Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Ein Inseldasein
Nachrichten Kultur Ein Inseldasein
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:21 06.10.2014
Lutz Seiler gehört mit seinem Hiddensee-Roman "Kruso" zu den Favoriten.
Lutz Seiler gehört mit seinem Hiddensee-Roman "Kruso" zu den Favoriten. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Schlafzimmer, Märchenwälder oder Wüsten - es gibt 1001 Schauplätze für Romane. So ist es also schon statistisch bemerkenswert, dass gleich drei Romane, die für den Deutschen Buchpreis nominiert sind, auf Inseln spielen. Am heutigen Montag wird der Preisträger verkündet.

Als Favorit gilt Lutz Seiler, der die Insel Hiddensee ins Zentrum seines Romans „Kruso“ setzt. Der Autor betont das Exterritoriale der Insel, die ihm wie ein Versteck („hidden“) in der See erscheint. Die Ostseeinsel ist der „Vorhof des Verschwindens“ für Ausreisewillige aus der DDR, Sehnsuchtsort für sogenannte Schiffbrüchige, die im Anderswo neue Kraft schöpfen. In der Gaststätte „Zum Klausner“ wird das morastartige Abwaschwasser für den Germanistikstudenten Ed zur Ursuppe, die ihn verschluckt und als neuen Menschen wieder ausspeit. Hier trifft er auch auf die Titelfigur „Kruso“.

Seiler belebt die Robinsonade auf originelle Weise und umschifft übliche Genreklischees. Poetisch und virtuos erzählt Seiler vom „Schiffbruch eines ganzen Landes“. Seiler beschreibt meisterhaft den monotonen Tagesrhythmus des Insellebens und die Sonderbarkeit der Insulaner. Diesen Roman sollte man auf einer Insel lesen.

Auch Thomas Hettche betont die Weltentrücktheit der titelgebenden „Pfaueninsel“. Das Eiland in der Havel bei Potsdam wird - nach historischem Vorbild - zum Exil der kleinwüchsigen Marie, die im 19. Jahrhundert als Schlossfräulein in dieses künstliche Paradies samt Löwen, Götterbäumen und Pfauen gelangt. An diesem verwunschenen Ort, an dem Schönheit relativ erscheint, sind Kriegsmeldungen nur leise Misstöne aus dem Paralleluniversum Preußen.

Das Abgetrenntsein vom Rest der Welt thematisiert auch Gertrud Leutenegger in ihrem Roman „Panischer Frühling“. Der Flugverkehr über London liegt in Folge der Eyjafjallajökull-Aschewolke brach, „England war wieder ein Inselreich“. Die Protagonistin wirkt ähnlich aus der Zeit gefallen wie Seilers Hiddensee-Ed. In Leuteneggers Erzählung vermischen sich Kindheitserinnerungen an das Sommerhaus der Eltern samt bunter Floraltapete mit den Geschichten eines Obdachenlosenzeitungsverkäufers mit Feuermal im Gesicht, den die Protagonistin aus unerklärlichen Gründen im Geiste adoptiert. Sie baut so ein „Doppelhaus der Erinnerung“.

Mit dem Filmprinzip der Überblendung lässt Leutenegger Vergangenes und Gegenwärtiges, realistisches Londonporträt und fantastische Märchenwelt auf berauschende Weise ineinander fließen. Ebenso ambivalent ist der Romantitel „Panischer Frühling“: Er spielt auf das untergründige Gefühl der Bedrohung an, welches den Text durchzieht, sowie auf die pantheistische Vorstellung einer Verbundenheit von Gott und Natur. Rätselhaft wie ein Traum bleibt dieser Roman, der dahin rauscht wie die Themse, deren Wasserstände die Kapitelüberschriften bilden.

Auch in den drei anderen für den Buchpreis nominierten Romanen geht es um von der Umwelt abgeschottete Außenseiter - auf Inseln inmitten der Gesellschaft, wenn man so will. Das rettende Festland erscheint etwa für Anton, eine der zwei Hauptfiguren aus Thomas Melles Roman „3000 Euro“, unerreichbar. Der Titel bezeichnet die Höhe seiner Schulden, die er in einer Abwärtsspirale vom Bummelstudenten zum Obdachlosen angesammelt hat. Sein Weg kreuzt sich mit dem der Kassiererin und Internetpornodarstellerin Denise. Das Nirvana-Zitat „You can’t fire me because I quit“ aus dem Vorwort verweist auf den Trotz dieser Ertrinkenden, die sich lieber gleich selbst ins Wasser stürzen als zu riskieren, über die Planke zu gehen.

Auch April, die Titelheldin aus Angelika Klüssendorfs Roman, gehört zu dieser Gruppe. Sie trägt wegen ihrer Magerkeit den Spitznamen „Rippchen“ und stets eine Jogginghose unter ihrer Jeans. April wächst zu DDR-Zeiten in Leipzig auf, ihre Eltern waren gewalttätig. Sie sehnt sich nach Normalität und sucht Zuflucht bei Camus, Fassbinder und den Brüdern Grimm. „Wer spricht von siegen, überleben ist alles“ - dieses Rilkezitat fasst diese atemlos geschriebene Geschichte übers Erwachsenwerden zusammen.

Gleich mehrfach Schiffbruch erleidet der Protagonist aus Heinrich Steinfests recht langatmigem Roman „Der Allesforscher“: Sixten Braun wird in Taiwan von den Gedärmen eines explodierenden Wals getroffen, sein Flugzeug stürzt ab und seine große Liebe stirbt, ehe er sich zu ihr bekennen kann. Der Autor wartet mit mehr Schicksalsschlägen und Skurrilitäten (und leider auch altklugen Belehrungen) auf als manche Seifenoper.

Die Moral von der Geschichte, an deren Ende Braun ein ganz passabler Vater wird, ist vielleicht, dass es manchmal auch gelingt, einsame Inseln wieder zu verlassen.

Kultur Soloalbum von Tweedy - Eine Familienangelegenheit
Mathias Begalke 05.10.2014
Ronald Meyer-Arlt 05.10.2014
Kultur Neues Ausstellungssmodul in Lübeck - Grass als Soldat
05.10.2014