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Kultur Weltstar mit Muttergefühlen
Nachrichten Kultur Weltstar mit Muttergefühlen
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16:09 15.09.2011
Von Stefan Arndt
Foto: Moderne Frau, historische Ausstattung: Sharon Kam mit Klarinette. Quelle: Maike Helbig
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Hannover

Die Frau probiert gerne etwas Neues aus. Das Klarinettenkonzert von Mozart zu spielen ist für eine Klarinettistin eigentlich Routine. Doch Sharon Kam hat das altbekannte Stück auf einem für sie neuen Instrument wiederentdeckt. Mit der Bassettklarinette hat sie Mozart auf einer CD eingespielt, über die eigentlich geredet werden soll bei dem Treffen in Kams Esszimmer. Statt kühler Designermöbel, die man bei einer so erfolgreichen Solistin vielleicht erwarten könnte, gibt es dort Cornflakeskrümel unter dem Tisch. Ein freundlicher, warmer, normaler Ort. Kann man hier über Mozart reden? Natürlich. Aber weil Mozart trotz allem nicht so ganz neu ist, redet Sharon Kam zunächst lieber über etwas anderes.

Zum Beispiel übers Häkeln. Das hat die 40-Jährige gerade erst gelernt von den Erzieherinnen aus dem Kindergarten gleich nebenan. Die Tochter, die dort seit ein paar Tagen hingeht, ist zwar das dritte Kind des Weltstars mit Wohnsitz in Hannover – aber es ist das erste, das eine Waldorf-Einrichtung besucht. Das scheint sich zu lohnen: für die Mutter, die mit wunderbar ansteckender Freude schon so souverän mit dem bunten Garn hantiert, wie man es von einer Waldorf-Mutter erwarten darf; und für die Tochter, die wider Erwarten bereits ganz alleine dort bleiben möchte.

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Damit wirkt der kleine Kindergarten zumindest ein bisschen auf die große Welt der Klassik: Anfang Oktober wird Sharon Kam einige Konzerte in Südkorea spielen. Bis vor ein paar Tagen war geplant, dass ihre Jüngste sie dabei begleitet, aber jetzt, da es im Kindergarten so gut läuft, möchte sie keine Unterbrechung riskieren. Die beiden zusätzlichen Flüge für Kind und das Au-pair-Mädchen hat sie darum gerade stornieren lassen. Gerne tut sie das allerdings nicht: „Es ist seit Jahren meine erste weite Tournee ohne ein Kind“, sagt Kam. „Ich weiß nicht, ob ich wirklich Lust dazu habe.“ Die Auftritte der gefragten Musikerin könnten bald also noch rarer werden. Im Zweifel kommen bei ihr die Kinder vor der Karriere.

Doch der Erfolg ist bei Kam ohnehin kaum noch zu steigern. Die 1971 in Israel geborene Musikerin gehört seit dem Gewinn des ARD-Wettbewerbs vor fast 20 Jahren zu der Handvoll Klarinettisten, die auf der ganzen Welt begehrt sind. Vielleicht erklärt es sogar einen Teil des besonderen Zaubers, der von Kams Spiel ausgeht, wenn man bedenkt, wie eng Leben und Musizieren bei ihr verknüpft sind. Wie sonst könnte etwa ihr Mozart-Konzert so vielschichtig klingen wie bei kaum einem anderen Interpreten: leicht und schwer zugleich? Mozart selbst hat seine Musik, wenn er sie für besonders gelungen hielt, als „helldunkel“ charakterisiert. Bei Kam ist das besonders gut zu hören. Sie bindet fein gemeißelte Phrasen zu großen Bögen und verdichtet auch gegensätzliche Emotionen und Stimmungen zu einem Ausdrucksreichtum, über den man nur staunen kann. Fast ist ihr Mozart makellos und perfekt – aber dann tönt es doch wieder eine Spur zu frech, fröhlich oder feminin, um zum Denkmal zu erstarren.

Die Interpretin ist nicht ehrfürchtig, sie sucht das Glück in dieser Musik. Man spürt das, wenn sie erzählt, wie lange sie die Musiker und das Orchester gesucht hat, mit denen sie die CD aufgenommen hat. Ihr Mann, der Dirigent Gregor Bühl (der am kommenden Sonnabend mit „La Traviata“ die Saison an der Staatsoper Hannover eröffnet), war anders als bei früheren Veröffentlichungen der Klarinettistin nicht dabei. Für die Orchesterleitung zeichnet stattdessen sie selbst verantwortlich. Ärger gab es deshalb aber nicht: Außer als musikalischer Ratgeber war Bühl bei den Aufnahmen als Betreuer gefragt. Die Tochter, die gerade in den Kindergarten gekommen ist, blieb damals jederzeit in der Nähe ihrer Mutter.

Dass die Kinder immer noch ein bisschen wichtiger sind als Mozart, zeigt sich auch darin, dass Kam weiterhin in Hannover wohnt. Vor 16 Jahren war sie an die Leine gekommen, weil ihr Mann hier Kapellmeister war. Doch der arbeitet längst vor allem andernorts. Natürlich könne sie sich auch gut vorstellen, beispielsweise in Wien zu leben, sagt Kam, aber etwas spreche dagegen: „Die wichtigsten Gründe hierzubleiben, sind für mich der Knaben- und der Mädchenchor.“ Ihre beiden älteren Kinder erhielten dort eine „sensationelle“ musikalische Ausbildung.

Aus dem Mund einer weltgewandten Ausnahmemusikerin wiegt ein solches Lob gleich doppelt. Es bezieht sich vor allem darauf, dass beide Chöre „Freizeitchöre“ seien – die Kinder müssten anders als in vergleichbaren Institutionen kein Internat besuchen, um einen engen Kontakt zur Musik aufbauen zu können.

Doch auch das hat seinen Preis: Gleich kommen die Kinder aus der Schule. Vorher muss noch geübt werden, denn Kam spielt das Mozart-Konzert nicht auf der normalen Klarinette, sondern auf einer für sie ungewohnten, größeren Bassettklarinette. Danach muss die Interpreta­tion in Ruhe reifen. Nur dann erreicht eine Aufführung ein Niveau, mit dem sie zufrieden sein kann. Aber natürlich drückt Sharon Kam so etwas anders aus: „Man muss darauf achten“, sagt sie, „dass die Musik aufwächst wie ein glückliches Kind.“

Stefan Stosch 15.09.2011
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