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Kultur Wie ein Episodenfilm: Florian Illies neues Buch „1913"
Nachrichten Kultur Wie ein Episodenfilm: Florian Illies neues Buch „1913"
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19:37 09.11.2012
Foto: Der Autor Florian Illies hat ein neues Buch geschrieben.
Der Autor Florian Illies hat ein neues Buch geschrieben. Quelle: Stefan Maria Rothe
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Berlin

Hinter dem Schreibtisch von Florian Illies hängt eine Wolke. Man weiß noch nicht genau, ob sie Gewitter oder Schönwetter bringen wird. Auch die meisten Protagonisten aus Illies’ frisch erschienenem Buch „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“ ahnen nicht einmal, welcher Sturm im folgenden Jahr über sie kommen wird. Den Buchtitel ziert ebenfalls das impressionistische Gemälde einer Wolke, die schemenhafte Figuren unter sich zu begraben scheint. Aber Illies ist im Moment noch nicht beim Buch, sondern beim Ölgemälde in seinem Büro im Berliner Auktionshaus der Villa Grisebach, deren Experte für die Kunst des 19. Jahrhunderts er seit 2011 ist. „Johan Christian Clausen Dahl hat diese Wolke 1820 in zwanzig Minuten dahingemalt, und sie sieht doch aus wie von heute“, sagt er. Erst vor einer Viertelstunde sind die letzten Bilder für die kommende Auktion am 28. November gehängt worden.

Auf einer Staffelei wartet neben einer eleganten Chaiselongue ein Gemälde von Camille Corot darauf, von Illies begutachtet zu werden. „Man sagt, Corot habe 600 Bilder gemalt, allein 2000 davon in Amerika“, witzelt er. Beinahe jeden Tag kommt ein Besitzer mit einem Gemälde vorbei, und Illies versucht anhand von Bleistiftnummerierungen und Werkverzeichnissen die Herkunft zu belegen.

So wie dieser 41-Jährige in Jackett, Jeans und mit Allerweltsfrisur völlig unprätentiös von seiner Lust an der Detektivarbeit erzählt, würde man gar nicht auf die Idee kommen, einem Bestsellerautor gegenüberzusitzen. Aber das ist er: Florian Illies hat das Porträt seiner vom Wohlstand verwöhnten, unpolitischen Altersgenossen geschrieben. Millionenfach wurde „Generation Golf“ verkauft. Nur mit einem leisen Lächeln antwortet er auf die Feststellung, dass das Schlagwort, das er geprägt hat, auch zwölf Jahre später immer noch aktuell ist.

Der Mitbegründer der Kunstzeitschrift „Monopol“ spricht stattdessen von unternehmerischen Reizen und seinem „missionarischen Eifer“, die Sammler davon zu überzeugen, dass das 19. Jahrhundert nicht nur „steif, spießig und kitschig“ war. All dies zusammen beförderte einen ungewöhnlichen Karrierewechsel. Denn bevor Illies Ausstellungskataloge schrieb, hatte er bereits den Olymp des Feuilletonjournalismus erklommen: Mit 26 Jahren wurde er Feuilletonredakteur der FAZ, leitete die Berliner Seiten und half beim Aufbau der Sonntagszeitung. 2009 wurde er neben Jens Jessen Feuilletonchef der „Zeit“.

„Der Wechsel zur Villa Grisebach war für mich selbst am wenigsten überraschend. Ich habe Kunstgeschichte studiert, schrieb bei der FAZ über den Kunstmarkt. Als Redakteur beschäftigt man sich heute mit zu Guttenberg und morgen mit dem neuen Woody Allen. Hier kann ich mit meiner ganzen Energie in eine Epoche eintauchen. Danach hatte ich ein großes Bedürfnis.“

Die Bereitschaft, das Leben umzukrempeln, teilt Illies mit einem Protagonisten aus seinem jüngsten Buch „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“: Marcel Duchamp, der die Malerei aufgab, als er damit weltberühmt wurde, und stattdessen Schach spielte, ein Fahrrad auf einen Schemel stellte und damit das erste Readymade erfand. „Eine wahnsinnig tolle Haltung“, findet Illies. Duchamp ist dann auch die Figur aus dem Jahr 1913, der der Autor neben seinen Helden Gottfried Benn und Ludwig Kirchner am liebsten persönlich begegnet wäre. „Ich bräuchte nur einen Französischdolmetscher“, schiebt er mit dieser trockenen Ironie nach, die ihn in seinem Buch etwa von der Dialektik zum Dialekt der Aufklärung überleiten lässt.

