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Kultur Walburg: "Freiheit ist so groß, wie man sie sich nimmt"
Nachrichten Kultur Walburg: "Freiheit ist so groß, wie man sie sich nimmt"
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13:47 23.09.2011
Intendant Lars-Ole Walburg.
Intendant Lars-Ole Walburg. Quelle: Schauspiel Hannover
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Hannover

Ihr Theater wurde als erstes „Grünes Theater“ in Deutschland bezeichnet. Was ist für Sie der Auftrag eines Staatstheaters?

Walburg: „Wenn Theater nicht der letzte Utopieort in dieser Gesellschaft ist, dann wüsste ich nicht, warum man soviel Geld da reinstecken soll. Theater ist eine Entbindung von bestimmten privatwirtschaftlichen, kapitalistischen Zwängen, denen wir ansonsten überall in der Gesellschaft unterliegen. Das sogenannte grüne Publikum ist im übrigen beileibe nicht mehr jung. Da kommen durchaus Leute mittleren Alters, die gut verdienend in der bürgerlichen Mitte angekommen sind. Da gibt es ein Publikum, das kommt und sagt, wenn ihr mit Organisationen wie Greenpeace oder Amnesty International zusammenarbeitet, das interessiert uns. Und vielleicht sind genau das die Abonnenten der Zukunft.“

Wie unabhängig ist man wirklich als Intendant eines Staatstheaters, angesichts des Drucks der Auslastungszahlen und der Erwartung von überregionalen, künstlerischen Erfolgen?

Walburg: „Die Freiheit ist immer so groß, wie man sie sich selber nimmt. Sobald man auf die Denkweise von Menschen eingeht, die man eigentlich nicht versteht, und die vielleicht auch auf bestimmte Dinge pochen, verliert man die Freiheit. Und die Freiheit hat man so lange, bis man aus der Stadt gejagt wird - oder geliebt. Ich habe zu Beginn meiner Intendanz gesagt, ich gucke weniger auf die Zahlen als auf eine künstlerische Ausrichtung und ein bestimmtes Image. Gleichzeitig ist all mein Wollen natürlich erstmal darauf ausgerichtet, dass dieses Haus voll ist. Ich hoffe das natürlich mit unserem Programm zu schaffen. Trotzdem gehört es zur eigenen Ehrlichkeit, dass man sich einen Fehler eingestehen muss, wenn man das über drei oder fünf Jahre nicht schafft. Und die Fehler muss man korrigieren."

Sie beginnen die neue Spielzeit mit Ihrer Inszenierung von „Staatsfeind Kohlhaas“, einer Dramatisierung der Kleist-Novelle, die der ungarische Autor István Tasnádi geschrieben hat. Hat der Kohlhaas-Stoff konkrete Bezüge zu unserer Gegenwart?
Walburg: „Mich interessiert, wie in den letzten Jahren immer mehr Leute den Mund aufmachen und sagen, wir geben jetzt nicht die Verantwortung für fünf Jahre in Eure Hände, sondern wir wollen jetzt mal selber kundtun, was wir wollen. Wenn man in Kleists Kohlhaas-Novelle von diesem Umschwung vom Kampf gegen staatliche Gewalt in Mordbrennerei und Brandschatzen liest, dann steckt da viel von dem sogenannten Wutbürger drin. Ich habe allerdings schon einige Kohlhaas-Adaptionen gesehen und bin fast immer unter dieser Bleischwere erstickt. Und deshalb fiel die Wahl auf die Kleist-Bearbeitung von István Tasnádi. Er hat die Geschichte aus der Sicht der beiden geschundenen Pferde erzählt und damit automatisch eine Ebene von Humor und Reflexion aufgemacht. Und er hat Songs eingeschrieben, die zusätzlich das Ganze noch mal brechen. So kann man diesen wirklich schweren Stoff hoffentlich unterhaltsam über die Bühne bringen“.

dpa

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