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Kultur Wie tot ist Stalin?
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19:43 04.03.2013
Von Johanna Di Blasi
"Negativ" nur für jeden fünften Russen: Stalin, auf einem Heldenkonterfei, hochgehalten von Verehrern in Moskau.
"Negativ" nur für jeden fünften Russen: Stalin, auf einem Heldenkonterfei, hochgehalten von Verehrern in Moskau. Quelle: dpa
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Berlin

Lässt sich Stalinismus modernisieren? Sofern man sich auf den architektonischen Stil beschränkt, scheint das tatsächlich möglich zu sein. Das monumentale Hotel Moskwa in unmittelbarer Nähe des Kreml, in dem Yuri Gagarin, Sophia Loren und Robert de Niro logierten, wurde 2004 abgerissen. Ein Schlussstrich, konnte man denken. Doch seit 2005 wird das Luxushotel wieder aufgebaut, im original-stalinistischen Stil, allerdings mit modernem Innenleben: mit Tee-Lounge, Pool-Café und luxuriösen Ladenzeilen.

Das ursprüngliche Hotel Moskwa galt als Glanzstück der Architektur der Stalinzeit. 1935 war Eröffnung. Eine Anekdote überliefert, weshalb es zwei unterschiedliche Flügel hatte. Die Architekten hätten Zeichnungen mit zwei Varianten eingereicht, Stalin habe sie abgesegnet. Aus der Scheu heraus, nachzufragen, welche Variante er nun bevorzuge, habe man den Bau mit unterschiedlichen Flügeln ausgeführt. Ein zeitgenössischer Beobachter notierte über das riesige Foyer im Tagebuch, die Musen hätten hier offenbar die Hand „eines kompletten Idioten“ geführt. Hauptgeldgeber der jetzigen Rekonstruktion ist die Deutsche Bank. Geistergläubige könnten einen Spuk Stalins hinter der wiederholten Verschiebung des Eröffnungstermins dieses Kapitalismustempels in stalinistischer Hülle vermuten.

Vor allem seit Putins zweiter Amtszeit nimmt die internationale Kritik am autoritären Führungsstil in Moskau zu. In Russland kleidet sich Sorge oft ins Gewand von Witzen. Im Internet kursiert dieser: Wladimir Putin erscheint im Traum der Geist von Josef Stalin. Der Kremlchef fragt um Rat, wie er das Land führen solle. „Lass die Oppositionellen erschießen und streiche den Kreml blau“, empfiehlt der Geist. „Wieso blau?“, fragt Putin. „Sehr gut“, antwortet Stalin, „ich wusste, du würdest nicht nach dem ersten Teil fragen“.

Bis heute gibt es in Russland keine einhellige Haltung zu Stalin. Menschenrechtsorganisationen wie „Memorial“ rufen immer wieder den Massenmörder in Erinnerung, der das Leben von Millionen Landsleuten auf dem Gewissen hat. Putin besucht Gedenkorte für Opfer des Stalin-Terrors. Gleichzeitig lässt er Monumente der Stalin-Ära restaurieren. Auch holte er die Nationalhymne der Sowjetunion aus der Mottenkiste. Nach Erhebungen des Levada Centers sagen heute nur noch 22 Prozent der Russen, dass Stalin eine „negative Rolle“ in der Geschichte gespielt habe, 1998 waren es noch 60 Prozent.

Zunehmend offener wird in Russland wieder der Stalin-Kult zelebriert. Die kuriose „Bürgerinitiative Autobus des Sieges“ bucht, unterstützt von den Kommunisten, Werbeflächen privater Busse und bestückt diese mit Stalin-Porträts. Der Diktator mit dichtem Schnäuzer, strengem Blick und rotem Kommunistenstern auf der Mütze gondelt auf diese Weise wieder durch russische Städte. Ein heißer Streit ist in Russland um die Rückbenennung Wolgograds in Stalingrad entbrannt. Ein Kritiker, der Vizesprecher des Moskauer Parlaments, Nikolaj Lewitschew, sagte, in anderen Ländern käme niemand auf die Idee, Städte nach Tyrannen wie Hitler oder Pol Pot zu benennen. Der hannoversche Historiker Hans-Heinrich Nolte sagt: „In der Tat ist Stalin im Gedächtnis vieler Russen nicht tot. Da die Demokratie in Russland nicht mit einer Vermehrung des allgemeinen Wohlstands zusammengegangen ist, sondern mit der Herausbildung einer kleinen Schicht global agierender Superreicher - der ‚Oligarchen‘ - wünschen manche sich einen strengen Herren zurück, der die Mächtigen in ihre Schranken weist.“

„Klar, auch damals nahm und gab man Bestechungen. Aber mit Maßen, sodass die Existenz der Regierung nicht gefährdet wurde“, sagt der bekannte russische Filmemacher Vladimir Bortko über die neue Korruption im Russland der Oligarchen. Er plant einen Film über Stalin, der seiner Meinung nach „am meisten verleumdeten Person des ganzen 20. Jahrhunderts“.

Wladimir Paperny konstatiert in seinem 2002 bei Cambridge University Press erschienenen Buch „Architecture in the Age of Stalin“ den merkwürdig abrupten Wechsel vom Konstruktivismus zu den gebauten „Geburtstagstorten des Hochstalinismus“. Architekten, die in der Stalin-Ära monumental bauten, hatten wenige Jahre davor auf dem Papier konstruktivistisch-futuristisch geplant. Die russischen Avantgardisten hatten gefordert, ganze Städte zu zerstören und wiederaufzubauen. In der Stalin-Ära, bemerkt Paperny, sei beides gleichzeitig bewerkstelligt worden: Aufbau und Zerstörung.

Bis heute werden in Russland nicht nur Stalin und seine Ära ambivalent gesehen. Man erinnert sich auch an totalitäre ästhetische Programme der Avantgarde und deren Begeisterung für das sozialistische Experiment. Die Avantgarde und Moderne steht im Osten, anders als im Westen, keineswegs für Individualismus und Freiheit. In dem Maß, in dem Erinnerungen an den Massenmörder Stalin verblassen, blüht in Russland der heroische „Dictator Style“ als Nationalstil auf. Ein Ausdruck dafür ist auch die pompöse Fassade des rekonstruierten Hotel Moskwa.

04.03.2013
04.03.2013