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Kultur „Wir haben ein einzigartiges Universum geschaffen“
Nachrichten Kultur „Wir haben ein einzigartiges Universum geschaffen“
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18:57 01.04.2015
Von Stefan Stosch
Gepeinigt von seiner Schuld: Schriftsteller Tomas (James Franco) in seiner Dichterklause. Quelle: Warner
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Herr Wenders, wie sind Sie bloß auf die Idee gekommen, einen Spielfilm in 3-D und trotzdem ohne Action zu drehen?
Das erste Skript zu diesem Film hatte ich schon in Händen, bevor wir mit „Pina“ begonnen haben. Bei der Doku über Pina Bausch ging es ja erst mal um die Verbindung von Tanz und 3-D. Erst gegen Ende der Dreharbeiten habe ich Großaufnahmen der Tänzer gemacht - und die Präsenz war überwältigend! So etwas hatte ich noch nie zuvor auf der Leinwand gesehen. Es war, als würde ich durch ein Vergrößerungsglas schauen. Du betrittst eine eigene Welt mit deinen Darstellern. In 3-D wird jedes Gefühl sichtbar - obwohl die Tänzer nur dasaßen. Da war mir klar, dass ich 3-D für eine dramatische, intime Geschichte nutzen will. Das war die Geburt von „Every Thing Will Be Fine“.

Wie hat sich Ihre Arbeit dadurch verändert?
Jede Übertreibung wird schrecklich schnell erkennbar, jeder Fehler. Du musst die Schauspieler herunterholen, sie sollen einfach nur da sein. Manchmal dachte, ich muss James Franco doch ein wenig antreiben. Aber später habe ich auf dem Monitor und dann auf der Leinwand gesehen: Es ist alles da.

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Gab es einen Moment, in dem Sie die Entscheidung für 3-D bereut haben?
Nein, niemals. Das heißt, doch, einmal: Wir hatten minus 40 Grad, und die Heizung des Trucks brach zusammen, in dem wir die Kameras verstaut hatten. Am nächsten Morgen funktionierte nichts mehr, wir verloren einen ganzen Tag. Mit weniger empfindlichen Gerät wäre das nicht passiert. Das war mein einziger Moment des Zweifels.

An welchen Filmen haben Sie sich orientiert bei diesem Experiment?
Es gab keine Filme, auf die wir uns beziehen konnten. Wir haben uns einen Maler als Vorbild gesucht: Andrew Wyeth, einen realistischen US-Maler des 20. Jahrhunderts. Er hat hyperrealistisch gemalt, als alle anderen mit anderen Ausdrucksformen beschäftigt waren, Warhol oder Pollock zum Beispiel. In seiner Betonung des Alltagslebens und seiner Vorliebe fürs Detail wurde Wyeth unser Held. Seine Bilder strahlen so etwas wie die Präsenz des Alltäglichen aus.

Ihr Kameramann Benoît Debie hatte mit 3-D keine Erfahrung: Warum haben Sie ihn ausgesucht?
Lange dachte ich, einen 3-D-erprobten Kameramann an meiner Seite zu brauchen. Dann wurde mir klar, dass diese Leute einen schlechten Einfluss auf den Film haben würden. Mit dem üblichen fantasylastigen 3-D wollte ich nichts zu tun haben. So habe ich mich für denjenigen entschieden, der die mutigsten Dinge mit der Kamera angestellt hat. Das war Benoît in seiner Zusammenarbeit mit Regisseur Gaspar Noé. Und für Debie war es eine Erfahrung, mal nicht mit einer Handkamera loszuziehen. Wir haben ein einzigartiges 3-D-Universum entwickelt.

Ihr Film dreht sich um Schuld und Vergebung: Wie würden Sie die Wechselwirkung beschreiben?
Schuld frisst dich auf, nimmt dir den Lebensatem. Um da wieder rauszukommen, brauchst du Hilfe von außen, die Großzügigkeit anderer. Es ist leichter, anderen zu vergeben als dir selbst.

Ist der Unfallfahrer Tomas denn schuldig?
Dieser Mann geht durch die Hölle, auch wenn er es kaum zeigt. Er kann sich eigentlich keine Schuld am Unfall geben - oder doch? Da war dieser Moment der Unaufmerksamkeit. Andererseits hätte er den Tod des Kindes kaum verhindern können. Aber da sind diese quälenden Fragen in seinem Kopf, und das gilt auch für die anderen Figuren, die alle irgendwie mit dem Unfall verbunden sind. Und dann beginnt ein langsamer Heilungsprozess, der ja schon im Filmtitel angedeutet wird. Was braucht es, um jemanden aus seiner Abschottung wieder herauszuholen?

