeiert. Der kürzlich gestorbene Schauspieler Günther Kaufmann musste fürchterliche Tiraden über sich ergehen lassen, als er von den Dreharbeiten zu „Whity“ aus dem spanischen Almería nach Hause zu seiner hochschwangeren Frau flog. „Besorgt mir einen anderen Neger“, rief der wutentbrannte Fassbinder ihm hinterher.

Und doch sind sie alle im Rückblick fasziniert von Fassbinders Arbeit, von seiner Präzision, auch von seiner inneren Unabhängigkeit. Fassbinder nahm das Geld von Filmindustrie und Förderern dankend an, aber im Zweifelsfall pfiff er auch darauf – oder kaufte sich ein schönes Auto davon. Dass man den Staat nicht braucht, um einen Film zu drehen, hatte er schon 1969 in seinem Kinodebüt „Liebe ist kälter als der Tod“ bewiesen.

Sehnsucht nach einem wie ihm

Wenn heute wieder so viel über den angeblich so mittelmäßigen deutschen Film geklagt wird, dann schwingt darin auch die Sehnsucht nach einem wie Fassbinder mit. Er stieß damals in eine Lücke. Das Kino siechte dahin, der Neue Deutsche Film hatte nur bedingt Schubkraft entwickelt. Fassbinder öffneten sich viele Türen. So viel Freiheit ist heute im streng genormten Kino- und Fernsehgeschäft, im Marketing- und Quotenwahn kaum denkbar – da muss man nur mal den letzten Kinorocker Klaus Lemke in München fragen. Und ist das Publikum noch neugierig genug auf so viel Experiment?

Instinktsicher war Fassbinder von Beginn an: Schon bei den Dreharbeiten zu „Liebe ist kälter als der Tod“ erschien er mit dem fertigen Film im Kopf am Drehort – Hauptdarsteller Ulli Lommel bekam nie ein Skript zu Gesicht, von einem Vertrag ganz zu schweigen. Schon damals wählte Fassbinder die geliebten Gangsterfilme Hollywoods als Inspirationsquelle, wie sie sein Idol Raoul Walsh gedreht hatte.

Ein Teil seiner späteren Stammbesetzung – Hanna Schygulla, Irm Hermann, Ingrid Caven, Kurt Raab, der Komponist Peer Raben – war bereits dabei. Viele kannte er aus seiner Zeit vom Münchener „Antitheater“, zu dessen Chef er sich aufgeschwungen hatte. Gerade einmal 24 Tage dauerten die Dreharbeiten. Sechs davon muss man abziehen, der erste Kameramann war stark kurzsichtig, das Material wertlos. Die Szenen spielten in kalkweißen Räumen, die Kamera stand bewegungslos herum, die Dialoge waren spärlich und wurden nachsynchronisiert (es gab keinen Tontechniker).

All diese Arbeitsumstände waren eher fehlendem Geld und fehlender Erfahrung geschuldet, doch Fassbinder schuf einen eigenen Stil. Zu seiner eigenen Überraschung schaffte es „Liebe ist kälter als der Tod“ zur Berlinale. Es hagelte Verrisse. Als ein Journalist ihn scheinheilig fragte, ob er bei der nächsten Berlinale wieder dabei sein wolle, antwortete er: „Ja, natürlich – und all die anderen Jahre auch.“

So ungefähr geschah es ja auch. Eine Zeit lang schien der arbeitswütige Fassbinder im Alleingang das deutsche Kino zu verkörpern. Erklärten manche Autorenfilmer ihre Erfolglosigkeit zum Qualitätsmerkmal, so wollte er, dass seine Filme vom Publikum gesehen werden - und setzte sich im Zweifelsfall auch in die „Dalli Dalli“-Rateshow, um seinen Bekanntheitsgrad zu steigern. Heute würde er sich wohl fürs „Dschungelcamp“ melden.

Fassbinder verknüpfte in seinen Werken künstlerisches Genie mit der Popularität des US-Kinos. Er wollte von Hollywood lernen. Sein wohl größter Lehrmeister war Douglas Sirk, der Meister des Melodrams („Was der Himmel erlaubt“).

Nach Amerika schaffte er es nur indirekt. Bereits 1977 lief in New York eine Retrospektive. Die „New York Times“ empfing ihn als „Messias des Neuen Deutschen Films“. Er liebäugelte mit dem großen Abgang nach Hollywood, seine Freundschaft mit Richard Gere bestärkte ihn in dieser Idee. Doch dann blieb er in Deutschland und drehte für den WDR den 14-Teiler „Berlin Alexanderplatz“ nach Alfred Döblins Roman.

Filmbiografie geplant

Bis heute wird Fassbinder im Ausland, zumal in Frankreich, gerühmt – und in Deutschland nun 30 Jahre nach seinem Tod wieder neu besichtigt. Der deutsche Regisseur Marco Kreuzpaintner („Krabat“) will eine Filmbiografie über Fassbinder drehen. Auch das Theater würdigt ihn: In der aktuellen Spielzeit stehen bundesweit gleich 13 seiner Werke im Programm.

Das erscheint naheliegend. Fassbinder sprang immer wieder zwischen Theater und Film hin und her. 1974/75 gab er eine missglückte Vorstellung als Intendant am Theater am Turm (TAT) in Frankfurt, wo sein unter Antisemitismusverdacht stehendes Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ dann doch nicht aufgeführt wurde – die deutsche Premiere folgte erst 2009 in Mülheim an der Ruhr und löste noch einmal heftige Debatten aus.

Das hätte dem Regisseur gefallen, dem es stets auf Wirkung ankam. Auch deshalb wollte er mehr Filme drehen als jeder andere. Am Ende brachte er es auf knapp über 40 in nur 13 Jahren. Am 10. Juni 1982 fand man Rainer Werner Fassbinder tot in seiner Wohnung in München-Schwabing, den Kopf gestützt auf ein Drehbuch.

Ideen hatte er noch jede Menge. Was ihm fehlte, war Lebenszeit.

Kultur Größte Kunstschau der Welt - So klingt die documenta
Uwe Janssen 07.06.2012
Kultur Kunstfestspiele Herrenhausen - Unsicherheit ist gar nicht so übel
07.06.2012
Kultur documenta öffnet in Kassel - Schnapp dir die Kunst!
Johanna Di Blasi 09.06.2012