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Kultur Weltweit größte Knochenschiffsammlung in Hamburg
Nachrichten Kultur Weltweit größte Knochenschiffsammlung in Hamburg
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14:00 23.08.2011
Aus Tierknochen schnitzten Kriegsgefangene während der Koalitions- und Napoleonischen Kriege prachtvolle Schiffsmodelle. Quelle: dpa
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Hamburg

Die in England inhaftierten französischen Kriegsgefangenen schufen vor rund 200 Jahren die Knochenschiffe. Rund 300 dieser geheimnisvollen, historischen Modelle sind bislang weltweit nachgewiesen, 32 davon stehen in der Schatzkammer des Internationalen Maritimen Museums Hamburg. Die Prunkstücke erzielen bis heute auf Auktionen Höchstpreise.

„Bis heute weiß man nicht viel über die französischen Kriegsgefangenen, die während der Koalitions- und Napoleonischen Kriege (1792-1815) diese kunstvollen Schätze schufen", sagt Gerrit Menzel, Historiker im Internationalen Maritimen Museum. „Es ist kaum vorstellbar, wie die das gemacht haben." Die Namen der Schnitzer, die die Knochenschiffe mit unglaublicher Ruhe und Geschicklichkeit bauten, sind selten bekannt. Die Gefangenen wurden auf abgetakelten Segelschiffen interniert, die vor der Südküste Englands ankerten. „Sie lebten auf engstem Raum, die Bedingungen waren fürchterlich", sagt Menzel. Der Nachbau einer solchen Zelle im Museum verdeutlicht das den Besuchern.

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Als einst der Platz auf den Internierungsschiffen nicht mehr ausreichte, errichtete man Gefängnisse auf dem Land in Norman Cross und Dartmoor. Jahrelang vegetierten die Häftlinge in ihren düsteren Zellen vor sich hin und hatten nichts zu tun. „Der Bau der Knochenschiffe hat wahrscheinlich ihr psychisches Überleben gesichert", meint Menzel. Zugleich benutzten die Kriegsgefangenen ihre Werke, um sie gegen besseres Essen einzutauschen. Später bestellten englische Kapitäne die Knochenschiffe sogar gegen Bezahlung. Oft schlossen sich mehrere Gefangene zusammen, jeder spezialisierte sich auf bestimmte Schritte.

Die Franzosen besaßen keine Pläne, mussten sich auf ihr Gedächtnis verlassen. Aus abgekochten Rind - oder Schafsknochen entstanden die Schiffe mit all ihren winzigen Details. Ob Beiboote, Verzierungen oder Kanonen - alles ist in mühevoller Handarbeit nachgebildet. Nicht immer traf jeder den Maßstab. Menzel weist auf ein knapp 80 Zentimeter langes, englisches Dreidecker-Linienschiff, dessen Name unbekannt ist. „Aber wir kennen den Schiffstyp und wissen, dass die Masten völlig überhöht sind", sagt er. Das könnte Absicht gewesen sein, ergänzt der Hamburger Knochenschiff-Experte Manfred Stein, der sich seit vielen Jahren mit den Modellen beschäftigt: „So wirkten die Schiffe noch imposanter."

Fregatte „Chesapeake" ist das Herzstück der Sammlung

Herzstück der Sammlung ist das 1814 entstandene Modell der amerikanischen Fregatte „Chesapeake". „Es ist eines der größten Knochenschiffe weltweit", erklärt Stein. Das gut 1,40 Meter lange Exemplar ist in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme. Dieses Knochenschiff wurde nicht von Franzosen, sondern von amerikanischen Kriegsgefangenen gebaut als Geschenk für die Witwe ihres gefallenen Kapitäns - ungewöhnlicher Weise aus Walknochen. Die Takelage war ursprünglich aus alten Haaren und Fäden, die aus Hemden herausgezogen wurden. Dieses Material musste aber bei der Restauration durch Takelgarn ersetzt werden. Das Schiff sei in einem total heruntergekommenen Zustand gewesen, als Sammler und Museumsstifter Peter Tamm es erstand, berichtet Stein, der eine Internet-Seite über Knochenschiffe betreibt.

Die Feinheit und Präzision der historischen Modelle faszinieren nicht nur ihn. Knochenschiffe sind auf dem Sammlermarkt heiß begehrt. Preise zwischen 80.000 und 100.000 Euro sind nach Angaben von Stein nicht ungewöhnlich. „So ein Knochenschiff ist für einen Sammler im maritimen Bereich das höchste der Gefühle", berichtet Historiker Menzel. Modellbauer versuchen bis heute, diese Kunstform mit neuen Werkzeugen zu kopieren. Wie gut das gelingt, darüber gehen die Meinungen auseinander. Menzel jedenfalls ist überzeugt: „Ich habe noch kein modernes Knochenschiff gesehen, das von der Qualität her den historischen Exemplaren nahekommt."

dpa

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