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Kultur Macht ohne Moral – und ohne Heuchelei
Nachrichten Kultur Macht ohne Moral – und ohne Heuchelei
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10:39 26.07.2013
Von Karl-Ludwig Baader
Schrieb vor 500 Jahren „Il Principe“: Niccolò Machiavelli (1469-1527). Quelle: Archiv
Hannover

Wer solche Bewunderer hat, braucht keine Verächter mehr: Napoleon, Mussolini, ja, Hitler glaubten sich inspiriert von dem Florentiner Niccolò Machiavelli (1469-1527). Dessen 1513 entstandenes Werk „Il Principe“ („Der Fürst“) ist eines der umstrittensten und am meisten missverstandenen Werke der politischen Traktatliteratur.

Als einer seiner schärfsten Kritiker sah sich der preußische Kronprinz Friedrich (1712-1786), der seine Schrift „Anti Machiavel“ von Voltaire gleichsam halbanonym (jeder wusste, wer der nichtgenannte Autor war) veröffentlichen ließ. Nur wenig später bereute er das, nach seiner Thronbesteigung 1740. Denn Friedrich II., eben noch vehementer Kritiker des Eroberungskriegs, hatte als neuer König nichts Eiligeres zu tun als einen Angriffskrieg gegen Österreich zu führen, um Schlesien seinem Herrschaftsgebiet einzuverleiben – und damit seine Macht zu erweitern.

Seither hat es sich eingebürgert, unter Machiavellismus Techniken des Erwerbs, Erhalts und der Mehrung von Macht zu verstehen. Es spricht viel dafür, dass Machiavelli Friedrichs taktischen Umgang mit Überzeugungen als für diesen nützlich und damit als Beweis von Herrschertalent durchaus geachtet hätte. Der „Antimachiavel“ Friedrich II. könnte mithin glatt als Machiavellist durchgehen. Denn auch Heuchelei gehört zu den Machttechniken, die geschickten Machthabern seiner Ansicht nach zu Gebote stehen müssen. Was „Il Principe“ über Generationen hinweg suspekt gemacht hat, ist, dass er auf Heuchelei verzichtet – eigentlich typisch für eine Denkschrift, die sich allein an einen Herrscher richtet.

Auch heute dürften solch ungeschminkte, noch im rhetorischen Rohzustand befindliche Überlegungen in den inneren Zirkeln der Macht kursieren – was dann von diesen Überlegungen nach außen gelangt, ist zuvor von PR-Spezialisten geschmeidig den Propagandabedürfnissen angepasst worden. Machiavellis Schrift hält auch für diesen Teil der Herrschaftstechnik unverblümte Vorschläge bereit. Auch da versteckt der Autor den amoralischen Charakter seiner Thesen nicht. Er legt damit die wenig schmeichelhaften Regeln des politischen Geschäfts offen – was in einer modernen Demokratie, deren Legitimität auf Zustimmung und Bindung an Verfassungsnormen, also Werte beruht, der Macht abträglich und mithin nicht opportun wäre.

Machiavelli präsentiert sich als Realist. Er orientiert sich an der politischen Praxis, wie er sie als Politiker beobachtet hat. Von 1498 bis 1512 war er für die Republik Florenz in außenpolitischen und militärischen Angelegenheiten tätig. Nach seiner Absetzung durch die Medici, die die Macht übernahmen, blieb ihm, der 1513 auf sein ärmliches Landgut in Sant‘ Andrea verbannt worden war, zu seinem Missvergnügen nur das Schreiben – nach dem „Fürsten“ verfasste er auch andere politische Schriften wie die „Discorsi“, eine Geschichte von Florenz, aber auch eine Komödie.

Mit dem „Principe“ wollte er der praktischen Politik dienen - und sich den herrschenden Medici andienen. Machiavelli bezog sich auf die damalige politische Situation. Er beschreibt, angereichert mit vielen Beispielen aus der Geschichte der Antike, die Herrschaftsmittel, mit denen sich ein konkretes politisches Ziel erreichen lässt: Italien zu einen. Dazu müssen die „Barbaren“ vertrieben werden, die vielen ausländischen Mächte, die sich damals auf italienischem Boden kriegerisch austobten - der französische und spanische König, der deutsche Kaiser.

Die von ihm beschriebenen Machtmittel sind ihm keineswegs sympathisch, er weiß sehr wohl zwischen gut und böse zu unterscheiden. Notwendig sind sie in seiner Sicht, weil sie von allen anderen Machthabern, diverse skrupellose Renaissance-Päpsten eingeschlossen, auch eingesetzt werden. Ganz ähnlich argumentieren heute all jene, die sich im Namen der Terrorbekämpfung von den eigenen moralischen Grundsätzen lösen – da werden dann im Namen einer abstrakten Freiheit konkrete Freiheiten eingeschränkt. Machiavellis Argumentation klingt immer dann aktuell, wenn der Ausnahmezustand festgestellt wird.

