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00:15 22.08.2013
Von Uwe Janssen
Mit Hut: Fran Healy und Travis. Quelle: Rough Trade
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Hannover

„Why did we wait so long?“ jault der Sänger sehnsüchtig immer wieder, gleich im ersten Song. Und wirft Fragen auf: Ist das eine Entschuldigung? Und: Muss man sich entschuldigen, wenn man fünf Jahre auf kreative Tauchstation gegangen ist? Und: Muss sich eine Band wie Travis entschuldigen, wenn sie fünf Jahre gewartet hat, bis das neue Album da ist?

Gerade Travis! Einerseits hatten die Schotten mit ihren melodie- und melancholieschweren Songs gewaltigen Einfluss auf den Britpop in den späten Neunzigern. Andererseits waren Sänger Fran Healy und seine Jungs auch in Zeiten größter Chartserfolge - vor allem mit ihrem Album „The Man Who“ - immer so nett, unauffällig, skandalfrei und jenseits jeglicher Hipness, dass sich eine Zeit ohne neues Travis-Abum gar nicht so sehr von einer Zeit mit unterschied. Die Songs waren einfach da, die bekanntesten wie „Sing“ oder „Why Does It Always Rain On Me“ liefen im Radio, aber es hätten auch andere sein können, denn sie waren alle schön. Sie nahmen einen freundlich gefangen. Man wusste gar nicht genau, warum.

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Aber damit fällt man nicht dauerhaft auf, besonders nicht, wenn Coldplay, anfangs auf Augenhöhe, plötzlich mit Volldampf auf Größenwahn und Stadionband macht und rund um das vergleichbare Songmaterial einen riesigen Zinnober veranstaltet. Ergebnis: Chris Martin und Co. überstrahlten irgendwann auch Travis. Und? Fran Healy zog mit Familie nach Deutschland und freute sich, nicht mehr so berühmt zu sein. „Wir hatten gar keine Zeit, den Erfolg überhaupt zu verarbeiten“, sagt der Wahlberliner heute. Selbst sein Soloalbum „Wreckorder“ im Jahr 2010 fiel nicht sonderlich auf. Irgendwann wusste man gar nicht mehr, ob Travis überhaupt noch existierte. Aber es fragte auch keiner. Es gab ja die Songs. Diese zeitlosen, schönen Songs.

Und nun ist da plötzlich ein neues Travis-Album. Das siebte seit Bandgründung im Jahr 1990. „Where You Stand“ heißt es. Und wo stehen sie? Auf dem etwas kitschigen Cover irgendwo ganz klein ganz hinten unter einem wuchtigen Himmel. Typisch! Das Nichtauffallen geht schon wieder los. Und die nächste nette Festnahme auch. „We Live in Boxes“ singt, ja, flüstert Healy und beschreibt in wenigen Worten, wie wir das ganze Leben in irgendwelchen Kisten verbringen, aus Pappe in der Kindheit, später aus Beton, zum Schluss aus Holz. Der Song mit seiner sanften Basslinie und seinen eleganten Gitarrentönen streichelt das Ohr; mit so viel Wohlklang würde man sogar gern in die letzte Kiste steigen.

„Where You Stand“ ist ein wunderbar entspanntes Album, das Hören ist ein langer, ruhiger Fluss. Das freut nicht nur Travis-Fans, sondern ist (besonders im Titelsong und der Single „Moving“) auch eine prima Ersatzdroge für Crowded-House-Fans, denen Neil Finns Albumpausen zu lang sind. Wie Finn zeigt auch Healy meisterhaft, dass man kein instrumentales Spektakel arrangieren muss, wenn man seinen Kompositionen vertraut.

Fast hat man Angst, dass einem Healys einprägsame Melodien schon nach dem vierten oder fünften Durchlauf langweilig werden. Aber sie halten. Eine lange Weile.

Travis: „Where You Stand“ (Rough Trade)

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