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Kultur Walburg setzt auf Unbeachtetes
Nachrichten Kultur Walburg setzt auf Unbeachtetes
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19:21 13.04.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Schöne Konstruktion: Im Cumberlandschen Treppenhaus stellt Intendant Lars-Ole Walburg mit seinen Dramaturgen den Spielplan vor. Quelle: Steiner
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Hannover

Stücke mit langer Spieldauer, sagt Hannovers Schauspielintendant Lars-Ole Walburg, seien immer ein Risiko. Oft würden die Zuschauer mit den Füßen abstimmen und Stücke mit Überlänge eher meiden oder früher verlassen. Insofern geht er mit seiner ersten Premiere der neuen Spielzeit ein ganz besonders Risiko ein.

Am 15. September hat im Schauspielhaus ein Stück von Nis-Momme Stockmann Premiere. Es trägt den schönen Titel „Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir“ und wird von Walburg selbst inszeniert. Eigentlich sollte das Stück, das 2009 beim Heidelberger Stückemarkt ausgezeichnet wurde (ein Jahr später wurde der Autor von der Zeitschrift Theater heute zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gekürt) schon in dieser Saison Premiere haben. Aber dafür hatte die Zeit nicht gereicht, die Aufgabe erwies sich als zu groß. Das Stück, ein 360 Seiten starker Weltentwurf, würde ungekürzt etwa elf Stunden dauern. Radikale Kürzungen will das Dramaturgenteam des Schauspiels an dem Stück, das gleichzeitig große Oper und Kammerspiel ist, wohl eher nicht vornehmen.

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Man leistet sich den Mut zur Fülle. „Das Stück sprengt die Dimensionen eines Theaterabends“, sagte Chefdramaturgin Judith Gerstenberg gestern bei der Vorstellung des neuen Spielplans, „vielleicht wird man sich auf ein ganzes Wochenende einstellen müssen“. Intendant Walburg denkt derweil über spezielle Spielformen nach: „Vielleicht werden wir die Türen offen lassen, damit die Zuschauer während des Spiels ein bisschen umhergehen können.“

Ein bisschen umhergehen müssen die Zuschauer auch bei einer weiteren Premiere in der neuen Spielzeit, die insgesamt 25 Neuproduktionen bietet, darunter wieder mehrere Ur- und Erstaufführungen. Während auf der großen Bühne des Schauspielhauses Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“ (Premiere: 29. September, Regie: Felicitas Brucker) gespielt wird, kann eine kleinere Zuschauergruppe bei der Produktion „Fabrik: Theater“ das Theater von der Hinterbühne und verschiedenen anderen Produktionsräumen aus betrachten. Regisseur dieses Huckepacktheaters ist der argentinische Künstler Gerardo Naumann, der gern besondere Räume als Spielmaterial nimmt. Er hat auch schon in einem Stahlwerk (in Warschau), einer Druckerei (in Singapur) und einer Chipsfabrik (in Zürich) inszeniert. Premiere dieses Theaters hinter dem Theater ist am 5. Oktober. Als Spielort ist „Backstage“ angegeben.

Andere Spielorte will das Theater in der kommenden Saison auch außerhalb des Theaters erobern. So soll die Zusammenarbeit mit der ziemlich verrückten Berliner Figurentheatergruppe „Das Helmi“ weitergehen. Bereits am Sonntag, dem 22. April, gestaltet die Gruppe die nächste Folge des „Botanischen Langzeittheaters“ namens „Die Welt ohne uns“, das stets in einer alten Militärbrache stattfindet und mit dem Bus vom Schauspielhaus aus erreicht wird. In der kommenden Saison plant das Theater mit dem Helmi ein Projekt mit dem vorläufigen Titel „Klohaus, Platzhaus, Schauspielhaus - Auf der Suche nach der Weltformel“.

Das klingt verrückt und wird es wohl auch. Im Zentrum von Hannover soll für 100 Tage eine Theaterspielstätte aufgebaut werden. Das Helmi will Kartons und Schaumstoffreste aus den benachbarten Geschäften als Spielmaterial nutzen und mit den daraus konstruierten Figuren Geschichten aus dem Alltag der Stadt erzählen. Ganz im Sinne von Kurt Schwitters soll das Unbeachtete dabei im Zentrum stehen. Das 100-Tage-Projekt wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Die Mittel stammen aus dem Fonds „Doppelpass“, mit dem Projekte unterstützt werden, bei denen etablierte Schauspielhäuser mit freien Theatergruppen zusammenarbeiten.

Schwitters spielt auch bei einem großen Projekt des langjährigen Ensemblemitglieds Dieter Hufschmidt eine wichtige Rolle. In „Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest“ begibt sich der bekannte Schauspieler aus Hannover auf eine „bibliografische Erinnerungsreise“. Er spielt mit Nonsensversen, Parodien und Scherzgedichten, die er als Kind aufgeschnappt hat. Der Abend im Geist von Schwitters und Shakespeare ist eine Hommage an die Sprache und hat am 20. Oktober Premiere.

Für den Intendanten Walburg ist die kommende vierte Saison von besonderer Bedeutung, denn zu Beginn der Spielzeit im Herbst wird im Kulturministerium über eine Verlängerung seines Vertrages entschieden. Die Platzausnutzung, sagt er, liege zurzeit bei 70 Prozent, das entspricht etwa der Auslastung der vergangenen Spielzeit. Es wird also nicht weniger. Walburg klingt zufrieden: „Der Besucherrückgang ist gestoppt.“

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