Kennen Sie eigentlich auch als Regisseur Situationen, in denen sie sich schuldig fühlen?
Oh ja, ganz besonders bei Dokumentationen. Man trägt da auch eine große Verantwortung. Manchmal fühlt sich das auch gut an, so wie bei den alten Männern im „Buena Vista Social Club“, die durch den Film plötzlich so berühmt wurden. Aber der Film hätte ja auch ganz andere Folgen haben können. Die Auswirkungen lassen sich vorab zumeist kaum abschätzen.

Haben Deutsche, besonders Ihrer Generation, ein besonderes Verhältnis zu Schuld?
Die Frage kann ich nur bejahen. Deutsche haben einen Hang, eine Neigung zu Schuldgefühlen.

Sie haben im Februar den Ehrenbären der Berlinale bekommen, zuvor viel Zeit damit verbracht, Ihre Filme zu restaurieren. Ist mit beinahe 70 der Moment gekommen, Bilanz zu ziehen?
Ich war noch nie ein Nostalgiker. Sogar das Restaurieren meiner Filme hatte für mich nichts Rückwärtsgewandtes: Diese Bilder sollen eigenständig weiterleben, irgendwann auch ohne mich.

Interview: Stefan Stosch

Die Filmkritik zu „Every Thing Will Be Fine“

Monster gibt es in „Every Thing Will Be Fine“ auch. Aber die von Wim Wenders geschaffenen Viecher sind anders als die Biester, die wir sonst aus 3-D-Filmen kennen. Sie drängeln sich nicht ins Bild. Bei Wenders wohnen die Monster in den Menschen: Sie heißen Schuld, Verzweiflung, Traurigkeit, und deshalb sind sie viel schwieriger zu filmen. Wenders ist das Wagnis trotzdem eingegangen, und zwar mit den Mitteln, die gewöhnlich dem bombastischen Hollywoodkino vorbehalten sind. Ein kreisendes Riesenrad ist hier schon die größte Action-Attraktion.

Die Charaktere sind wichtiger als die Effekte. Wie Fremde bewegen sich die Menschen durch eine überscharf konturierte Umgebung. Benoît Debie betont die Distanz der Figuren untereinander, indem er seine Kamera durch Türrahmen oder Fensterscheiben blicken lässt. Gelegentlich gehen einem diese Melancholiker tüchtig auf den Wecker. Dann möchte man Tomas (James Franco) mal so richtig schütteln. Andererseits: Man versteht, wie er leidet. Niemand macht Tomas einen Vorwurf für das, was geschehen ist, nicht einmal Kate (Charlotte Gainsbourg), die Mutter des toten Kindes. Alles ging so schnell an diesem kanadischen Winterabend. Hinter einem Schneeberg kam der Kinderschlitten hervorgeschossen.

Erst hatte Tomas gar nicht verstanden, dass ein Junge unter sein Auto geraten war. Dessen unversehrt gebliebenen Bruder Christopher brachte er erleichtert zurück zur Mutter. Aber von nun an verfolgt Tomas die Erinnerung. Sie verändert sein Leben, seine sowieso eingeschränkte Fähigkeit zu lieben. Und was für ihn beinahe noch schlimmer ist: Weil Tomas Schriftsteller ist, verwandelt sich das Leid bei ihm irgendwann in Literatur. Seine Bücher werden durch die schreckliche Erfahrung nur besser. Was für ein wütender Film hätte aus „Every Thing Will Be Fine“ werden können. Doch Wenders’ Drama ist eine Elegie, in der kaum jemand die Stimme erhebt. Nur die Musik von Alexandre Desplat dräut unheilschwanger wie in einem Hitchcock-Thriller. In diesem schmerzenssatten Drama lohnt das Warten auf Tomas’ Rückkehr ins Leben: Jahre später taucht Christopher (Robert Naylor), inzwischen ein Teenager, bei Tomas auf. Auch in dieser Nacht wird nicht viel geredet, aber zwei nehmen sich in die Arme.

Everything Will Be Fine, Regie: Wim Wenders, 118 Minuten, FSK 6 Astor

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