Illies entwirft in anekdotenhaften Blitzlichtern ein Panorama dieses letzten Friedensjahres vor dem Ersten Weltkrieg. Als die Avantgarde sich in Kaffeehäusern traf und an der Nervenkrankheit „Neurasthenie“ litt. Dem Jahr, in dem die erste Aldi-Filiale eröffnete und der erste Looping geflogen wurde, in dem die „Innenwelt zur Realität“ wurde und nicht nur C. G. Jung und Kafka an Vatermord dachten. Hitler malte noch Aquarelle. Oswald Spengler beklagte den „Untergang des Abendlandes“ und Rainer Maria Rilke seinen Schnupfen. Es ist auch das Jahr der unmöglichen Lieben: die in Gedichten öffentlich inszenierte zwischen der kühnen Dichterin Else Lasker-Schüler und dem kühlen Leichensezierer Gottfried Benn, die nur in Briefen lebendige zwischen Felice Bauer und Kafka oder die erdrückende von Oskar Kokoschka, der immer nur seine „Windsbraut“ Alma Mahler malte und sie am Ende doch verlor. Wie in einem Episodenfilm setzt Illies diese Geschichten fort. Mit diesem Springen von Geschichte zu Geschichte gelingt es ihm, eine geradezu soghafte Spannung zu erzeugen. Man will unbedingt wissen, wie es weitergeht.

Um ein Gefühl für diese Zeit zu bekommen, hat Illies bei Ebay unzählige Tagebücher, Briefe, Postkarten, Zeitschriften und Kalender aus dem Jahr 1913 ersteigert. Manchmal, sagt Illies, habe er für einen Halbsatz ein ganzes Buch gelesen.

Illies schätzt das Anekdotische. Es sei etwas sehr Menschliches, sich auf diese Weise einer historischen Person zu nähern, sagt er und erläutert das an einem Beispiel: „Viele Menschen wissen, dass Schiller zur Geruchsinspiration Äpfel in der Schublade liegen hatte, aber längst nicht so viele sind in der Lage, ein Gedicht von ihm zu rezitieren.“

Seine Erzählhaltung ist entschieden auktorial: Mit Sätzen wie „Das muss unter uns bleiben“, kumpelt sich der Autor bei seinen Lesern an. So hat er sein Publikum schon in Büchern wie „Ortsgespräch“ über seine Jugend in der hessischen Provinz Schlitz oder in „Anleitung zum Unschuldigsein“ gefesselt.

Was man aus der Beschäftigung mit dem Jahr 1913 lernen kann? „Dass man nicht weiß, was kommt“, sagt Illies, „Wirtschaftswissenschaftler sagten damals schon, die Globalisierung und die internationalen Finanzmärkte würden einen Weltkrieg niemals zulassen. Im Nachhinein fällt es leicht zu sagen, man habe das kommen sehen. Aber was die großen Zeichen sind, das wird erst die Zukunft zeigen.“ Am aufregendsten findet Illies am Jahr 1913, dass verschiedene Zeitebenen sich hier überlagerten. „Die Offiziere tragen einen Zwist noch mit einem Duell aus, gleichzeitig kündet sich die Moderne in Form eines Schwarzen Quadrats an.“

Auch im Büro des Experten fürs 19. Jahrhundert findet sich Kunst der Moderne. Unter einem Landschaftsgemälde mit Goldrahmen lehnt eine Postkarte mit Andy Warhols Spruch „All is pretty“.

Die kleine Ölmalerei, die hinter seinem Schreibtisch hängt, würde auch in die private Sammlung von Illies passen. Schon als Student und später als Journalist „ist all mein Geld immer gleich ins 19. Jahrhundert geflossen“, sagt er. Eins seiner ersten Bilder war das einer Wolke.

Florian Illies: „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“. S. Fischer Verlag. 320 Seiten, 19,99 Euro.

Von Nina May