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Nachrichten Kultur Wie klingt der 11. September?
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08:31 08.09.2011
Foto: Daniel Hope ist einer der führenden Geiger seiner Generation.
Daniel Hope ist einer der führenden Geiger seiner Generation. Quelle: Hoffmann/DG
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Herr Hope, Sie veranstalten bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern ein Gedenkkonzert zum 11. September. Wie kann Musik auf so ein Ereignis reagieren?

Wir haben Künstler aus New York eingeladen, die zum „Academy“-Programm der Carnegie Hall gehören. Die Musiker werden auch berichten, wie sie den Tag damals erlebt haben und was er für sie bedeutet. Ich denke aber, dass der stärkere Eindruck von der Musik kommen wird. Denn so bewegend viele Reden sein werden: Ich habe es oft erlebt, dass in dem Moment, in dem die Musik anfängt, alles andere in den Hintergrund tritt. Musik hat mehr Kraft als das gesprochene Wort. So war es beispielsweise, als ich ein Konzert in Dachau für 500 Überlebende des Konzentrationslagers gespielt habe. Erst als wir gespielt haben, kamen die Emotionen der Menschen richtig hoch. Musik trifft einen direkt, unabhängig davon, was gesagt wird.

Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts haben großen Einfluss auf die Kunst gehabt. Die Musik hat sich nach dem Krieg radikal verändert. Glauben Sie, dass 9/11 auch ein künstlerischer Wendepunkt ist?

Ich denke, dass dieser Schock, der noch immer so tief sitzt, die Psyche nicht nur der Amerikaner verändert hat. Und was die Psyche verändert, verändert auch die Kunst. Ob man hier aber schon jetzt direkte Verbindungen zum 11. September herstellen kann, weiß ich nicht. Aber wenn man als Kind etwas Schreckliches erlebt, hat das oft gravierende Folgen: Den Werken der Musiker, die in den kommenden 20 Jahren Sinfonien schreiben, wird man das anhören.

Sie haben oft musikalische Projekte zu historischen Tragödien initiiert. Glauben Sie, dass Musik eine Art therapeutische Wirkung haben kann?

Es geht nicht nur um Schockerlebnisse. Ich versuche auch, die historische Erinnerung wachzuhalten. Sei es die Reichspogromnacht oder die Musik von Theresienstadt – es geht darum, Stimmen von Komponisten und Menschen erklingen zu lassen, die umgekommen sind. Fast die gesamte tschechische Musikwelt ist ja damals ausgelöscht worden. Und das hat für die Musikgeschichte entscheidende Folgen gehabt. Wir haben auf der einen Seite Webern und Schönberg, die einen fundamentalen Richtungswechsel eingeschlagen haben. Was aber gefehlt hat, ist die Musik von Komponisten wie Erwin Schulhoff oder Gideon Klein, die eine eigene tonale Stimme hatten.

Das heißt, die Musikgeschichte hätte Ihrer Meinung nach ganz anders ausgesehen, wenn einige Komponisten den Holocaust überlebt hätten?

Das ist zumindest mein Gefühl. Wenn ich mir überlege, was allein aus Klein hätte werden können, der mit Anfang 20 umgekommen ist, dann bin ich sicher, dass wir eine parallele tonale zeitgenössische Musikentwicklung hätten. Viele Komponisten kommen jetzt im 21. Jahrhundert zurück zur Tonalität.

Und die meisten davon kommen ausgerechnet aus Amerika...

Das war tatsächlich lange der Fall, aber wenn ich jetzt die wirklich jungen europäischen Komponisten beobachte, dann sehe ich auch dort einen Hang zur Tonalität. Ich finde es faszinierend, dass es gerade jetzt passiert. Es ist eine spannende Zeit.

Das klingt sehr optimistisch: Oft heißt es ja, die klassische Musik wäre vom Aussterben bedroht.

Ich denke, es gibt immer noch sehr, sehr viele Menschen, die klassische Musik hören wollen. Man muss sie aber so zugänglich machen, damit jemand, der noch keinen Zugang zur Klassik hat, es versteht. Dabei darf man aber niemals auf höchste Qualität verzichten. Es geht darum, die Ernsthaftigkeit der klassischen Musik und der Botschaften eines Komponisten so ernsthaft und zeitgemäß wie möglich rüberzubringen.

Wie kann man das erreichen?

Man muss dort beginnen, wo man etwas verändern kann. Es ist schon ein Anfang, wenn ein Lehrer mit seiner Schulklasse singt, wenn ein Laienchor eine eigene kleine Serie in der Kirche veranstaltet und so weiter. Es geht um die eigene Initiative. Ich habe aber überhaupt keine Zweifel, dass sich die klassische Musik halten wird, das hat sie schon länger als 500 Jahre getan. Man braucht jetzt trotzdem Menschen mit Ideen, die dieses Erbe weitergeben.

Sie selbst haben genug Ideen. Ein Projekt beschäftigt sich etwa mit dem Geiger Joseph Joachim. Der hat lange in Hannover gewirkt...

Als er dort ankam, hatte er gerade in Weimar mit Liszt gebrochen. Die Musikwelt war danach eine andere: Aus diesem Grund gibt es kein Violinkonzert von Liszt und keins von Wagner. In seinen Hannover-Jahren hat Joachim auch angefangen, selbst zu komponieren. Deshalb verbinde ich Hannover und Joachim sehr stark miteinander – die Stadt hat ihn beflügelt. Ich weiß, dass es dort heute den Violinwettbewerb mit seinem Namen gibt, aber meines Erachtens könnte es in Hannover noch viel mehr geben, denn Joachims Einfluss ist nicht zu unterschätzen.

Interview: Stefan Arndt

Daniel Hope wurde 1974 im südafrikanischen Durban geboren und ist einer der führenden Geiger seiner Generation. Er gehörte zum legendären Beaux Arts Trio und wurde für seine Einspielungen bislang viermal mit dem Klassik-Echo ausgezeichnet. Er veröffentlichte unter anderem das Buch „Wann darf ich klatschen?“ – eine Art Gebrauchsanweisung für Konzertbesuche. Hope entwickelt immer wieder ungewöhnliche Konzertformate wie etwa sein „Kristallnacht-Projekt“. Er ist seit diesem Jahr künstlerischer Direktor der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Das 9/11-Konzert ist am 10. September in Schwerin zu erleben.

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