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22:22 02.05.2013
Von Johanna Di Blasi
Hoffnungsträger Kennedy: Fotoreporter Ulrich Mack begleitete den US-Präsidenten während seines Berlin-Aufenthaltes 1963. Quelle: Mack
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Berlin

Am 23. Juni 1963, an einem sonnigen Sonntagmorgen, landet John F. Kennedy auf dem Köln-Bonner Flughafen Wahn. Der damalige deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer und eine politisch-militärische Delegation nehmen den lächelnden amerikanischen Präsidenten in Empfang. Drei Tage später wird Kennedy vor fast einer halben Million jubelnden Menschen in West-Berlin den legendär gewordenen Satz sagen: „Ich bin ein Berliner.“ Die Amerikabegeisterung in Deutschland ist auf ihrem Höhepunkt.

Der junge Bildreporter Ulrich Mack begleitet den US-Präsidenten im Auftrag der Illustrierten „Quick“ bei seiner Deutschlandvisite, die zum Triumphzug gerät. Mack ist in Köln, Bonn, Frankfurt, Wiesbaden und schließlich in Berlin dicht am Geschehen, manchmal nur eine Armeslänge vom Präsidenten entfernt. „Quick“ brachte in einem siebenseitigen Bericht mit dem Titel „Kennedy und die Berliner - Jetzt kann sie keine Macht mehr trennen“ eine Auswahl der Fotos. Die restlichen Bilder verschwanden im Archiv und wurden jetzt anlässlich des 50. Jubiläums des historischen Staatsbesuchs erstmals hervorgeholt.

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Anhand von knapp 100 Schwarz-Weißaufnahmen Macks beleuchtet das Berliner Willy-Brandt-Haus den legendären Deutschlandbesuch Kennedys in zahllosen, nie zuvor gezeigten Details: von militärischen Paraden über intime Unterredungen bis hin zum Bad in der Menge. Es wird deutlich, wie sich das Geschehen immer mehr aufschaukelt. Von Station zu Station wird das Gedränge rund um den Hoffnungsträger Kennedy dichter. Sogar als Betrachter fühlt man eine fast körperliche Enge.

Der strahlende US-Präsident könnte ein Enkel Adenauers sein, der gerade seinen Eliteschulabschluss gemacht hat. Der alte Herr sieht neben dem coolen Jungpolitiker noch älter und verwitterter aus als ein Repräsentant eines vergangenen Jahrhunderts. Junge Frauen mit Föhnfrisuren können von Polizisten kaum gebändigt werden. Sie durchbrechen Absperrungen. Es ist fast wie bei der Beatlemania. Bei Fahrten im offenen Wagen regnet es Papierschnipsel. Kennedy und Willy Brandt, der damalige Berliner Regierende Bürgermeister, kneifen die Augen zusammen.

Der Fotograf, der später Professor für Visuelle Kommunikation an der Fachhochschule Dortmund wurde, hatte nicht nur ein Auge für aufwühlende Höhepunkte der Begegnung mit dem Präsidenten, sondern auch für Pausen, für zähes Warten des Sicherheitspersonals oder surreal wirkende militärische Rituale.

Eine Aufnahme zeigt den Präsidenten vor einer amerikanischen Militäreinheit. Vor ihm ist eine Rakete aufgebaut, daneben steht auf einem riesigen Schild „US Air Forces in Europe“. Ein schmächtig wirkender Präsident hält sich an einem kleinen Rednerpult fest, während seine Entourage gelangweilt wirkt. Isolation strahlt auch eine Aufnahme am Brandenburger Tor in Berlin aus. Dort haben Briten eine schlichte Holztribüne errichtet. Mit im Bild ist ein Schild mit der Aufschrift „Achtung. Sie verlassen West-Berlin“. Das Schild ist auf Macks Aufnahme halb abgeschnitten. Solche Feinheiten machen die Kennedy-Fotostrecke unkonventionell und spannend.

Vierzig Jahre später kam wieder ein US-Präsident nach Berlin: George W. Bush, allerdings wurde er nicht bejubelt, sondern Tausende Menschen demonstrierten 2002 gegen seine Politik. Diesen Besuch dokumentierte das geniale Künstlerduo Andree Korpys/Markus Löffler, an das Macks Fotostrecke denken lässt. In Korpys/Löfflers Video „The Nuclear Football“, das Dokumentation und Fiktion verbindet, erscheinen reale Ereignisse während des Bush-Besuchs wie Szenen aus einem absurden Theaterstück. Ähnlich wie Mack nutzten auch Korpys/Löffler Pausen und Momente des unentschiedenen Wartens von Uniformierten oder Presseleuten als Bildmaterial.

„Es gibt immer noch Dinge in dieser Welt, wo man dabei gewesen sein muss, um sie glauben zu können, und bei denen es schwerfällt, nachher zu begreifen, was einem widerfahren ist“, hat John F. Kennedy einmal gesagt. Sein Berlin-Besuch im Sommer 1963 war so ein Ereignis. Der charismatische Politiker wurde wie ein Popstar oder Heiliger gefeiert. Als er am vierten Tag seines Besuchs gegen Abend am Berliner Flughafen Tegel die Präsidentenmaschine in Richtung Irland bestieg, sah er müde aus. Fünf Monate später wurde Kennedy bei einer Wahlkampfreise in Dallas, Texas, im offenen Wagen ermordet.

Bis zum 6. Juni im Willy-Brandt-Haus, Stresemannstraße 28, Berlin. Katalog 29,90 Euro.

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