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09:30 28.08.2012
Von Simon Benne
Um diese Frau wird gestritten: US-Philosophin Judith Butler. Quelle: dpa
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Hannover

Sie gilt vielen als eine der prägenden Gelehrten unserer Zeit. In ihren Schriften hat sich die amerikanische Philosophin Judith Butler, die an der University of California in Berkeley lehrt, oft mit der Macht der Sprache beschäftigt. Jetzt ist sie selbst ins Zentrum eines Streits gerückt, in dem es ums sprachliche Missverstehen geht, um die Grenzen des politisch Statthaften - und um die Deutungshoheit darüber, was antisemitisch ist.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat vehement gegen die Verleihung des Adorno-Preises an die 56-Jährige protestiert, die für den 11. September in der Frankfurter Paulskirche geplant ist. Es sei empörend, jemanden zu ehren, der zum Boykott gegen Israel aufrufe und Organisationen wie Hamas und Hisbollah als legitime soziale Bewegungen einstufe, erklärt Generalsekretär Stephan J. Kramer. Butler sei eine „Israel-Hasserin“, moniert er: „Nur ein Kuratorium, dem die für seine Aufgabe erforderliche moralische Festigkeit fehlt, konnte Butlers Beitrag zur Philosophie formvollendet von ihrer moralischen Verderbtheit trennen.“

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Dem Kuratorium des mit 50.000 Euro dotierten Preises gehören unter anderem die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz und der Philosoph Rainer Forst an. Mit dem Adorno-Preis, der alle drei Jahre von der Stadt Frankfurt vergeben wird, wurden unter anderem Norbert Elias, Jürgen Habermas und zuletzt 2009 Alexander Kluge ausgezeichnet.

Butler hat sich in der Vergangenheit immer wieder als streitbarer Geist erwiesen. In Büchern wie „Das Unbehagen der Geschlechter“ forderte die Feministin, die feministische Kritik müsse gegenüber den „totalisierenden Gesten des Feminismus“ selbstkritisch bleiben. Beim Christopher Street Day sorgte sie 2010 in Berlin für einen Eklat, als sie einen Preis für Zivilcourage ablehnte: Die Schwulenparade sei ihr zu kommerziell und zu unkritisch gegenüber Rassismus, erklärte sie kurzerhand. Immer wieder kritisierte Butler den „illegitimen Einsatz staatlicher Gewalt durch Israel“ und unterstützt den Boykott gegen die Besetzung der Palästinensergebiete. In einem Interview mit der Wochenzeitung „jungle world“ erneuerte sie jüngst ihre Kritik: Israel repräsentiere nicht alle Juden und jüdischen Werte. Zugleich erklärte Butler aber auch, ihre angebliche Unterstützung für Hamas und Hisbollah sei „schrecklich“ missverstanden worden. Viele ihrer Verwandten seien von Nazis ermordet worden, sagte Butler, die selbst jüdischer Herkunft ist, in dem Interview. Sie frage sich, ob die Verwendung ihrer gekürzten Bemerkungen nicht ein antisemitischer Angriff sei: „Wir sind keine selbsthassenden Juden oder Jüdinnen, wenn wir Israel kritisieren.“ Jede Form von Gewalt lehne sie ab.

Gleichwohl hält auch Michael Fürst, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, eine Ehrung Butlers für verfehlt: „Auch eine anerkannte Forscherin kann stockdämlich sein - sie vertritt einen völlig einseitigen Kurs“, sagt Fürst: „Es gibt auch unter Juden Antisemiten - und Judith Butler zählt wohl dazu.“

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