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Kultur "Wilhelm Raabe - das zeichnerische Werk"
Nachrichten Kultur "Wilhelm Raabe - das zeichnerische Werk"
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08:00 20.11.2010
Von Simon Benne
Kampfszene, gezeichnet um 1876 auf der Rückseite einer Singer-Nähmaschinenwerbung.
Kampfszene, gezeichnet um 1876 auf der Rückseite einer Singer-Nähmaschinenwerbung. Quelle: Wilhelm Raabe
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Gelegentlich muss er einfach zum nächsten Stück Papier gegriffen haben, das er fand. Zu Einladungen, Reklamezetteln oder Briefumschlägen. Und deren Rückseite adelte der Meister dann mit Federstrichen von eigener Hand. Wilhelm Raabe gilt als einer der großen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, doch sein zeichnerisches Werk war bislang fast unbekannt. Daran ist er selbst nicht ganz unschuldig: Raabe verstand sich vor allem als Romanautor, das Zeichnen war für ihn eher ein Privatvergnügen. Seine Romane zu illustrieren lehnte er ab. Jetzt dokumentiert ein zum 100. Todestag Raabes erschienener Band mit mehr als 700 Abbildungen erstmals sein komplettes zeichnerisches Werk – und zeigt, dass Raabe als Doppelbegabung gelten darf, wie Goethe oder Günter Grass.

Als Junge kritzelte Raabe Löwen und Kanonen in seinen Katechismus. Mit 17 Jahren zeichnete er dann Skizzen der Barrikadenkämpfe von 1848 in Berlin, die ihn als begeisterten Anhänger der Revolution ausweisen. Später folgten Zeichnungen am Manuskriptrand, die seine literarischen Texte ergänzten, ebenso wie Aquarelle oder Ölgemälde. Raabe zeichnete Episoden aus der niedersächsischen Geschichte, verfertigte Bleistift- und Federzeichnungen von Burgen, Landschaften und Sagengestalten, skizzierte Gestalten wie Friedrich den Großen oder Napoleon, Indianer oder Eskimos – und gern auch Sonderlinge, die von fern an Wilhelm Buschs Œuvre erinnern.

Eine besondere Faszination übten Schlachten auf ihn aus. Raabe zeichnete Soldaten zu Fuß oder zu Pferde, Soldaten mit Lanzen oder Gewehren, Soldaten des Morgen- oder des Abendlandes. Oft sind bei seinen Kriegszeichnungen freilich Verletzte im Vordergrund, nicht Kämpfende – es geht ihm darum, die Gräuel des Krieges zu zeigen. „Er setzte Akzente gegen die Heroik des 19. Jahrhunderts“, sagt Gabriele Henkel, die den Band als langjährige Mitarbeiterin der Wilhelm-Raabe-Forschungsstelle der Stadt Braunschweig herausgegeben hat.

„Schlagen und geschlagen werden war für Raabe eine Signatur des Weltlaufs“, sagt Henkel, die das Werkverzeichnis jetzt in der hannoverschen Leibniz-Bibliothek vorstellte. Freilich schuf Wilhelm Raabe auch friedvolle Szenerien: Zwei bislang verschollene Ölbilder, die eine Wassermühle und eine Heidelandschaft zeigen, sind gerade noch rechtzeitig vor dem Druck des Bandes in Dresdener Privatbesitz aufgetaucht.

Das Zeichnen bot für Raabe eine Ablenkung in Schaffenskrisen, besonders in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Wo der Schriftsteller Raabe nicht mehr weiter wusste, wusste der Zeichner Raabe oft noch etwas zu Papier zu bringen. In seinen letzten Lebensjahren betrachtete er sich als „gestorbener Schriftsteller“. Das letztes Werk des berühmten Erzählers war eine Zeichnung: „Die letzte Strecke“ zeigt einen einsamen Reiter. Angeblich schuf Raabe die Federzeichnung 1910 auf dem Sterbebett.

„Wilhelm Raabe – Das zeichnerische Werk“. Olms Verlag. 424 Seiten, 39,80 Euro.

Martina Sulner 20.11.2010