Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur König ohne Reich
Nachrichten Kultur König ohne Reich
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 27.07.2013
Von Stefan Arndt
Foto: Seliges Lächeln: Der weltbekannte Wagner-Dirigent Christian Thielemann eröffnet am Donnerstag die Bayreuther Festspiele.
Seliges Lächeln: Der weltbekannte Wagner-Dirigent Christian Thielemann eröffnet am Donnerstag die Bayreuther Festspiele. Quelle: dpa
Anzeige
Bayreuth

„Er schlägt runter“, sagen Orchestermusiker flapsig, wenn ein Dirigent den Einsatz gibt. Das beschreibt schlicht, aber treffend die Bewegung des Taktstockes, die seit Jahrhunderten das Zeichen zum gemeinsamen Beginn ist. Alle Dirigenten der Welt beherrschen diese Geste aus dem Effeff und beginnen jede Aufführung damit. Nur Christian Thielemann macht es anders. Wenn der Mann mit dem überlangen Taktstock einen Einsatz gibt, dreht er das Handgelenk nach oben, während sein Ellenbogen von außen zum Körper hin gleitet. Es ist eine entschiedene Bewegung, die aber auch etwas vom Ententanz hat. Mag sein, dass die etwas unvorteilhafte, mindestens aber exzentrische Bewegung eine Art programmatische Ankündigung ist: Wer mit mir musiziert, hebt ab. Zumindest hat Thielemann sich damit an die Spitze katapultiert. Er gehört zu der Handvoll wirklicher Superstars in der Branche.

Wenn es um die Musik von Richard Wagner geht, ist Thielemann sogar unangefochten die Nummer eins. „Mein Leben mit Wagner“ heißt dann auch die Autobiografie des 1959 geborenen Berliners. Und natürlich steht Thielemann, der zu Beginn seiner Karriere Anfang der achtziger Jahre Kapellmeister an der hannoverschen Staatsoper war, am Donnerstagabend am Pult im Bayreuther Festspielhaus, wenn dort die Richard-Wagner-Festspiele eröffnet werden.

Passend dazu hat die Deutsche Grammophon gerade einen neuen „Ring“ mit Thielemann auf 14 CDs veröffentlicht. So stellt sich der Dirigent erstmals auch der historischen Konkurrenz. Neben den berühmten Aufnahmen von Solti, Karajan, Böhm, Levine und Barenboim gibt es nun also auch einen „Thielemann-Ring“. Was verrät diese Aufnahme – ein Livemitschnitt von der Wiener Staatsoper aus dem Jahr 2011 – über den derzeit höchstgehandelten Wagner-Experten?

Die Bayreuther Festspiele

Im Jahr 1876 konnte Richard Wagner (1813-1883) seine ersten Bayreuther Festspiele organisieren: Komplett wurde dabei die Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ („Das Rheingold“, „Die Walküre“, „Siegfried“, „Götterdämmerung“) aufgeführt. Das Festspielhaus wurde eigens nach den Plänen des Komponisten errichtet.

Nach Wagners Tod setzte sich seine Witwe Cosima erfolgreich für den Festspielbetrieb ein. In der Zeit des Nationalsozialismus erlebten die Richard-Wagner-Festspiele ihr dunkelstes Kapitel. Adolf Hitler war regelmäßig Gast in Bayreuth. Nach dem Krieg gelang Anfang der 1950er Jahre ein Neustart unter Richard Wagners Enkeln Wieland und Wolfgang Wagner. Nach Wielands Tod 1966 führte Wolfgang Wagner die Festspiele allein bis 2008. Seitdem stehen seine beiden Töchter Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner an der Spitze.

Das Festival ist eines der wichtigsten kulturellen und gesellschaftlichen Ereignisse Deutschlands. Aufgeführt werden im Festspielhaus nur Wagners zehn Hauptwerke, seine Frühwerke wie „Rienzi“ oder „Das Liebesverbot“ sind hier nicht zu hören.

dpa

Zunächst nichts Gutes. Die Einspielung ist im Ganzen gesehen kaum wettbewerbsfähig. Das beginnt mit der katastrophalen Aufnahmetechnik, die das Orchester flüsternd und flach erscheinen lässt, dafür aber jeden Huster betont. Außerdem sind Sänger zu hören, die ihren Rollen nicht gewachsen sind. Stephen Gould, der viele gute Siegfried-Partien gesungen hat, muss hohe Töne inzwischen eher schreien als singen, und Albert Domen geht jene sonore Souveränität ab, die jeder Wotan ausstrahlen sollte. Zu allem Unglück erweisen sich auch die Wiener Philharmoniker nicht auf der (sonst ja beträchtlichen) Höhe ihres Könnens.

