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Kultur Ein Kaktus für Putin
Nachrichten Kultur Ein Kaktus für Putin
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00:15 23.01.2014
Waldimir Kaminer liest im Pavillon. Quelle: Kristoffer Finn
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Hannover

Herr Kaminer, Wladimir Putin wurde vom Magazin „Forbes“ gerade erstmals zum mächtigsten Mann der Welt gewählt. Was macht ihn dazu?
Je länger man in einem Sessel sitzt, desto mächtiger wird man. Für Putin sind seine Kollegen aus den USA und aus Europa nur Eintagsfliegen, weil ihre Amtszeit meist begrenzt ist. Putin könnte bis zum Tod an der Macht sein. Angela Merkel könnte ihm aber Konkurrenz machen, wenn sie ein paar Skistunden nähme.

Inwiefern?
Putin ist ein guter Bergskifahrer und beherrscht den Slalom. Er schwenkt nach rechts, wenn das Volk es will, und wenn ihn jemand von links überholen will, dann weicht er in diese Richtung aus. Auch Merkel ist gut im Slalomfahren, sie ist sozialer als die SPD und liberaler als die FDP und konservativ ohnehin. Bei Putin fällt das Ganze nur extremer aus, weil er keine Rücksprache mit dem Parlament halten und keine Gegner auf Augenhöhe fürchten muss. Bestes Beispiel für seine Slalomtaktik ist die Freilassung der Kreml-Gegner Chodorkowski und Pussy Riot - für Wladimir Putin nur ein Manöver.

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Was halten Sie davon, dass Chodorkowski, ein Oligarch mit zweifelhaftem Ruf, in Berlin empfangen wurde?
Weshalb auch nicht? Kein Russe, der in diesen Zeiten ans große Geld gekommen ist, hat eine weiße Weste. Nur, dass die anderen immer noch Freunde von Putin sind, während Chodorkowski sich nicht manipulieren ließ und in den Knast wanderte. Während seiner Gefängniszeit haben sich so viele Heldensagen um ihn gesponnen, dass es für viele ernüchternd ist, dass er jetzt in den Schatten tritt, statt politisch aktiv zu werden.

Russland will trotz des Anti-Homosexuellen-Gesetzes auch Schwule in Sotschi willkommen heißen. Ihr russischer Kollege Wiktor Jerofejew verglich das im „Spiegel“ mit den Olympischen Spielen in Nazi-Deutschland 1936, als Juden und Homosexuelle auch nicht verfolgt werden durften. Stimmen Sie zu?
Dieser Vergleich hinkt, denn während die Ausgrenzung von Minderheiten im Dritten Reich zur Ideologie gehörte, resultiert sie in Russland aus Unwissenheit und Angst vor dem Unbekannten. Deshalb halte ich es auch nicht für richtig, die Olympischen Spiele zu boykottieren, denn sie sind Bildung pur. Ich kann mich noch an die Spiele von 1980 in Moskau erinnern. Damals versuchte die Regierung mit allen Mitteln, Kontakte zwischen ausländischen Gästen und der Bevölkerung zu unterbinden, doch es hat nicht funktioniert. So lernten wir mehr über die Welt.

Ganz so viel aber dann doch nicht, wenn das Misstrauen gegenüber Homosexuellen noch immer so groß ist ...
Wir Russen haben so lange hinter dem Eisernen Vorhang gelebt, dass wir noch immer geblendet sind von der Vielfalt auf der anderen Seite des Vorhangs. Wir sind wie Kinder, die das erste Mal in den Zoo gehen und staunend vor dem ersten Nashorn stehen bleiben, statt weiter zu gehen. Das Nashorn ist in diesem Fall die Homo-Ehe in Europa. Putin hat leichtes Spiel, sein Land als letzte Festung für ein konservativeres Familienbild in Szene zu setzen.

Der Ex-Fußball-Star Thomas Hitzlsperger hat sich gerade als homosexuell geoutet. Halten Sie das für mutig. Und: Ist der Rummel darum übertrieben?
Ich halte es für beides, mutig und übertrieben zugleich. Ich möchte gern die Zeit erleben, in der sexuelle Orientierung keinen Grund für gesellschaftliche Aufregung mehr gibt.

2018 wird in Russland die Fußball-WM ausgetragen. Wie stellen Sie sich das künftige Russland vor?
Es wäre ja schön, wenn sich allein durch Sportveranstaltungen eine Zukunftsperspektive für Russland entwickeln könnte. In Sport und Ballett waren wir schon immer gut, bei der Weltraumfahrt auch. Aber das wahre Leben ist kein Ballett, da muss man täglich ackern.

Apropos ackern, Sie touren mit Ihrem Buch „Diesseits von Eden. Neues aus dem Garten“ durch die Republik, darin geht es um ein Schrebergarten-Projekt. Welches Gewächs würden Sie Putin gerne in den Garten pflanzen?
Einen Kaktus. Der braucht wenig Fürsorge. Und wenn er dann mal blüht, sieht er sehr schön aus.

Interview: Nina May

Kaminers Lesung am Dienstag im hannoverschen Pavillon ist ausverkauft.

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