Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Walburg spricht in Gorleben
Nachrichten Kultur Walburg spricht in Gorleben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:12 06.11.2010
Von Ronald Meyer-Arlt
Hannovers Schauspielintendant Lars-Ole Walburg wird in Gorleben sprechen.
Hannovers Schauspielintendant Lars-Ole Walburg wird in Gorleben sprechen. Quelle: Martin Steiner (Archiv)
Anzeige

Herr Walburg, warum spricht ein Theaterintendant auf einer Anti-Atom-Demonstration?

Warum denn nicht? Für mich ist es eine Ehre, dass ich auf der Kundgebung etwas sagen darf. Und es ist ja auch ein Zeichen dafür, dass unser Engagement in dieser Richtung von den Menschen in Gorleben wahrgenommen und honoriert wird.

Heißt das, dass Sie auch über das Hüttendorf auf dem Ballhofplatz sprechen werden, mit dem das Schauspiel die „Republik Freies Wendland“ reaktiviert hat?

Nein. Ich werde dort frei reden – mir geht es eher um Fragen von Demokratieverständnis in der heutigen Zeit. Ich trete da nicht als Theaterdirektor auf.

Können Sie den Demonstrationsteilnehmern überhaupt etwas sagen, was die noch nicht wissen? Bei Kundgebungen sind doch alle ohnehin einer Meinung.

Das ist ja ein grundsätzliches Problem. Aber die Rednerliste ist ja sehr bunt, da wird schon nicht jeder das Gleiche sagen.

Von der CDU gibt es jetzt eine parlamentarische Anfrage an die Landesregierung zum Hüttendorf. Darin wird unter anderem gefragt, ob für den Abtransport einer Hütte ins Wendland Ressourcen des Staatsschauspiels Hannover eingesetzt wurden. Vielleicht können Sie die Frage jetzt schon beantworten?

Ja. Wir wollten die Hütten am Ende des Projekts nicht einfach verschrotten, sondern sie einer vernünftigen Bestimmung übergeben. Also haben wir sie an gemeinnützige Vereine verschenkt. Eine dieser Hütten ist dann auch an die Bürgerinitiative Lüchow Dannenberg gegangen. Ressourcen des Staatstheater sind dafür nicht verwendet worden. Die Hütten wurden von den Beschenkten selbst abgeholt.

Jens Nacke, der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion, sagt, dass die Aktivitäten auf dem Ballhofplatz, bei denen es zu einer Tortenattacke auf den Grünen-Chef Jürgen Trittin gekommen ist, völlig aus dem Ruder gelaufen und von radikalen Gruppen missbraucht worden seien. Hat er recht?

Er hat natürlich absolut nicht recht. Die CDU-Landtagsfraktion versucht Fehlinformationen über das Projekt zu verbreiten, und will es in Misskredit bringen. Ich bin auch nicht mehr gewillt, diese Diffamierungen und Lügen weiter so hinzunehmen. Ich habe versucht, mit Herrn Nacke zu sprechen, aber unsere Ansichten liegen so weit auseinander, dass ein persönliches Gespräch kaum noch möglich ist. Ich bin aber bereit, das in der Öffentlichkeit zu führen. Wir werden zu einer Podiumsdiskussion über das Hüttendorf einladen. Was Herr Nacke über den Tortenwurf auf Jürgen Trittin schreibt, kommt mir wie geheuchelte Empörung vor. Hier wird ein Vorfall aufgebauscht, der so auch überall hätte passieren können.

Hätten Sie damit gerechnet, dass das Hüttendorf-Projekt Gegenstand einer parlamentarischen Anfrage werden könnte?

Nein. Es gibt ein gutes Verhältnis zwischen dem Kulturministerium und dem Staatstheater. Aber durch derartige Ausfälle droht es langsam zerrüttet zu werden. Was mich empört, ist das Politikverständnis von manchem Landtagsabgeordneten, das sich hier zeigt: Anscheinend wäre es ihnen am liebsten, wenn Menschen, die keine Berufspolitiker sind, sich aus der Politik heraushalten. Anders kann ich die Angriffe auf ein Theater, das Jugendliche anregt, sich mit politischen Themen zu beschäftigen, gar nicht deuten.

Durch das Hüttendorf hat das Schauspiel Hannover sehr viel Aufmerksamkeit bekommen. Aber es wird jetzt auch als eine Art Agitproptheater wahrgenommen. Haben Sie das gewollt?

Ich finde das nicht so schlimm. Darauf, dass solche politischen Projekte in unserem Programm einen Platz haben, bin ich stolz. Letztlich ist es vielleicht sogar besser, ein Etikett zu haben, für das man sich nicht schämen muss, als gar kein Etikett zu haben.

Was machen Sie in Gorleben, nachdem Sie Ihre Rede gehalten haben?

Da ich nicht genau weiß, was da auf mich zukommt, werde ich mich wohl ein wenig treiben lassen. Aber eines ist sicher: Ich werde nicht schottern.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

Mehr zum Thema

Der Castor-Transport mit hoch radioaktivem Atommüll hat am Sonntag Niedersachsen erreicht. Aber er muss immer wieder Zwangspausen einlegen. Demonstranten hatten den Zug stundenlang aufgehalten.

09.11.2010

Der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Jürgen Trittin, ist am Mittwochabend bei einer Diskussion im Theaterdorf „Freie Republik Wendland“ am Ballhof in Hannover mit Joghurt überkippt worden.

23.09.2010

Gedrückte Stimmung im Theaterhüttendorf „Republik Freies Wendland“: Trotz der Torten-Attacke hätte Jürgen Trittin das Gespräch mit der Aktivistin Hanna Poddig weiterführen wollen - doch er ging. Denn Podding fand die Aktion gut.

23.09.2010
Uwe Janssen 06.11.2010
05.11.2010