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Kultur Was bringt das Klassikjahr 2011?
Nachrichten Kultur Was bringt das Klassikjahr 2011?
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08:00 08.01.2011
Von Rainer Wagner
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Musikfreunde und Programmplaner mussten zum Jahreswechsel nicht groß umdenken: Das Mahler-Jahr 2010 (150. Geburtstag) ging nahtlos in das Mahler-Jahr 2011 (50. Todestag) über. Entsprechend wird weitergefeiert. In Hannover etwa präsentiert die NDR Radiophilharmonie am 10. Februar Gustav Mahlers 3. Sinfonie. Und am 8. Mai lässt das Niedersächsische Staatsorchester in der Staatsoper Mahlers 2. Sinfonie, die „Auferstehungssinfonie“ folgen. Beide Male stehen die jeweiligen Orchesterchefs am Pult: Eivind Gullberg Jensen beim NDR und Wolfgang Bozic in der Staatsoper. Bei Mahlers 3. Sinfonie sind Hannovers berühmte Jugendchöre zu hören: der Mädchenchor und der Knabenchor. Und die Jungs dürfen mit Mahler weitermachen, denn sie gehören zu den vielen, vielen Mitwirkenden in Gustav Mahlers „Sinfonie der Tausend“. Wer diese 8. Sinfonie zusammen mit zehntausend Musikfreunden erleben will, muss am 20. Mai nach Hamburg fahren, wo der Zyklus „Mahler in Hamburg“ mit einem Konzert in der O2 World abgeschlossen wird. Wer allerdings glaubt, dass eine Sinfonie – auch wenn sie sportlichen Ehrgeiz demonstriert – in einem Konzertsaal besser aufgehoben ist als in einer Vielzweck-Arena, der kann den Dirigenten Christoph Eschenbach und seine mehr oder minder tausend Musiker am nächsten Tag auch im hannoverschen Kuppelsaal erleben. Mal sehen, wie sich das NDR Sinfonieorchester, die Tschechische Philharmonie und die versammelten Solisten und Chöre dann räumlich arrangieren.

Der zweite Jubilar wird unter dem Slogan „ein Europäer in Thüringen“ vermarktet, denn Liszt Ferenc wurde vor 200. Jahren im damals ungarischen Raiding (das jetzt zum österreichischen Burgenland gehört) geboren. Franz Liszt feierte in ganz Europa Triumphe, empfing in Rom die niederen Weihen und machte Weimar zur Hauptstadt der neudeutschen Schule. Deshalb präsentiert das Kunstfest Weimar gleich sechs Uraufführungen im Geiste Liszts. Gestorben ist er am 31. Juli 1886 in Bayreuth, was die Franken zu einer Veranstaltungsreihe mit dem launigen Titel „Lust auf Liszt“ animierte. Immerhin wird dabei auch Liszts fast vergessene Oper „Don Sanche“ wieder ausgegraben. Allerdings in der Stadthalle und nicht im Festspielhaus. Das bleibt nach wie vor seinem Schwiegersohn Richard Wagner vorbehalten. Als Neuinszenierung steht auf dem Grünen Hügel Wagners „Tannhäuser“ auf dem Programm. Inszeniert wird dieser „Sängerkrieg auf der Wartburg“ vom Schauspielregisseur Sebastian Baumgarten, der schon mehrmals im Opernrevier gewildert hat. Am Pult steht erstmals in Bayreuth Thomas Hengelbrock, der designierte Chef des NDR Sinfonieorchesters.

Aber es wagnert auch anderswo: In Berlin wird die „Ring“-Koproduktion zwischen Mailänder Scala und der Staatsoper unter den Linden fortgesetzt. Und in Hannover schließt sich mit einem Doppelschlag Barrie Koskys „Ring“-Inszenierung: im April mit „Siegfried“und im Juni mit der „Götterdämmerung“. Wagnerianer dürften besonders neugierig sein, ob Kosky zum „Ring“-Abschluss mehr (oder anderes) einfällt als vor Kurzem in Essen. Wenn nicht, gibt es viel Kartonagen und wenig Korsagen zu sehen.

Um viel (nacktes?) Fleisch dürfte es am 17. Februar in London bei der Uraufführung von Mark-Anthony Turnages Oper „Anne Nicole“ gehen, deren Titelheldin ein berühmt-berüchtigtes Model war. Zu Opernehren bringen es in Kürze auch „Schneewittchen“ (am 21. April in Köln) und „Die Marquise von O“ (am 22. April in Monte Carlo). Wer wissen will, wie groß „Der Einfluss des Menschen auf den Mond“ ist, sollte nicht in den Mondkalender schauen, sondern in den Spielplan des Staatstheaters Braunschweig. Dort wird am 26. März Klaus Langs Oper uraufgeführt.

Musikfreunde in und um Hannover können sich in den nächsten Monaten auf Weltstars freuen, für die sich auch eine längere Anfahrt lohnt. Bariton Bryn Terfel will am 4. März in der Staatsoper zeigen, dass er der gewichtigste Falstaff unserer Tage ist. Mit Sol Gabetta, Anne-­Sophie Mutter und Lang Lang kommen Instrumentalisten mit Glamourfaktor in die Landeshauptstadt.

Und wer jetzt schon das Ende bedenkt, darf sich freuen, dass 2011 in Hannover das Jahr mit Beethovens Neunter ausklingt, wie es in vielen Metropolen Brauch ist. Aus einer Weltstadt kommen dann auch die Interpreten: das London Symphony Orchestra und Dirigent John Eliot Gardiner.

Stefan Arndt 08.01.2011
Stefan Arndt 08.01.2011