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Kultur Wie Rolf Hochhuth einen Theaterskandal auslöste
Nachrichten Kultur Wie Rolf Hochhuth einen Theaterskandal auslöste
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00:15 22.02.2013
„Die Stimmung war sehr angespannt“: Rolf Hochhuth in seinem Büro.
„Die Stimmung war sehr angespannt“: Rolf Hochhuth in seinem Büro.Rother Quelle: Stefan Maria Rother
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Hannover

Am 20. Februar 1963 hob sich das erste Mal der Vorhang für das bis heute immer wieder gespielte Drama: Regie am Theater am Kurfürstendamm in West-Berlin führte der Intendant der Freien Volksbühne, Erwin Piscator.

Hochhuth, der am 1. April 82 Jahre wird, kann sich noch lebhaft an diesen Tag erinnern. „Die Stimmung war sehr angespannt. Ich sehe Piscator in seinem kleinen Büro am Ku’damm vor mir, wie er mit dem Frankfurter Generalintendanten Harry Buckwitz telefonierte und in den Hörer schrie: ,Sie sollen der Presse doch nur sagen, Sie ziehen es in Erwägung, das Stück nachzuspielen! Ich werde hier weggefegt!‘“ So dramatisch sei die Lage gewesen, dass sich Piscator absichern wollte: Wenn auch eine angesehene Bühne wie die Frankfurter sich dem „Stellvertreter“ zugeneigt gezeigt hätte, wäre seine Entscheidung für das Stück nicht mehr so riskant erschienen. Diese Situation könne man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Bei jeder Aufführung waren 100 Polizisten zugegen, zwei von ihnen saßen sogar mit auf der Bühne, um die Schauspieler zu beschützen. Die Zuschauer reagierten mit Trillerpfeifen und Buhrufen. Die Fackelumzüge gegen das Stück stoppten erst, als sich Karl Jaspers und Golo Mann für Hochhuth einsetzten.

Die Empörung richtete sich gegen das Bild des bis heute umstrittenen Papst Pius XII. und gegen die Übertragung seiner Stellvertreter-Rolle auf den fiktiven Jesuitenpater Riccardo Fontana, der im Stück für einen Juden ins Vernichtungslager geht. Die „Stellvertreter-Debatte“ ging rund um den Globus. Der 32-jährige Hochhuth hatte den Finger in eine offene Wunde der Wirtschaftswundergesellschaft gelegt, die die Vergangenheit nur zu gern verdrängen wollte.

Bis heute wurde das Stück in 28 Ländern gespielt und in 22 Sprachen übersetzt, die deutschsprachige Auflage des Rowohlt-Taschenbuchs liegt bei zwei Millionen. Der griechisch-französische Regisseur Constantin Costa-Gavras verfilmte den Stoff 2002 mit Ulrich Mühe und Ulrich Tukur. 2007 behauptete ein ehemaliger Geheimdienstler, der KGB habe Hochhuth mit gefälschten Dokumenten zum Stück angestiftet. Zurzeit läuft am Münchener Volkstheater eine Neuinszenierung von Christian Stückl. Selbst heute, 50 Jahre nach der Uraufführung, hat Stückl Briefe erhalten mit der Frage: Könne er die Vergangenheit nicht ruhen lassen?

Hochhuth brachte das Stück während eines dreimonatigen Rom-Urlaubs zu Papier, den ihm sein Chef Reinhard Mohn anlässlich einer erfolgreichen Wilhelm-Busch-Ausgabe für den Bertelsmann-Lesekreis geschenkt hatte. Zwei Original-Ölzeichnungen Buschs hängen noch immer in Hochhuths Wohnzimmer. „Ich schrieb den ,Stellvertreter‘ meist auf dem Dach der Peterskirche, wenn es nicht zu warm war“, erzählt der Autor.

Hannah Arendt schrieb in den sechziger Jahren: „Das Stück ist nicht gut, aber die Frage, die Hochhuth aufwirft, ist sehr legitim: Warum hat der Papst nie öffentlich gegen die Verfolgung und schließlich den Massenmord an den Juden protestiert?“ Tatsächlich steht Hochhuth jenseits von Stilfragen für ein dokumentarisches Theater der anderen Art. Er spricht in seinen Stücken Missstände unverblümt an, von Churchills Mitschuld am Ersten Weltkrieg („Soldaten“) bis zur umstrittenen Rolle von Hans Filbinger als Marine-Richter im Dritten Reich („Juristen“) - was 1978 zum Rücktritt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten führte. Piscator sprach einmal von Hochhuths Glaube an die verändernde Macht des Theaters.

Auch jenseits der Bühne ist Hochhuth bis heute ein prominenter Wutbürger, der sich etwa für ein Denkmal für den Hitler-Attentäter Georg Eisler einsetzte. Bisweilen liegt er neben der Spur, etwa in der Verteidigung des Holocaust-Leugners David Irving oder in der Lobpreisung der Monarchie, die kulturfreundlicher als die Demokratie sei.

Hochhuth würde sich freuen, wenn künftig ein schwarzer Papst im Vatikan regierte. „Das wäre ein wichtiges Signal für die Weltkirche“, sagt er. Den Rücktritt Benedikt XVI. kommentiert er mit den Worten: „Ich finde es heroisch und vorbildlich, dass ein solcher Mann die Bescheidenheit hat, sich nicht für unersetzlich zu halten.“

Er selbst findet nicht zur Ruhe. „Wenn man so alt wie ich ist, hat man es eilig, die paar wichtigen Dinge fertigzustellen.“ Noch immer verbringt er jeden Nachmittag in seinem Büro mit dem riesigen Fenster und sitzt an dem runden dunkelbraunen Tisch vor seiner Schreibmaschine. Keine elektrische, das wäre zu modern. Er schreibt unter dem Titel „Drei Frauen“ an einem Stück über Coco Chanel, Jackie Kennedy und Marilyn Monroe. Und im Goethetheater Bad Lauchstädt wird im September sein Stück „Neun Nonnen fliehen“ über die Flucht der Katharina von Bora zu Luther nach Wittenberg uraufgeführt.

von Nina May