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16:51 16.03.2015
Von Karsten Röhrbein
Das virtuose Spiel mit Popklischees und Zitaten beherrscht Bilderbuch wie derzeit keine zweite deutschsprachige Band.
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Hannover

Schwülstige Achtziger-Synthesizer, Hair-Metal und Wiener Schmäh - klingt nach einer ganz üblen Mischung. Oder nach dem nächsten großen Ding. Auf jeden Fall klingt es nach Bilderbuch, neben Wanda die Band der Stunde. Aus all dem, was gemeinhin als Ausbund miserablen Musikgeschmacks gilt, formen die vier Österreicher auf ihrem neuen Album irrwitzig gute Popsongs. Nach Auftritten im Vorprogramm der Beatsteaks gehen sie mit „Schick Schock“ jetzt endlich selbst auf große Deutschland-Tournee. Dank Hits wie „Maschin“ dürfte das für die Wiener ein Heimspiel werden: „Steig jetzt in mein Auto / Steig jetzt in mein Auto ein / Sieben Türen, 70 PS, vorne gilt der Wind zu sehr“, sprechsingt Maurice Ernst da mit affektierter Betonung. Im Musikclip streichelt der wasserstoffblondierte Schlacks dazu zärtlich einen gelben Lamborghini Diablo, lässt die Seitenscheiben hoch und runter fahren. Von 70 PS und Verführung singen und mit einem 500-PS-Schlitten kokettieren: Humor haben sie.

Spiel mit Popklischees und Zitaten

Das virtuose Spiel mit Popklischees und Zitaten beherrscht Bilderbuch wie derzeit keine zweite deutschsprachige Band. Mehr als 1,5 Millionen Mal wurde der „Maschin“-Clip allein auf dem offiziellen Youtube-Kanal angeklickt. Unvermittelt trifft in der Bilderbuch-Disko E- auf U-Kultur. „Ich lese Proust, Camus und Derrida / Mein Schwanz so lang wie ein Aal“, heißt es etwa in „Feinste Seide“ - und sofort fragt man sich: Das kann doch nicht deren Ernst sein, oder? Doch, kann es! Indie-Rock, P-Funk, moderner R&B, Achtziger-Trash und Neunziger-Revival werden lustvoll geplündert.

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Die Band, die vor zehn Jahren im Proberaum noch die Strokes coverte und die moralinsauren Struwwelpeter-Geschichten vertonte, hat sich nach zwei wenig beachteten Alben radikal umorientiert. Pate des neuen Eklektizismus ist Kanye West, der genialische wie größenwahnsinnige Hip-Hop-Neuerfinder. Wie auf dessen „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ lassen sich auch auf „Schick Schock“ unzählige Versatzstücke aus der Popgeschichte finden, von Axl Rose bis zu Falco. Die Texte dazu sind Dada oder gaga, anmaßend und affektiert. Das alles ist - wie der „Maschin“-Clip - nüchtern betrachtet natürlich viel zu viel. Aber gerade deshalb macht „Schick Schock“, dieses hochironische Spektakel, viel Spaß.

Geprägt von Falco, geschult an Thomas Bernhards Rollenprosa, bestärkt von Vorreitern wie der österreichischen Indie-Pop-Band Ja, Panik! und protegiert vom Radiosender FM4 ist in Wien eine selbstbewusste Musikszene gewachsen. Das kommende Album von Nino aus Wien oder die Mundart-Platte des Vater-Sohn-Duos Worried Man & Worried Boy um Ja, Panik!-Schlagzeuger Sebastian Janata sind plötzlich auch in Deutschland ein Thema. Vor 20 Jahren war das noch anders: Damals sang die Band Heinz aus Wien noch den Song „Ich hab’ mit Tocotronic Bier getrunken“, der bei aller Ironie merklich mit dem Erfolg der Klassenbesten der Hamburger Schule haderte.

Dass der neue Austropop so ungeduldig erwartet wird, liegt auch an der Band Wanda und deren Debütalbum „Amore“. Der kettenrauchende Sänger Marco Michael Wanda singt darauf räudig, verzweifelt, schwelgerisch und stolz, ohne dass es bieder oder pathetisch klingt. Rock-’n’-Roll-Schlager nennen die Wiener ihre Dreiminüter, die für kleine Hallen schon jetzt zu groß geworden sind. Anfang Februar noch spielten sie in der beschaulichen Kulturfabrik in Hildesheim, ehe sie gleich drei ausverkaufte Konzerte in Berlin gaben.

Für den Winter hat die Gitarrenband, die zurzeit mit Kraftklub auf Tour ist, vorsorglich die großen Hallen gebucht. Und da gehören schrammelige Songs wie „Luzia“ auch hin. „Weil du weiße Zähne hast, obwohl du ständig rauchst / Ist der Thomas in dich verliebt - und ich auch“, singt der 25-jährige Wanda da zu zappeligem Offbeat-Rhythmus. Es sind kleine Geschichten von unglücklicher und unbedingter Liebe, von Scheitern und Schnaps.

Die Songs klingen nach Hafenspelunke, wild, ein bisschen gefährlich, fremd und doch seltsam vertraut. Das liegt auch an dem Österreichisch, das Marco Michael Wanda zelebriert. Der milde Dialekt, die leicht irritierenden Vokabeln - Wanda singt nicht „Krankenhaus“, sondern „Spital“ - lassen über die Schönheit und Leichtigkeit der deutschen Sprache staunen. „Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag: ,Für Amore!’“, fordert Wanda. Wer mag da nicht zustimmen?

Bilderbuch und Wanda live in Hannover

Bilderbuch live in Hannover: Montag, 23. März, 60er-Jahre-Halle, Kulturzentrum Faust. Karten kosten 22,70 Euro im Vorverkauf.

Wanda live in Hannover: Dienstag, 1. Dezember, Capitol Hannover. Karten kosten 24,70 Euro im Vorverkauf.

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