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Kultur Wenn Kunst auf Küche trifft
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06:15 17.05.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Eher komisch als cool: Erwin Wurms „Keep a Cool Head“.
Eher komisch als cool: Erwin Wurms „Keep a Cool Head“.
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Herford

Das ist schon eine ganz besondere Kreation, die dem Besucher hier aufgetischt wird. In Herford gibt es: Kunst an Konzept auf Originalitätsschaum mit Texturen von Anspruch. Denn das Kunsthaus Marta lädt zur Küchenausstellung. Künstlerateliers, so die Überlegung der Ausstellungsmacher, haben ja viel von Küchen. Beide Räume sind zum Arbeiten da, in beiden Räumen ist Kreativität ebenso gefragt wie handwerkliches Geschick.

Gern wird experimentiert, und wenn’s gut läuft, kommt aus beiden Räumen am Ende etwas Schönes heraus. Außerdem darf in beiden Räumen ungestraft mit Flüssigkeiten vielerlei Art herumgespritzt werden. Der Titel der neuen Marta-Ausstellung ist wie eine Gleichung aufgemacht und erklärt die Sache so: „Atelier + Küche = Labore der Sinne“. Auf der Hitliste der hilflosen, unoriginellen und sperrigen Ausstellungstitel dürfte er locker einen Platz weit vorn erreichen.

Im Zentrum der Ausstellung steht ein Block, kein Küchenblock, aber doch der Block einer Küche. Imi Knoebel hat die Abmessungen seiner ehemaligen Küche genommen und daraus einen Quader geschaffen, der in seiner fenster- und türlosen Unnahbarkeit an die Kaaba in Mekka erinnert. Die Küche ist hier kein Labor mehr, sondern nur noch ein magischer Ort - und eine Behauptung.

Anderswo wird sie Realität. Zum Beispiel im Foyer. Dort hat Benjamin Bergmann einen Raum geschaffen, in dem Teller auf senkrecht stehenden Bohrmaschinen fixiert sind. Werden die Bohrer eingeschaltet, beginnen die Teller zu rotieren und verspritzen Haferbrei von innen an die Fenster des Küchengehäuses. „Fast-Food-Restaurant“ heißt der Kasten mit der schnellen Küche. Es soll witzig sein. Witziges hat Erwin Wurm geschaffen: einen Kühlschrank, in den der Besucher seinen Kopf stecken kann, falls er - ja, genau - einen kühlen Kopf bewahren will. Ansonsten macht die Ausstellung den Versuch, vier Jahrhunderte Kunst- und Küchengeschichte zusammenzudenken. Deshalb sind auch einige historische Wohnküchenansichten (Jan Miense Molenaars „Das Pfannkuchenbacken“ aus dem Jahr 1660) und Stillleben mit Nahrungsmitteln (darunter auch ein sehr schönes, dunkles von Gerrit van Vucht aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts) zu sehen. Was die Korrespondenz zu zeitgenössischen Werken angeht, verhält es sich aber so wie mit „Duetten“ auf dem Teller - meist siegt das, was stärker gewürzt ist.

Zu den auffälligen Werken der Schau gehört ein Werk des niederländischen Videokünstlers Aernout Mik (dem vor fünf Jahren eine Ausstellung im Kunstverein Hannover gewidmet war). In seiner Videoarbeit „Kitchen“ aus dem Jahr 1997 sind drei alte Männer vor einer Küchenzeile zu sehen. Die Männer tun nicht gerade das, was man in einer Küche tun würde. Sie kochen nicht und decken auch keinen Tisch, sondern tanzen und kämpfen miteinander. Das wirkt sehr bizarr, wie sie sich gegenseitig an den Ohren ziehen und zeitlupenartig in den Bauch boxen. Es passt alles nicht so recht zusammen - die Küche, die Senioren, ihr merkwürdiges Treiben. Aber so sind diese magischen Räume wie Küche und Atelier eben: Es kann dort Unvorhergesehenes geschehen.

Die Küche als Ort von Magie (nicht Maggi) zu beschreiben, gelingt der Schau besonders mit der Präsentation einiger Ofenobjekte. Angriffslustig lauert da Andreas Slominskis spinnenbeiniger „Ofen mit Hühnerherz“ (1997), und auf einer Fotoserie von Jürgen Heinert und Michael Sailstorfer ist eine Hütte zu sehen, die dem Ofen in ihrem Innern als Brennmaterial dient. Am Ende ist das Haus weg, nur der Ofen glüht noch in der Dämmerung. So ist das mit der Völlerei. Am Ende ist man ganz allein. Mahlzeit.

„Atelier + Küche = Labore der Sinne“ bis 16. September im Marta, Goebenstr. 2-10 in Herford. Dienstags bis sonntags und feiertags von 11 bis 18 Uhr, jeden ersten Mittwoch im Monat von 11 bis 21 Uhr. Informationen: (05 22 1) 9944300.

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