Angesichts der damaligen historischen Lage verwundert es nicht, dass bei Machiavelli der militärische Aspekt eine zentrale Rolle spielt und er dem Fürsten rät, sich vor allem in der Kriegskunst zu üben. Bedenkt man den Einsatz von Sicherheitsfirmen in heutigen Kriegen, etwa von Blackwater im Irak, sind Machiavellis Überlegungen über den (schlechten) Charakter von Söldnerarmeen interessant: Er bescheinigt ihnen gefährliche Eigeninteressen, schwachen Kampfeswillen, zweifelhafte Loyalität und warnt vor zu hohen Kosten. Er plädiert für ein Volksheer.

Man kann von Machiavelli aber auch lernen, dass es mit der Eroberung der Macht nicht getan ist. Er warnt beispielsweise davor, die Ordnung eroberter Länder umzukrempeln - was angesichts der Lage im Irak oder Afghanistan auch heute plausibel klingt. Besser sei es, dort eine „Regierung von wenigen“ einzusetzen, die „uns dieselben befreundet erhalte“. Wer sich die Neuordnung des Mittleren Ostens nach dem Ersten Weltkrieg anschaut, wo in vielen Ländern Minderheiten mit Macht und Waffen ausgestattet wurden, um im Dienste der britischen Mandatsmacht die Mehrheit in Schach zu halten, weiß: Winston Churchill (1874-1965), der als Kolonialminister wesentlichen Einfluss auf diesen Zuschnitt hatte, ist bei Machiavelli in die Schule gegangen. „Grausamkeiten“ könnte der Herrscher so durch andere begehen lassen. Auf jeden Fall sollten sie auf einmal vorgenommen werden, Wohltaten hingegen seien dosiert zu verteilen. So betont er, dass ein Herrscher besser gefürchtet (für unsere Verhältnisse: respektiert) als beliebt sein soll, auf Dauer aber müsse beides zusammenkommen. Und, im Medienzeitalter besonders wichtig: Es komme nicht auf tugendhaftes Handeln, sondern den tugendhaften Ruf an. Wir sprechen heute von Image und „Glaubwürdigkeit“.

Eingefasst sind die praktischen Ratschläge in geschichtsphilosophische Überlegungen rund um Tugend und Glück, Gelegenheit und Notwendigkeit. Der Fürst müsse über das Ensemble jener Fähigkeiten verfügen, die politischen Erfolg ermöglichen, wie Entschlossenheit, Klugheit, militärische Kompetenz, vor allem Gespür für die Lage. Die Bürger müssten zum Geist der Verfassung erzogen werden, zudem warnt Machiavelli vor zu großen Unterschieden bei den Besitzverhältnissen. Er setzt also keineswegs nur auf (militärische) Gewalt als Machtmittel. Eine Gestalt wie Napoleon (1769-1821) kann daher keineswegs nur wegen seiner militärischen Erfolge als Machiavellist verstanden werden, sondern ebenso sehr, weil er stets auch nach Mitteln trachtete, sich Menschen mit „sanften“ Mitteln gefügig und dienstbar zu machen. „Männer“, wusste der Mann, der 1807 Europa beherrschte, „sind leichter durch ihre Laster als durch ihre Tugenden zu regieren.“

Auch Machiavelli pflegte ein pessimistisches Menschenbild, das vor allem das Streben nach Eigennutz herausstellte - zwei Einschätzungen, die später der britische Philosoph Thomas Hobbes (1588-1679) teilt. Er warnt vor diesem Eigennutz, bezieht ihn aber immer in sein Kalkül mit ein. Zur Machterhaltung bedürfe es neben dem geschickten Einsatz von Gewalt auch „guter Gesetze“, die die Zustimmung der Beherrschten sichern und ihr Wohl fördern. Voraussetzung dafür ist nach seiner Auffassung allerdings das Wohl des Staates, ohne den Ordnung und Stabilität nicht möglich ist.

Damit zielt er auf das, was wir heute als „Staatsräson“ bezeichnen. Sie ist bis in unsere Tage, besonders in der Außenpolitik, eine Kategorie, die nicht zuletzt dann ins Spiel kommt, wenn der flexible Umgang mit Werten und Normen gerechtfertigt werden muss. So betonen die USA in der Debatte um Drohnenangriffe, die Tötung Osama bin Ladens oder ein alles erfassendes Spähprogramm ihre elementaren Sicherheitsinteressen, also die Staatsräson, wenn sie sich nicht an völkerrechtliche Regeln binden lassen wollen. Und wie ist es um die Staatsräson von Kanzlerin Angela Merkel bestellt? Der Publizist Alan Posener hält ihr vor, dass sie inzwischen „weniger Politik macht als Poker spielt“. Seit sie im Wahlkampf 2005 mit einem klar marktwirtschaftlichen Kurs fast gescheitert ist, werde ihr unterstellt, dass „ihr Machiavellismus keiner Agenda diene außer ihrem Machterhalt“. Als Machiavellismus gilt eben auch, wenn die Macht zum Selbstzweck wird.

Doch anders als heutige Politiker verschleiert Machiavelli nichts. Seine offen amoralische Sicht auf die Politik bleibt deshalb eine produktive Provokation: Fast alle politischen Akteure berufen sich heute auf die Menschenrechte. Aber ihre praktische Politik widerspricht immer wieder der von ihnen behaupteten Wertebindung. Da ist Machiavelli ehrlicher – und insofern moralischer.

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