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Kultur Winsor-McCay-Ausstellung in Hannover
Nachrichten Kultur Winsor-McCay-Ausstellung in Hannover
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14:30 10.03.2012
Der kleine Nemo trifft im Schlummerland auf bizarre Figuren.
Der kleine Nemo trifft im Schlummerland auf bizarre Figuren. Quelle: HAZ
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Hannover

Nemo, das ist nicht nur jene Romanfigur von Jules Verne, die mit einem Unterseeboot in die Tiefen der Weltmeere abtauchte. Das ist auch die bekannteste Comicfigur des amerikanischen Zeichenkünstlers Winsor McCay, die den Leser gleichsam ins Unterbewusste, in die Tiefe der Traumwelten führte. Aber was auch immer da an Abenteuerlichem und Bedrohlichem geschah, "Little Nemo" entkam auch den übelsten Situationen - indem er jäh aufwachte.

Seinem überaus fleißigen und produktiven Schöpfer hat das Wilhelm-Busch-Museum nun die von dem Kunsthistoriker Alexander Braun kuratierte Ausstellung "Winsor McCay (1869-1934) Comics, Filme, Träume" gewidmet, die schon im Bilderbuchmuseum Burg Wissem in Troisdorf gezeigt wurde und danach noch in andere Städte weiterzieht.

McCay, am Lake Michigan geboren, entzog sich den elterlichen Plänen, ihn zum Kaufmann zu machen. Stattdessen studierte er Kunst und zeichnete Besucherporträts und Plakate für ein Dime Museum, eine Mischung aus Varieté und Freakshow. 1903 kam er nach New York, wo er für das Zeitungsimperium von James Gordon Bennett als Zeichner für die damals sehr populären großformatigen und farbig gedruckten Comicbeilagen arbeitete. McCays kleiner Nemo war so beliebt, dass er schon 1908 zur Hauptfigur des damals teuersten Broadway-Musicals wurde.

Es war nicht die einzige erfolgreiche Erfindung McCays. Zu seinen ersten Figuren gehört jener kleine Sammy, der immer im ungeeigneten Augenblick niesen musste, damit zuverlässig eine Katastrophe auslöste und dann am Ende des Strips aus dem Comic gekickt wurde. Schon an dessen bürgerlichen Aufzug sieht man, dass der "New York Herald", in dem der Strip erschien, eher von einem gehobenen Publikum gelesen wurde.

Dieses konnte dann auch McCays selbstironischen und selbstbezüglichen Umgang mit dem Medium goutieren: Da ärgern sich beispielsweise Figuren über ihren Schöpfer oder fordern von der Druckerei den Einsatz der richtigen Farben.

Das Publikum teilte mit dem Zeichner das Interesse an Träumen - ein Thema, das um die Jahrhundertwende im weit entfernten Europa auch einen Arzt namens Freud beschäftigte. Zwei Jahrzehnte vor Dalí oder Magritte kreierte McCay surreale Welten, in denen die Proportionen verzerrt sind, Figuren mit Giraffenhälsen oder monströsen Segelohren umhergehen oder - zu Thanksgiving - Riesentruthähne ganze Häuser verspeisen. Anders als die Nemo-Geschichten, in denen ein kleiner niedlicher Kerl im Schlafanzug durch Schlummerland streift, richtet sich die Serie "Dream of the Rarebit Fiend" an Erwachsene. Der Titel verweist auf einen überbackenen Käsetoast, der, am Abend genossen, dem Esser üble Albträume beschert, in denen sich der schwarze Humor des Zeichners austobt.

Biografen glauben, dass diese Faszination für seelische Abgründe auch mit familiären Erfahrungen zu tun hat, McCays Bruder verbrachte Jahrzehnte seines Lebens in der Psychiatrie. Aber auch seine Nähe zum Varieté (mit Damen ohne Unterleib und Zerrspiegeln) spiegelt sich in seinen grotesken Figuren und seiner Vorliebe für verzerrte Perspektiven.

Er blieb auch neben seiner Tätigkeit als Comiczeichner, die ihn zum wohlhabenden Mann machte, dieser burlesken Showwelt treu. Als es ihn zu Gastauftritten nach Europa zog und sein Verleger ihm das verbieten wollte, wechselte er 1911 zum Pressezaren William Randolph Hearst, wo er ein neues Feld für sich entdeckte: Mit so kunstvollen wie allegoriereichen Cartoons illustrierte er das Editorial der Zeitungen seines neuen, politisch hoch ambitionierten Verlegers.

McCay war nicht nur ein technisch perfekter Handwerker, der sich vor allem auf irritierende Blickwinkel verstand und Bewegungsabläufe zeichnete, er brachte die Zeichnungen tatsächlich in Bewegung.

Er gilt als der Erfinder des Zeichentrickfilms. Alle seine fünf Filme werden in Hannover gezeigt. McCay schuf dabei immer eine Rahmenhandlung als Realfilm, in dem er das Publikum mit Sinn für Slapstick mit der Technik des Zeichentricks vertraut machte. Als in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts eine Art Dinowelle über New York rollte, entwickelte er Gertie, den Dinosaurier, der zwölf Minuten lang kleine Elefanten beeindruckte oder Tannen fraß. Allein mit einem Assistenten hat er die mehr als zehntausend Einzelzeichnungen angefertigt. Eine beeindruckende ästhetische Weiterentwicklung des Genres gelang ihm mit seinem Film über den Untergang der "Lusitania" 1915 - deren Versenkung durch deutsche U-Boote war einer der Gründe für den amerikanischen Kriegseintritt 1917. Hier wurden mehr als 20000 Zeichnungen angefertigt, damit war ihm zugleich ein Propaganda-, ein Dokumentar- und effektvoller Kunstfilm gelungen.

Die Ausstellung macht einmal mehr deutlich, dass Cartoons und Comics selbstverständlich neben anderen Kunstformen bestehen können. McCay findet für die Erfahrungen seiner Epoche eine künstlerisch anspruchsvolle Form, in der auch die Nachfahren die Atmosphäre dieser Zeit nachempfinden können.

Das "Wilhelm Busch. Deutsches Museum für Karikatur & Zeichenkunst" zeigt die Ausstellung, die am Sonntag um 11.30 Uhr eröffnet wird, bis zum 3. Juni. Geöffnet ist sie dienstags bis sonntags und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr.

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