Das alles ist umso erstaunlicher, als dieser „Ring“ kein eilig herbeigeschafftes Marketingprodukt ist. Die Produktion ist vielmehr mindestens der zweite Versuch, Thielemanns Version von Wagners monumentalem Schlüsselwerk auf Tonträgern zu dokumentieren. Eine Aufnahme des letzten Bayreuther „Rings“ hatte zuletzt keine Plattenfirma gefunden – auch, weil man mit der Qualität der Sänger nicht zufrieden war. Eine Tochterfirma der Festspiele brachte den Mitschnitt schließlich in Eigenregie (und Miniauflage) heraus.

Ist Thielemann also vielleicht doch nicht der begnadete Wagner-Deuter, als der er gehandelt wird? Fest steht, dass dieser Dirigent selbst in einer schlechten Aufnahme hören lässt, was in ihm steckt. Da ist zunächst der unverwechselbare Klang, den jedes Orchester anschlägt, wenn es von Thielemann geleitet wird. Auch die Wiener Philharmoniker entwickeln jenen schweren, dunklen Sound, der aus einem anderen Jahrhundert herüberzutönen scheint. Thielemann betont tiefe Stimmen. Bässe, Tuba und Pauken spielen bei ihm immer eine Spur lauter, als man es gewohnt ist. Außerdem hat jeder noch so kurze Akkord einen sanft dröhnenden Nachhall. Das alles verleiht der Musik eine gewisse Weihe, die perfekt zu Wagner passt. Zumal Thielemann akribisch darauf achtet, dass die Musik durchhörbar bleibt. Kaum ein Dirigent setzt Wagners Lautstärkeangaben so präzise um. Das bedeutet vor allem: Es wird nur sehr selten laut. Umso wirkungsvoller sind dann die eruptiven Höhepunkte.

Das Auffälligste an Thielemanns Wagner-Sicht ist aber die wunderbar freie Tempogestaltung. Fast der ganze erste Akt der „Walküre“ fließt bei ihm so schnell und frei, dass man die Handlung schon beim Hören plastisch vor sich sehen kann. Umgekehrt gönnt er sich hin und wieder ein schwelgerisch-langsames Zeitmaß, wenn er Pathos und Schönheit der Musik betonen will.

So führt Thielemann ein scheinbar längst überholtes „romantisches“ Klangideal in der Gegenwart fort. Während seine Kollegen vor allem die Errungenschaften der historischen Aufführungspraxis auf ihr Repertoire übertragen, bezieht er sich bei Tempowahl und Klangvorstellung auf ein vermeintliches Auslaufmodell: auf ein Musikverständnis, wie ein Wilhelm Furtwängler es propagiert hat. Dieses Schwimmen gegen den Strom macht Thielemann nicht selten interessanter als die Konkurrenz.

Dass es für die überragende, die perfekte Wagner-Aufführung noch nicht gereicht hat, spielt keine Rolle: Dafür braucht man mehr als einen guten Dirigenten. Bei Thielemann hat man Lust, weiter drauf zu warten.

Fernseh-, Platten- und Konzerttipp

Christian Thielemann dirigiert an diesem Donnerstag die Eröffnungsvorstellung der Bayreuther Festspiele. Das Erste sendet einen zeitversetzten Mitschnitt der Produktion von „Der fliegende Holländer“ in der Inszenierung von Jan Phillip Gloger ab 22.45 Uhr.

Bei der Deutschen Grammophon ist eine Neueinspielung von Wagners „Ring des Nibelungen“ mit Thielemann und den Wiener Philharmonikern erschienen (DG 4791560).

Am 3. September dirigiert Thielemann eine Wagner-Gala mit den Staatskapelle Dresden in der Braunschweiger Stadthalle.  Karten gibt es unter (05 31) 1 66 06.

24.07.2013
24.07.2013
Kultur Dietrich zu Klampen im Interview - „Verlegen ist wie Roulette spielen“
Martina Sulner 23.07.2013