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Kultur Warum Weihnachtsklassiker in den Charts landen
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09:29 20.12.2011
Von Manuel Becker
Foto: Die Band Wham! (Andrew Ridgeley als Elch, George Michael als Weihnachtsmann 1984) gibt es schon lange nicht mehr – ihr Song „Last Christmas“ dominiert dagegen seit Jahren im Dezember die Radioprogramme.
Die Band Wham! (Andrew Ridgeley als Elch, George Michael als Weihnachtsmann 1984) gibt es schon lange nicht mehr – ihr Song „Last Christmas“ dominiert dagegen seit Jahren im Dezember die Radioprogramme.
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Sie stoppen wieder die Reifen des Geländewagens. Nach einem Kameraschwenk über die schneebedeckten Schweizer Alpen geht die Tür auf, und George Michael steigt mit Achtziger-Jahre-Fönfrisur und dunkelblauem Mantel mit hochstehendem Kragen aus und winkt mit seinen in Handschuhen verpackten Händen. Das Musikvideo zum Wham!-Hit „Last Christmas“ ist ein Klassiker. Und das Lied aus dem Jahr 1984 heute so präsent wie vor 27 Jahren, als es erstmals die Charts stürmte. Auch Mariah Carey trägt wieder Rot und Weiß, der Band-Aid-Chor hat sich vor den Mikros aufgestellt und Chris Rea sich bereitgemacht, um zur Weihnachtszeit nach Hause zu fahren. Die immergleichen Weihnachtssongs sind wieder im Radio und in den Charts angekommen. Sie begleiten uns den ganzen Tag: vom Radioweckerklingeln unter die Dusche, im Autoradio, in den Kaufhäusern und auf Weihnachtsmärkten.

Die Wham!-Schnulze „Last Christmas“ ist das wohl bekannteste Pop-Weihnachtslied. Bis zu 500-mal wird der Song täglich zwischen Mitte November und Heiligabend in deutschen Radios gespielt. Seit 1997 schafft es „Last Christmas“ jedes Jahr für ein paar Wochen in die deutschen Charts. Derzeit liegt es auf Platz 33.

Es ist in bester Gesellschaft. Von den neun Weihnachtssongs in den Charts sind sechs altbekannt. Mariah Carey mit „All I Want for Christmas Is You“, Melanie Thornton mit „Wonderful Dream“, Band Aid mit „Do They Know It’s Christmas“ und Chris Rea mit „Driving Home for Christmas“ oder Jose Felicianos „Feliz Navidad“: In der kalten Jahreszeit hat Aufgewärmtes Konjunktur. Aber warum nur?

„Weil wir an Weihnachten das Vertraute haben wollen“, sagt Kristof Hinz, Leiter des Popinstituts der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH). Altbekanntes löse Erinnerungen aus, ein wohliges Gefühl, auch im Popradio. „Vielleicht denkt man an die eigene Kindheit, an frühere Festtage“, sagt Hinz, „und Wham! gehört zu Weihnachten wie der Weihnachtsbaum. Wir wollen das so.“ Mit der christlichen Botschaft nehmen die Lieder es hingegen nicht so genau. Ein Weihnachtshit braucht eine eingängige Melodie, ein paar Glockenklänge und möglichst oft das Wort „Christmas“.

Meistens geht es um die Liebe, den großen Herzschmerz – wie bei George Michael, der seine Verflossene beschimpft und sein Herz in diesem Jahr an „Someone Special“ zu geben gedenkt. Mariah Carey setzt sich eine rote Weihnachtsmütze auf und wünscht sich nichts mehr als ihren Liebsten. Dann gibt es die Pathosnummern mit großem Chor (Band Aid und Melanie Thornton) und das sehnsüchtige Nachhausekommgefühl, das Chris Rea in „Driving Home for Christmas“ und „Deutschland sucht den Superstar“-Teilnehmer Menowin Fröhlich in „Waiting For Christmas“ vermitteln. Und es gibt die „Wir-sind-einfach-glücklich-weil-Weihnachten-ist“-Songs wie Trains „Shake Up It’s Christmas“, DJ Ötzis „Ring the Bell“ mit viel „Ring-a-ling-dong-ding“ und eben Jose Felicianos Klassiker aus dem Jahr 1970, „Feliz Navidad“.

Wenn man die Glockenklänge, das „Christmas“, „Santa Claus“ und „Snow“ aus den Texten rausstreicht, „könnten manche Songs auch Sommerhits sein“, vermutet Hinz. „Last Christmas“ sollte tatsächlich ursprünglich als „Last Easter“ ein Osterhit werden, ehe es von George Michael schnell für Weihnachten umgetextet wurde und sich die Wham!-Crew zum Videodreh im Schnee von Saas Fee traf. Klassische Texte und alte deutsche Lieder funktionierten im Formatradio offenbar nicht, sagt Hinz. „Last Christmas“ gehöre dafür an Heiligabend eben nicht in die Kirche. „Vielleicht muss sich aber auch einfach mal einer trauen, was Deutsches zu machen.“ Ein neues, poppiges „Stille Nacht, heilige Nacht“ oder eine Rapversion von „O du fröhliche“?

Wahrscheinlich träumt jede Band davon, einen Weihnachtshit zu landen, der Jahr für Jahr für doppeltes Klingen sorgt: des Songs im Radio und des Geldes in der Bandkasse. Mariah Carey hat in diesem Jahr übrigens gleich zwei WeihnachtsDuette aufgenommen – eins mit Justin Bieber und eins mit John Legend.

In der Weihnachtszeit einen Hit zu platzieren sei jedoch noch schwerer als ohnehin schon. „Der Markt ist sehr geschlossen“, sagt Hinz. Der normale Radiohörer setze eben auf Vertrautes, gerade an Weihnachten. Daher dürfe ein neuer Hit nicht das große Überraschende bieten, „sondern eben nur ein bisschen überraschen“. Dass sei auch ein Grund, warum es so oft Cover der Klassiker gibt.

Die inzwischen 479-te Version von „Last Christmas“ liefert gerade Matthias Reim.  „Ich hätte nie gedacht, dass das geht, dass man das ins Deutsche übertragen kann, und dass es gut klingt“, sagt er zu seiner deutschen Wham!-Version. Textprobe: „Mein Herz zerreißt, wenn ich an dich denk, du warst mein schönstes Weihnachtsgeschenk“. Dann doch lieber das Original. So wie im vergangenen Jahr.

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